Ja oder Nein

Predigt P. Musiolik 23.Sonntag n. Trin. Mt 5-33-37

Das war schon eindrucksvoll, wie Altbischof Horst Hirschler uns vorgestern beim Stiftungsabend in die Vergangenheit entführt hat. Wir sehen Martin Luther am Abend des 17. April 1521. Auf der Anklagebank. Auf einem Tisch vor dem Gericht liegt das Corpus delicti, die Beweisstücke. Kampfschriften Luthers, in denen er die Kirche und ihr Brauchtum hart angreift. Luther wird aufgerufen: Tritt vor. Erkläre dich und bekenne. Sind das deine Bücher. Stehst du noch dazu? Überlege gut! Luther weiß, es geht jetzt um Kopf und Kragen. Ausführlich geht er auf seine Schriften ein. Der Anwalt unterbricht: Gib eine einfache Antwort – ohne Hörner und Zähne (also kein TheologenChinesisch). Luther ruft: Widerrufen kann und will ich nichts. Hier stehe ich und kann nicht anders.

Nicht jedes Wort ist verbürgt, aber das klare eindeutige Bekenntnis läutet ein neues Zeitalter ein. Der Mut eines Christen zur ungeschminkten Wahrheit markiert das Ende des Mittelalters.

Das hat damals richtig Mut gekostet. Luther riskierte sein Leben. In solcher Gefahr hast du nicht gesteckt, als du dich das letzte Mal hättest klar zu einer Person oder einem Vorhaben bekennen sollen. Und dich geflüchtet hast in ein Ja, aber. Ein noch nicht. Ein ich enthalte mich. Oder du hast einfach geschwiegen. Wir wissen, eigentlich müsste ich deutlich sagen, was Sache ist. Aber wir fürchten die Folgen. Drucksen rum oder schicken andere vor.

Dabei sehnen wir uns nach Wahrheit. Wir misstrauen den Beteuerungen der Berühmtheiten. Ihren Versprechen oder Beruhigungspillen. Wenn staatsmännisch oder frauisch elegant die Fragen der Presse umgangen werden. Selbst wenn der Herr Präsident mal ungestört reden darf ohne dass ein Reporter unangenehm nachfragt, dann müssen die Worte immer noch abgesichert werden, aufpoliert durch einen würdigen Rahmen. Der den Worten Weihe geben soll und einen seriösen Anstrich. Der Adventskranz bei der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. Im Hintergrund die Deutschlandfahne. Das Pult mit dem Adler, hinter ihm nimmt the president of the United States Position. Nachdem der Herold ihn aufgerufen hat. Alle Anwesenden im Saal sind aufgestanden beim Eintreten wie einst in der Schule, wenn der Lehrer ins Klassenzimmer trat. Und natürlich hat der Präsident die Stars and Stripes in seinem Rücken. Das Amt, das Wappen der Nation müssen die dürren Worte einrahmen. Reichen die denn nicht?

Sie reichen, wenn sie wahr sind. Denn die Wahrheit spricht für sich selbst. Und eigentlich sehnen wir uns danach. Nach der Wahrheit in uns. Nicht nur danach, dass andere mit uns ehrlich sind. Auch danach, dass wir uns selbst nicht verbergen müssen. Wir sind Geschöpfe Gottes. Wir sind so gemacht, dass wir vor Gott durchsichtig sind. Es widerstrebt uns im Grunde, wenn wir uns vor anderen, vor Gott, vor uns selbst zu verstecken versuchen.

Du wünscht dir, dass einer dich wirklich versteht. Dass es irgendeinen Platz in der Welt gibt, wo du ganz ehrlich sein kannst.

Es hat verheerende Folgen, wenn ein Mensch das nicht hat. Einen Platz, wo er einfach nur er selbst sein kann. Ohne Maske und Theaterspielen. Und wer überhaupt keinen Menschen hat, vor dem er sich traut, ehrlich zu sein, der hat jedenfalls die Möglichkeit, vor Gott ehrlich zu sein.

Das ist das Gute, wenn wir allein beten. Wir müssen da keine Rücksicht auf Menschen nehmen. Können uns so geben, wie wir wirklich sind. Wer keinen Menschen hat, vor dem er ehrlich sein kann, der soll auf jeden Fall beten. Damit er weiß, wer er ist.

Selbst dem Martin Luther fehlte am ersten Verhandlungstag in Worms der Mut zu einem einfachen Ja oder Nein. Er bat um einen Tag Bedenkzeit. Sie wurde gewährt. Luther kehrte zurück in sein Quartier und verbrachte die Nacht im Gebet. Es war ein Ringen mit Gott. Ein Schreien und Flehen und Klagen. Laut hat er gebetet. Die NSA hatte schon damals ihre Vorläufer. Der Feind hörte mit, aber die Freunde auch. Andere im Flur oder im Zimmer nebenan, sie fingen einzelne Sätze auf, schrieben sie mit. Die einen voll Bewunderung, die anderen voller Tücke. Das ist erhalten.

Dem Martin Luther hat das geholfen. Seinem Gott konnte er das alles sagen, seine Angst, um sein Leben vielleicht, oder noch eher die Furcht, von seiner Kirche verstoßen zu werden, ganz und gar missverstanden. Das hat er vor Gott ausgebreitet, hat ihn angerufen im Namen Christi. Und empfing neue Kraft. Konnte am Tag darauf ganz ruhig, frei von aller Menschenscheu seine Überzeugung benennen.

Die haben wir ja alle, unsere Überzeugungen. Aber wir mögen sie nicht sagen. Jedenfalls nicht vor jedem.

Was wird passieren, wenn du einfach ehrlich bist? Was wird passieren, wenn du deinem Kollegen sagst, wie sehr er dir auf die Nerven geht? Was wird passieren, wenn du deinem Partner sagst, dass die Liebe zu ihm fast erloschen ist. Was wird passieren, wenn du deinen Eltern sagst, wie sehr sie dich nerven? Was wird passieren, wenn die Leute erfahren, dass ich mich meinen Aufgaben kaum gewachsen fühle und die Probleme nur vor mir herschiebe und vertusche?

Niemand lügt aus purem Spaß an der Unwahrheit. Wenn doch, hat er lange gebraucht, bis es so weit ist. Und selten nur ist es die platte Lüge. Meist lassen wir was weg, oder übertreiben. Wir gehen der Wahrheit aus dem Weg, denn wir fürchten die Folgen.

Wir fürchten Streit und Feindschaft. Wir fürchten die Reaktion der anderen. Und weil wir uns fast alle davor fürchten, rühren wir nicht an die Fassaden, die wir gegenseitig aufbauen.
Lügen sind oft Notlügen. Sie verhindern die Einsicht in die Wahrheit, vor der wir Angst haben. Statt der Ausrede: Ich kann nicht kommen, ich habe keine Zeit!

Statt könnten wir sagen: Ich habe keine Lust, mir sind andere Dinge wichtiger. Dann bestände die Chance, miteinander zu reden über das Dahinterstehende, etwa die Beziehung, die so unbefriedigend ist.

Aber wir möchten Frieden und keinen Streit. Wir wollen keine intensive Auseinandersetzung. Und was bekommen wir dann? Wir bekommen eine Schein-Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die darauf beruht, dass wir stillschweigend bestimmte Themen und Zusammenhänge ausklammern. Eine Gemeinschaft, die ihre deutlichen Tabus hat. Die werden nicht angesprochen.

Ich erinnere mich sehr gut, wie von meinen Eltern, oder anderen Verwandten, da war ich schon lange aus dem Haus, Maulkörbe verteilt wurden und klare Anweisungen, wenn peinliches passiert war, es müsse intern bleiben oder nur der und die dürfe das erfahren und zwar in der und der Form. Zum Wohl der Familie.

Und das ergibt dann Ehen, Verwandtschaftsbeziehungen, Freundschaften, Mitarbeiterrunden, auch in Kirchengemeinden. Da bleibt alles strikt an der Oberfläche. Man spricht nicht über Missverständnisse, Frustrationen und verborgene Wunden. Man lässt die anderen nur in die gute Stube. Alles andere ist tabu.

Aber der liebe Friede, der dadurch entsteht, hat seinen Preis. Die unausgeräumten Missverständnisse, die ungenannten Kränkungen und Verdächtigungen. Die gesammelten Enttäuschungen. Sie begleiten uns weiter. Sie vergiften die Atmosphäre. Sie melden sich als schlechte Laune. Gereiztheit. Motivationslosigkeit. Schweigen. Streit um Nebensächliches. Sie übertragen sich auf andere, die mit dem ursprünglichen Problem gar nichts zu tun haben.

So gehen unzählige Ehen, Familien, Freundschaften, Mitarbeiterteams den Weg von einem hoffnungsvollen Anfang zu einem Ende als Scheingemeinschaft.
Und die Veränderung ist so schwer. Weil wir alle ahnen, was das erste wäre, wenn wir uns der Wahrheit stellen würden. Es würde knallen. Es gäbe Schreie und Tränen. Wir hätten massiven Streit. Wir müssten Scherben aufsammeln und Wunden verbinden.
Darum ist uns jeder Friede, und sei er noch so trügerisch, lieber als dieses Chaos.

Und oft ist das ja nicht nur die Befürchtung, es kommt ein „Was fällt dir ein“ – Protest und ein „Kommt nicht in Frage“ oder „Das hätte ich nicht von dir erwartet!“ Oft kommt es ja wirklich.
So wie es kam, als Jesus die Jünger um sich rief und ihnen reinen Wein einschenkte: Das wird jetzt kein Spaziergang, wenn wir in Jerusalem einziehen. Die werden uns nicht den roten Teppich ausrollen und wenn nur fürs Tageblatt. Die Wochenzeitung endet mit Karfreitag und Karsamstag. Mit Verachtung und Spott und Hohn und Schmerz und Verfolgung für mich und für euch alle.

Da sind sie ihm ins Wort gefallen. Hör auf damit! Nur keine Panikmache! Das werden wird verhindern. Wir halten zusammen. Das sind alles nur Schreckgespenste. Alles wird gut!

Aber Jesus bleibt bei seinen Vorhersagen. Er nimmt nichts zurück. Er wiederholt das gleiche bei anderer Gelegenheit. Aber die Jünger wehren es auch da ab.

Also einerseits lieben wir die Wahrheit. Und auf der anderen Seite können wir sie nicht ertragen. So wie der junge Martin Luther, als ihn sein Weg, ich vermute in Erfurt, an einer Kirche vorbei führte, wo eine Christusfigur stand mit Schwert und Lilie. Er fürchtete sich davor, verdeckte das Gesicht im Vorbeigehen, schaute nicht hin.

Er sah halt damals nur den strengen, den hart urteilenden und verurteilenden, unbarmherzigen Gott. Und Christus als den Vollstrecker seiner Gerichte. Und Martin Luther hat gelitten unter dieser Diskrepanz zwischen der Gerechtigkeit, die Gott fordert, und dem bischen, was er, Martin, auf die Reihe kriegt.

Aber dann hat er die Bibel entdeckt. Er war schon 20, als er sie erstmals gelesen hat. Vorher kannte er nur die Stücke, die im Gottesdienst drankommen. Es wurde eine Entdeckungsreise. Was die Kirche zurecht gelegt hatte, ausgeklammert, dort in den Mittelpunkt gestellt, natürlich alles in guter Absicht, erkennt Luther als einseitig. Er will sich nicht mehr abspeisen lassen mit dieser für den Hausgebrauch zurecht gestutzten Religion.

Was er da entdeckt hat, macht ihn sprachlos. Statt des Gottes, der Gerechtigkeit und Wahrheit fordert, findet Luther einen Gott, der Gerechtigkeit und Wahrheit verleiht. Wollte Luther vorher noch heiliger werden als seine Mönchskollegen, steht er jetzt zu seinen Schwächen. Er weiß, Gott kann mich mit meinen Fehlern und Eigenheiten gebrauchen.

Statt gekünsteltem frommen Getue wie in seinen ersten Mönchsjahren tritt Luther jetzt unbekümmert auf. Redet wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das schockiert und fasziniert. An der Uni drängen sich die Studenten zu seinen Vorlesungen. Denn wo das was wahr ist, offen und ohne falsche Rücksichten hinaus gerufen wird, wird es immer die Menschen anziehen.

Trotzdem hätte es damals in Worms nicht gereicht, selbst wenn Luther all seinen Mut zusammen genommen hätte. Jesus hat ihn gestärkt. Luther ging wie verhanwelt in die zweite Halbzeit. Der Heilige Geist hat ihn ruhig gemacht und die Worte in den Mund gelegt.

Ohne solche Hilfe wird keiner von uns den Mut zur Wahrheit finden. Wir werden uns weiter flüchten in Drumrumgeiere oder uns hinter anderen verstecken. Wir werden weiterhin auf Vorgesetzte verweisen oder auf Paragrafen, auf Stillhalteabkommen, auf außergewöhnliche Umstände, auf Familienpflichten, auf unser persönliches Risiko.

Wenn wir davon abweichend einfach sagen würden, was wir auf dem Herzen haben, was wir für richtig halten, was uns schon lange gegen den Strich geht, stünden wir ja allein.
Aber du stehst nicht allein. Christus steht hinter dir. Er kann dein Herz ruhig machen, die Stimme fest, den Sinn glasklar. Und du bringst die Worte hervor, die sonst so schwer gefallen wären, ja, nie heraus kämen. Und schaust dabei den anderen ins Gesicht. Ohne mit der Wimper zucken.

So wie die Frau, die damals in der Mittagshitze, als sie wusste, keiner ist auf der Straße, mit ihrem Krug unterwegs war. Zum Brunnen gegangen war, Wasser holen. Sie traute sich nicht mehr unter die Leute. Sie wollte um jeden Preis verborgen halten, wie es bei ihr zu Hause aussah. Wo ihr Freund war. Mit dem sie nicht zusammen sein durfte. Von dem sie hoffte, jetzt hab ich einen gefunden, der sich ganz zu mir stellt. Und zugleich fürchtete, es wird wieder nichts wie bei den anderen zuvor. Aber das darf keiner erfahren. Dabei wussten es schon alle.

Am Brunnen steht ein Fremder. Es ist Jesus. Er spricht mit ihr. In aller Offenheit. Sie merkt, der kommt von Gott. Sie spricht mit ihm über alles, was sie schon immer bewegt. Erst was den Glauben angeht. Dann das ganz private.
Und sie erkennt: Das ist der Messias. Der alles in Ordnung bringt. Auch die Unordnung bei mir. Das Versteckspiel. Vor den Männern, die ich an mich binden wollte. Vor den Leuten, denen ich heile Welt vorspiele.

Sie fasst Vertrauen zu Jesus. Sie bindet ihr Leben an ihn. Und auf einmal richtet sie sich auf. Kerzengerade. Festen Schrittes geht sie dahin, wo die anderen aus dem Dorf gerade zusammen stehen. Sie hat jetzt nichts mehr zu verbergen. Die Leute sind gar nicht so schockiert oder ablehnend, wie sie früher immer gefürchtet hat. Sie sind überrascht. Dass sie so offen reden kann über sich. Und was sie von Jesus hält. Und viele machen sich selber auf zu dem Mann am Brunnen.

Wünscht du dir das nicht auch? Sorglos und ganz natürlich reden können, wie es um einen selber steht und von dem Glauben, der einen selber trägt?

Dann käme bestimmt ein Echo: Ein Ja, Ja, diesen Gott will ich auch kennen lernen. Von anderen ein Nein, Nein, so wichtig soll das ganze nicht werden bei mir.

Das ist es, was unsere Welt braucht. Und erst recht die Kirche. Nicht ihre Mängel, sondern das Verschweigen der Mängel bringt sie in Gefahr. Nicht ein Verlust an Personal, sondern an Glaubwürdigkeit ist die Bedrohung. Dazu kann uns nur Jesus helfen. In seiner Nähe bekommt die Wahrheit Raum.

Da wird die Luft wieder rein, wir werden gesund und bekommen Freude daran, wenn man ehrlich ist miteinander. Da verbreiten sich Licht und Klarheit .Und Trug und Schein muss weichen. Amen.

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