Worauf Verlass ist

Liebe Gemeinde,

den 23. Sonntag nach Trinitatis gibt es nicht alle Jahre und so auch leider nicht diesen wunderbaren Predigttext, in dem Jesus das Verhältnis von Gott und Welt viel grundsätzlicher bedenkt, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Ja, dass wäre schön, wenn es auf der Welt so zuginge, dass ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein wäre. Ohne Wenn und Aber. Ohne Sowohl und Als-Auch. Ohne Vielleicht. Ohne all das Kleingedruckte, das wir auch dieses Jahr im Wahlkampf so gerne überhört haben. All die Wahlversprechen, hinter denen im Kleingedruckten steht: Wird gehalten, aber nur wenn das Geld dafür da ist. Auf Deutsch: Wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gehalten.

Wer von uns wird im Lauf der Jahre nicht immer mutloser und hoffnungsloser bei der Frage, auf wen oder was denn überhaupt noch Verlass ist? Auch in der Kirche und vielleicht gerade da. Die Schlagzeilen über Gottes Bodenpersonal füllen dieser Tage die Blätter. Auch hier erweisen sich die Sonntagsprediger der Armut als Luxusverwöhnte im Alltag. Was im Straßenverkehr unter Umständen tödlich ausgehen kann, ist im täglichen Verkehr auch der Christenmenschen untereinander leider viel zu oft gang und gäbe: Rechts blinken und links abbiegen.

Evolutionsforscher haben herausgefunden, dass die Fähigkeit zur intelligenten Lüge bei der Entwicklung vom Affen zum Menschen eine wichtige Rolle gespielt hat. Beschiss als wichtiger Vorteil der Evolution zum homo sapiens. Das könnte sich im Zeitalter der Globalisierung vielleicht in Zukunft als entscheidender Nachteil für den Menschen herausstellen. Wie dem auch sei, das „Jain“ scheint zu ihm zu gehören, seit er den Mund aufmacht.

Wenn wir dem Bergprediger Jesus von Nazareth zuhören, merken wir freilich schnell, dass er nicht über uns und unsere Welt referiert, sondern vom Himmelreich spricht. Er predigt nicht, was und wie unsere Welt und wir sind, sondern was und wie unsere Welt und wir einmal werden sollen. Die Bergpredigt ist sozusagen die Zukunftsmusik für unsere Welt. Wer musikalisch ist, weiß, wie selbst eine solche Zukunftsmusik schon heute im Herzen klingen, Herzen bekehren und verändern kann. Diese Musik singt nicht von dieser Welt, sondern von Gott und seinem Reich. Mag schon sein, dass auf den Menschen wirklich in keiner Hinsicht Verlass ist. Aber auf Gott ist Verlass!

Eberhard Jüngel erinnert in seiner 40 Jahre alten Predigt gerade daran: „Als er Ja sagte zu dieser Welt und Nein zum Chaos, da schuf Gott Himmel und Erde. Die Welt zu bejahen und das Chaos zu verneinen, das ist Gottes unwiderruflicher Schöpfungsakt. Und innerhalb der Schöpfung wiederum das Leben zu bejahen und den Tod zu verneinen, das ist Gottes unwiderruflicher Liebesakt. Und unter den Menschen die Gottlosen zu bejahen und die Gottlosigkeit zu verneinen, das ist Gottes unwiderruflicher Versöhnungswillen. Gott sagt nicht heute Ja zu uns und morgen Nein, sondern in unverbrüchlicher Wahrheit und Treue: Ja. Keinem Menschen, auch dem ärgsten Gegner nicht, darf diese göttliche Bejahung abgesprochen werden. Sie darf ihm nicht einmal vorenthalten werden – wie denn auch kein Mensch das Recht hat, sich selber Gottes heilsames Ja vorzuenthalten oder gar abzusprechen. Ein nie und nirgends mehr bejahter Mensch – das ist ein hoffnungsloser Fall. Doch für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

Kein noch so gottloses Argument, aber auch kein noch so frommer Vorbehalt darf deshalb Gottes Ja zum Menschen noch einmal problematisieren. Nichts ist niederträchtiger, als hier am Ende doch noch Ja und Nein zu vermischen zu einem trüben Vielleicht. Wo immer dieses trübe Geschäft geschieht, da geschieht die schlimmste aller Sünden, denn da wird Gottes Wahrhaftigkeit beleidigt. Zu diesem trüben Geschäft sagt Gott ein für alle Mal: Nein! Das soll eben gerade nicht sein, dass der Mensch aus Ja Nein macht und aus Nein Ja.

Wo dergleichen geschieht, liebe Gemeinde, wo Ja und Nein willentlich und gar methodisch durcheinandergebracht werden, da ist kein Verlass, da weiß man nicht, woran man ist, da gerät unser Fuß auf schlüpfrigen Boden. Nicht so bei Gott. Woran wir bei Gott sind, kann jedermann wissen. Auf seine Güte kann man sich verlassen. Auf Gott ist Verlass. Ja, man könnte Gott regelrecht so definieren: Gott ist der, auf den der Mensch sich verlassen kann. Denn sein Wort ist: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, ist nicht von Gott. Es ist vom Teufel. Es ist teuflisch, Ja und Nein durcheinanderzubringen. Wer Ja und Nein durcheinanderbringt, der bringt auch Sein und Nichtsein, bringt auch Leben und Tod durcheinander. Ja – Nein: auf diesem Unterschied steht die Welt. Ja muss Ja sein, und Nein muss Nein sein und bleiben. Darauf ist die Welt aufgebaut, darauf baut alles auf. Und wenn es nicht so wäre, könnte man auf nichts mehr bauen.“ (Eberhard Jüngel, Geistesgegenwart, München, 3. Auflage, 1979, S.162) Zitat Ende.

Da ist es wirklich schlau, dem Rat des Meisters Eckhart zu folgen, wonach der Mensch einzig auf Gott bauen soll. Auf den Gott, bei dem das Ja ein Ja und das Nein ein Nein ist. Wer das aber tut, der wird zwangsläufig aufmerksam werden, was so aus seinem Mund herauskommt oder auch nicht. Wer das tut, der wird merken, wie er als Mensch trotz bester Absichten herumeiert, und wie oft er rechts blinkt und dann doch links abbiegt. Ach, der Teufel steckt dann immer im Detail. Hören wir Eberhard Jüngel noch ein wenig zu:

„Aber eben dieses Detail, in dem der Teufel sitzt, das sind wir, liebe Gemeinde. Im Menschen lässt er sich nieder, mit menschlicher Hilfe realisiert er sich, mit menschlicher Kraft setzt er sich durch. Ohne den Menschen ist er nichts. Wie ein Parasit, um überhaupt da zu sein, etwas anderes braucht, eine Niederlassung braucht, so auch der Böse. Der Teufel ist der Parasit schlechthin. Er lebt davon, sich im Menschen niederzulassen, um dann seine Niederlassung zu verwüsten und das Unterste nach oben zu kehren, Ja und Nein durcheinander zu bringen und mit Methode aus Menschen Unmenschen zu machen. Deshalb ist das Unmenschliche teuflisch, ist die Unmenschlichkeit in allen ihren Gestalten die Hölle auf Erden. Dann hieße den Teufel austreiben auf jeden Fall dies: den Unmenschen im Menschen bekämpfen. Den Unmenschen im Menschen bekämpft man aber am besten noch immer, indem man dafür sorgt, dass man sich auf den Menschen im Menschen verlassen kann.

Deshalb also Jesu Forderung: ‚Euer Wort sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Teufel.‘ Der Mensch soll sich auf den Menschen verlassen können – so, wie er sich auf Gott verlassen kann. Ein Mensch, der Ja sagt und Nein meint, ist unzuverlässig. Ein unzuverlässiger Mensch aber macht auch seine Welt unzuverlässig, so dass man sich dann auf niemanden und nichts mehr verlassen kann.

Wo das geschieht, (…) wo man sich auf niemanden und nichts mehr verlassen kann, da ist wahrhaftig der Teufel los. Und da hilft dann auch kein Schwören und kein Eid mehr. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er selbst die Wahrheit spricht. Der Schwur macht den Menschen nicht verlässlicher. Denn wer schwört, beruft sich immer auf eine höhere Instanz. Wer schwört, beschwört Gott. Dafür ist Gott auch heute gerade noch gut genug: als Bürge für die Wahrheit unserer Rede einzutreten. Jesus hat das klar und eindeutig abgelehnt. Gott lässt sich nicht beschwören. Und er lässt sich deshalb nicht beschwören, weil der Mensch sich eben, wenn er es mit Menschen zu tun hat, auf den Menschen verlassen soll. Der Mensch soll so reden, dass man ihn beim Wort nehmen kann. Das also ist ein menschlicher Mensch: ein Mensch, den man beim Wort nehmen kann. Und das ist menschlich: sich aufeinander verlassen können.“ (Jüngel, aaO. S. 166)

Bei diesen Sätzen kriegt man schon einen Kloß im Hals vor lauter Sehnsucht und Trauer darüber, dass nicht die Welt, ja nicht einmal die Kirche, in den letzten vierzig Jahren wenigstens etwas mehr davon begriffen hat. Aber es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn das immer so bleibt. Deshalb nehmen wir Zuflucht zu dem, bei dem ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein ist und beten: „Ja, Heiland, reiß die Himmel auf! Und der Teufel soll zur Hölle fahren. Amen.“ (Jüngel, aaO. S. 167)

drucken