Wie listig; o, wie listig! – von der Wahrhaftigkeit im Alltag

"Romeo, oh Romeo, warum bist du nur Romeo? Verleugne deinen Vater, leg deinen Namen ab, willst du’s nicht, so schwör dass du mich liebst, und ich will keine Capulet mehr sein!" (Vgl.: W. Shakespeare, Romeo und Julia, Kap. 6)
Das, liebe Gemeinde, ist die Welt des Schwurs! Das ist der angemessene Ort des Schwörens: Zwei Menschen in einer besonderen Situation vergewissern sich gegenseitig. Romeo und Julia schwören sich ihre unbedingte Liebe. Romantisch ist das und packend und herzergreifend und tragisch.

Weniger romantisch, packend, herzergreifend, aber durchaus tragisch geht es in der Welt zu, die Jesus in der Bergpredigt vor Augen hat, diesem außergewöhnlichsten Text im Neuen Testament, als er klare Worte zum Thema „Schwören“ spricht!

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In Liebesdingen ist es klar: Jeder und jede wird sich über eine solche Vergewisserung der großen Liebe zueinander über die Maßen freuen, gibt so ein Schwur doch Sicherheit. In der Welt der Theologie hingegen sieht das anders aus. Hier ist „die Auslegung dieser Verse zur Stunde außerordentlich unsicher.“ (Vgl. D. Bonhoeffer, Nachfolge, Gütersloh 2002, S, 130)

Der Grund dafür ist, dass der Schwur eine Reaktion auf die vermutlich schon immer in der Welt befindliche Lüge ist. „Könnte der Mensch nicht lügen, so wäre kein Eid nötig.“ Das ist wenig romantisch, das ist der Alltag.
Und Bonhoeffer stellt ferner klar: „So ist der Eid zwar ein Damm gegen die Lüge. Aber eben darin fördert er sie auch, denn dort, wo allein der Eid die letzte Wahrhaftigkeit beansprucht, ist zugleich der Lüge im Leben Raum gegeben.“ (Vgl.: A.a.O., S. 31)

Eid und Lüge – beide bedingen sich also. Nichtsdestotrotz sieht das Alte Testament den Schwur, den Eid, durchaus positiv. Beinahe zweihundert Mal kann man dort etwas über den Schwur erfahren. Sogar Gottvater schwört, z.B. in der Geschichte um die Opferung Isaaks (1. Mose 22, 16): „Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR“ und lobt Abraham im Folgenden für seinen Gehorsam. Gott schwört erst selbst nur um den Schwur dann, ein paar tausend Jahre später, wieder zu verbieten?

So ist es, aber der Grund ist plausibel: „Das alttestamentliche Gesetz verwirft die Lüge durch den Eid. Jesus aber verwirft die Lüge durch das Verbot des Eides. […] Der Eid, den das Alte Testament gegen die Lüge stellte, wurde von der Lüge selbst ergriffen und in den Dienst gestellt. Sie vermochte sich noch durch den Eid zu sichern und Recht zu verschaffen. So muss die Lüge von Jesus dort gefasst werden, wohin sie flüchtet, im Eid.“ (Vgl.: Ebd.)

Aber der Mensch ist erfinderisch und gerade in Situationen, in denen es ihm an den Kragen gehen könnte, sucht er nach Auswegen, nach Möglichkeiten. Gerade in der Welt des Rechts, der Juristerei und vor Gericht kommt da die Möglichkeit des Eides gerade recht: Da dient "der Eid, im strengen Sinne, gerade nicht der Wahrheit, höchstens der Gewissensangst.“ (Vgl. M. Mezger, in: Assoziationen, Bd. V, Stuttgart 1982, S. 189) Oder anders gefragt: Kann so ein Eid die Wahrheit ‚wahrer‘ machen? Die Antwort kann nur lauten: Nein, kann er nicht. Der Schwur ist bloß „eine Krücke“ (Vgl.: A.a.O, S. 190), derer die Christen streng genommen gar nicht bedürfen, soll ihr Rede doch "Ja, ja. Nein, nein" sein. Schließlich gilt: Ein Christ, der schwört degradiert Gott zu einem Objekt und vergisst dabei, dass er über den ja nun wirklich nicht verfügen kann. Aber wir Menschen sind vergesslich und vergessen bisweilen auch mal die ganze Wahrheit. Das ist auch gar nicht immer schlimm, denn einen Typen, der immer die Wahrheit sagt, will auch keiner in seiner Umgebung haben. Unausstehlich wäre ein solcher Mensch. Stellen Sie sich vor: „Sie haben Krebs, ein Jahr noch, vielleicht. Sehr behutsam, so ein Arzt.“ Oder auf einer Großveranstaltung, der Festsaal ist voll: „Das Haus brennt!“ Durch Intelligenz zeichnet sich der, der das laut ausruft nicht aus, am Ende trampeln sich die Menschen in Panik tot. (Vgl.: A.a.O., S. 191)

Und der Typ, der immer die Wahrheit gesagt hat? Hat aller Wahrscheinlichkeit nach keine Freunde, keine Nachbarn und keine Frau mehr. Denn auch hier hätte er auf die Frage, „Schatz, bin ich zu dick?“, keine ausweichende Antwort geben, sich aber zeitgleich auf diese Weise viel Ärger einhandeln können. Es kann also nicht darum gehen, dass Christen einander verletzend begegnen. Ebenfalls bedenkenswert ist die Tatsache, dass viele Menschen überdies sehr „sorgsam damit beschäftigt sind, Geheimnisse ihres Lebens, sie mögen lange Zeit zurück liegen, nicht ans Tageslicht der Wahrheit kommen zu lassen. Nachvollziehbar! Mancher Ruf ist nachhaltig beschädigt, wenn Einzelheiten aus der Vergangenheit (Verhalten in der NS-Zeit oder in der DDR) bekannt oder aufgedeckt werden. – Hüten wir uns also, zu schnell einzustimmen und Jesu Einladung zur Wahrhaftigkeit als selbstverständlich, risikolos oder auch nur als leichte Übung zu verstehen!“ (Vgl. A. Strauch, in: Zentrum Verkündigung der EKHN, , Predigt am 23. Sonntag nach Trinitatis 2013)

Nein, risikolos ist es nicht, immer und überall die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit zu sagen. Vielmehr sollte die gegebene Handlungsanleitung Jesu darum auch in konkrete Situationen übersetzt werden. Ja, Jesus hat eine klare Anweisung gegeben, aber dazu gehört leider auch, dass er uns die Entscheidung, wann und wie und wo wir dieser folgen wollen, nicht abnimmt. Hier gilt: Jesus will wahrhaftige Menschen, keine, die seine Worte im täglichen Miteinander ad absurdum führen, weil sie verzweckt werden – soviel ist klar
„Wahrheit und Liebe sind keine feindlichen Brüder; eines verbindet sich mit dem andern. Man muss, wo Lüge und Heuchelei sich breit machen, wohl einmal dreinfahren; aber Wahrheit, die Glauben finden soll, sagt man ins Herz; man schlägt sie dem anderen nicht um die Ohren.“ (Vgl.: Ebd.)

Da ist es wieder, dieses Gefühl, das viele Christen kennen werden: Auf der Suche nach konkreten Muster-Anweisungen, die das Handeln des Einzelnen dirigieren und so von Verantwortung entlasten, kommt es doch wieder – situationsabhängig – auf mich an. Ja, so ist das! Im Stillen beneide ich die liebende Julia, die von ihrem Romeo einen Schwur fordert, der Sicherheit gibt! Aber ich darf nicht schwören. „Wie listig; o, wie listig“, sagt Kierkegaard da und fühlt wohl das gleiche: Es geht eben um die Wahrhaftigkeit der Christen, es geht um Worte, auf die man sich verlassen kann und es geht um die Menschen, die solche Worte sagen. Dieser Wahrhaftigkeit zu folgen ist nicht leicht. So eine Wahrhaftigkeit erregt immer „den Widerspruch der Sünder, darum wird sie verfolgt und gekreuzigt.“ (Vgl. D. Bonhoeffer, a.a.O., S. 133).

Also bleibt alles so wie es ist? Oder ändert sich etwas?
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist. Fangt also einfach an! Z.B. damit, mit dem Schören aufzuhören. „Das kostet nichts; es verlangt nicht einmal, dass du etwas tust, sondern unterläßt.“ (Vgl. zum Folgenden: M. Mezger, a.a.O., S. 192). Und wenn man erst einmal damit begonnen hat, werden sich Veränderungen einstellen. Nicht so, dass man es selber gleich spüre oder mitbekäme, aber andere werden es bemerken. Dann ist es wichtig, dass du „immer nur auf Ihn hörst, unbeirrt durch das Kopfschütteln der Spezialisten: Das sei Naivität.“ Und wenn du dann hörst, dass „du am falschen Zipfel“ anfasst, weil Jesu Forderungen in der Bergpredigt gar nicht so gemeint sei, und du da irgendetwas falsch verstanden haben musst, dann bleib dabei und lass dich auf diesen Versuch ein. Schließlich gilt: „Die Lüge zerstört die Gemeinschaft. Wahrheit aber zerschneidet falsche Gemeinschaft und gründet echte Bruderschaft.“ (Vgl. D. Bonhoeffer, a.a.O., S. 133ff)

Da will ich hin, notfalls auch mit dem ollen Kant im Gepäck, der hier als kompromissloser Wahrheitsfanatiker dennoch mein Anwalt sein kann: „Es kann sein, das nicht alles wahr ist, was ein Mensch dafür hält; dann kann er irren. Aber in allem, was er sagt, soll er wahr sein. Er soll nicht täuschen.“ (Vgl.: M. Mezger, a.a.O., S. 192)
AMEN!

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