Gott befohlen

Wachet auf, ruft uns die Stimme. Dieses Lied vor der Predigt passt zu unserem Wochenspruch: Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.

Es geht an diesem Ewigkeitssonntag um Wachsamkeit. Von dieser besonderen Wachsamkeit, die gemeint ist, redet auch Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem. Dabei geht es um eine Wachsamkeit, die dem wirklichen Leben gilt:

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Dass Christus wiederkommen wird, ist Teil des christlichen Glaubensbekenntnis, sagt aber nichts darüber aus, wann und wie das geschehen wird. Dazu gehört auch das Bekenntnis, dass er schon heute mitten unter uns ist, auch wenn wir auf die Vollendung noch warten müssen.

Wachen und Beten. Das haben viele am Krankenbett gemacht. Hat es geholfen? Das weiß ich nicht. Das liegt im Gefühl des Wachenden und Betenden, der sich am Ende geborgen fühlt, weil er diesen Weg gehen konnte oder sich leer fühlt, weil alles nicht geholfen hat. Ich glaube und ich hoffe, es hat in jedem einzelnen Fall genützt, zu wachen und zu beten. Dem Sterbenden, der nicht allein blieb, sondern sich begleitet wusste von seinen Lieben und ihren Gebeten, aber auch den Überlebenden, denn dieses Dasein hat sie verändert zum Guten. Das berichten mir immer wieder Menschen, wie sehr es ihnen geholfen hat, wie sehr das die Beziehung zu dem Menschen noch einmal verändert hat, dieses Miteinander aushalten – Wachen und Beten. Wie Vieles gut wird, wenn man so beieinander sein darf. Das gelingt leider nicht immer und wo es nicht gelingt, ist eine Schuldfrage unangebracht. Mein Mitleid gilt dann eher denen, die plötzlich jemanden hergeben müssen oder mit einem Verstorbenen im Streit lagen und sich nicht mehr versöhnen konnten. Die keine Gelegenheit hatten, diesen Weg mitzugehen, der zum Tod führte.

Es sind manchmal sehr bittere Erfahrungen, die Menschen machen, die im Leben auseinander gedriftet sind und sich nicht rechtzeitig wieder aufeinander zubewegen konnten. Ich glaube, um diese menschlichen Erfahrungen geht es Jesus auch: Wachet und betet, dass Ihr immer beieinander bleibt, auch wenn Euch manches trennt. Arbeitet daran, dass Eure Beziehungen niemals eine Qualität erreichen, an der Ihr euch nichts mehr zu sagen habt – und dann plötzlich feststellt, dass es ein zu Spät gibt. Wachet und Betet, dass Euch zwar vieles unterscheiden mag, aber nichts voneinander trennen kann.

Wachen und Beten, dass meine Verhältnisse gesund bleiben, selbst da wo ich unschuldig bin an Streit und Missverständnissen. Das ist wichtig für wirkliches Leben, für ein Leben, das jenseits von wirtschaftlichem Erfolg stattfindet. Wachen und Beten für ein Leben vor dem Tod, in dem die Liebe Christi ihre Macht behält.

Wachen und Beten auch, dass ich empfindsam werde für Momente, in denen ich gebraucht werde, in denen meine Gegenwart Mitmenschen gut tut, auch wenn es da noch andere Geschichten gibt.

Nur wer so wacht und betet und den Wert der geschenkten Zeit zu schätzen weiß, wird den Sinn von Jesu Worten begreifen – auch für die Ewigkeit. Die Ewigkeit beginnt heute. Mit der Frage, wie geh ich um mit mir, meinen Gefühlen, meinen Zusammenhängen und mit den Menschen die Gott mir als Gabe – und manchmal auch als Aufgabe zugesellt hat.

Denn wir haben die entscheidende Zusage: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht.

Die Worte Christi können uns helfen, unser Leben zu sortieren. Wenn wir uns erinnern, was wir Gott wert waren, dass er in seinem Sohn Jesus Christus Mensch geworden ist, dann wissen wir auch etwas über unseren Wert und den Wert unserer Mitmenschen. Und dann ahnen wir vielleicht, was ein neues Leben aus dem Geist der Geschwisterlichkeit heraus für uns alle bedeuten könnte.

Gott selber will einen neuen Himmel und eine neue Erde. Für die Menschen. Und wir sind eingeladen, an diesem Werk mitzuwirken.

Das Abschiedswort ‚adieu‘ bedeutet ‚Gott befohlen‘. Wir dürfen Menschen verabschieden und Gottes Fürsorge anbefehlen. Aber wir dürfen nicht Menschen fallen lassen. Wir dürfen einander begleiten und füreinander da sein. Es ist gut, wenn wir das als Chance begreifen und nicht als Belastung sehen. Wir dürfen wachen und Beten – füreinander und miteinander.

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