Sei Mensch!

Wie viel Spielraum haben wir Menschen? Jeder therapeutisch tätige Mensch, jeder Coach, jede Lebensberatung und ich werden Ihnen und Euch sagen: einen großen Spielraum.

Nutzen Sie diesen Spielraum. Machen Sie sich groß. Erweitern Sie Ihre Möglichkeiten! Zu lange sind Menschen von der Kanzel klein gemacht worden. Sollten Sie still und ruhig und bescheiden und demütig sein. Sollten sich um Gottes Willen beschränken, um der Religion willen sich nicht entfalten. Und leider geschieht das immer noch. Und nicht nur in mancher Interpretation des Islam. Auch im Christentum, auch im evangelischen Christentum in Deutschland werden Menschen immer noch klein gehalten.

Und angesichts eines biblischen Gottes, der Menschen aus der Sklaverei geführt hat, Menschen geheilt hat, Menschen ermächtigt hat. Menschen etwas zugetraut hat, frage ich mich manchmal, woher solche Kleinmacher und Kleinmacherinnen die Begründung dafür nehmen.

Entfaltet Euch also. Nutzt die von Gott geschenkte Freiheit.

Die Frage ist: bis wohin? Wo endet meine Freiheit? Wir sind endliche Wesen. Wir leben auf einem endlichen Planeten. Unendliche Freiheit kann es also nicht geben. Wie viel Spielraum haben wir also, wenn uns erst mal davon ausgehen, dass es gut ist, den Spielraum zu nutzen und zu leben?

Darum geht es im Predigttext von heute. Auf den ersten Blick aber geht es um das „Schwören.“ Schwören aber heißt ja, seinen Spielraum zu erweitern, sich größer zu machen als man ist.

Ich schwöre dann, wenn mein Wort nicht mehr ausreicht. Wenn ich denke, der oder die andere glaubt mir nicht. Dann schwöre ich. Bei meiner Großmutter, bei der Bibel, bei Gott, bei der Welt, schließlich sogar bei meinem Leben.

Ich nehme etwas hinzu zu meinem Satz.

„Ich verspreche, ich werde die Keksdose oben auf dem Schrank nicht anrühren.“ …. „Ich schwöre es sogar, bei allem, was mir Heilig ist. Der Blitz soll mich treffen, wenn ich die Kekse anrühre.“ So oder ähnlich könnte ein Schwur im Alltag sein, wenn ihn ein 10jähriges Kind sagt, was nicht an die Weihnachtsplätzchen gehen soll.

Wenn ich schwöre, verfluche ich mich selbst zu einer bestimmten Bedingung. Ich mache mich größer als ich bin, denn ich setze ja voraus: Gott wird seinen Blitz auch tatsächlich senden, weil ICH das so gesagt habe.

Nun ist das eigentlich relativ gefahrlos. Wer ist, weil er dann doch in Abwesenheit der Eltern die Süßigkeiten gegessen hat, jemals direkt vom Blitz getroffen worden? Ja, man lebt vielleicht mit dem schlechten Gewissen. Aber die Strafe, die man herabschwört, die folgt selten auf dem Fuß.

Aber gedanklich nehme ich in Kauf, dass ich Gottes Handeln beeinflussen kann. In nehme in Anspruch, dass Gott automatisch sich meinen Schwur hält. Ich verfüge über ihn. „Wenn ich das und das nicht tue, dann soll Gott dies und das tun.“ Wer kann aber schon sagen, ob sich Gott wirklich für die Keksdose und meinen Schwur interessiert? Ob Gott mich mit dem Blitz wirklich bestrafen will?

Deshalb sagt Jesus in der Bergpredigt:

[TEXT]

Das alles ist, ich gebe es zu, ein wenig sperrig. In früheren Jahrhunderten diente der Text dazu, dass Christinnen und Christen verboten war, bei Gericht zu schwören. Heute wird der Schwur oder Eid bei Gericht eh nur noch sehr selten angewandt. Und bis auf solche Dinge, die man als Kind oder Jugendlicher schwört, ist der Schwur eigentlich – so nehme ich das wahr – aus dem Alltag verschwunden.

Was nicht verschwunden ist, ist die Frage, worüber ich eigentlich verfüge. Wie viel ich in der Hand habe. Wie viel Spielraum ich eben habe. Und das ist doch herzlich wenig.

Wir planen in der Kirche gerade mit Zahlen von 2030; das sind noch 17 Jahre – eine ganze Jugend. Wer kann das wirklich überblicken?

Unser Leben ist sehr begrenzt. Ich kann hier vorne sehr viel reden – was Sie / Ihr davon hört? Ich weiß es nicht.

Und gerade weil das so ist, weil wir letztlich wenig beeinflussen können, gerade weil das schwer auszuhalten ist, gerade deshalb versuchen Menschen immer wieder das Unmögliche. Wie viele Konflikte in Beziehungen kommen daher, dass man denkt, ich könnte den anderen ändern. Ob das jetzt in Liebesbeziehungen oder in Freundschaften ist: von außen erscheinen die „Probleme“ ganz einfach lösbar. Der andere muss nur dies und das anders machen, schon geht es.

Der Ehepartner muss nur nicht immer soviel Ansprüche stellen.
Die Schülerin soll nur aufmerksam sein.
Die anderen brauchen nur zuhören, dann…
Wenn ich schwöre, dann soll Gott doch…

Bei allem, beim Schwören, bei Beziehungskonflikten, sehe ich auf den anderen. Ich blicke von mir selbst weg. Wie ein Marionettenspieler bewege ich meine Fäden und… nichts passiert, „…denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen.“

Ich habe nichts und niemanden in der Hand. Nicht – um in der Reihenfolge zu sprechen, die Jesus benutzt – Gott, nicht die Welt, nicht meine Stadt, nicht meine Haare.

Wie schön. Wie schön, WIE schön.

Ich bin nur ein Mensch. GOTT – legt seine Füße auf die Erde, weil sie nur ein Schemel ist für ihn.

Ich sehe vielleicht realistisch ein Jahr in die Zukunft. Ich kann am Stück ungefähr 40 km laufen am Tag. Meine Arme reichen 80 cm weit, meine Beine 1,30 m. Außer mit Gewalt kann ich anderen nur etwas vorleben. Ich kann Vorschriften erlassen, vielleicht halten sich die Menschen daran, aber ob sie das in ihrem Herzen tun – ich weiß es nicht.

Darum geht es glaube ich Jesus in diesem Text: hier ist Gott – über ihn kann man sagen: Gott ist allmächtig, allgegenwärtig, heilig, groß, gerecht – Gott ist König.

Und dann ist da der Mensch: er ist Gottes Geschöpf. Nur begrenzt mächtig, nur begrenzt gegenwärtig, nur begrenzt heilig, kleiner als Gott, nur begrenzt gerecht.

Aber der Mensch HAT innerhalb dieser Grenzen, als Mensch unendlich viele Möglichkeiten. Innerhalb meiner Grenzen kann ich mich als Mensch frei bewegen, solange ich nicht versuche Gott zu spielen und Gott Gott sein lasse.

Letztlich geht es darum glaube ich: ICH kann kein Leben schaffen, der Funke in mir, der mich lebendig macht, meine Seele oder wie man auch immer es nennt – sie ist nicht mein Werk. Das Leben ist einfach da. Die Lebendigkeit ist einfach. Woher sie kommt und wohin sie geht wir können es nicht wissen – und wir brauchen es auch nicht zu wissen.

In der gesamten Bergpredigt ist durchtränkt von der Botschaft: sei Mensch. Akzeptiere, dass diese Lebendigkeit ein großes Geschenk ist – an Dich und alle, alle anderen Menschen. Begegne Ihnen auf Augenhöhe, weil Du das mit allen anderen teilst.

Begegne Deinem Partner, Deiner Parnterin auf Augenhöhe, Deinen Freundinnen und Freunden. Begegne jüngeren Menschen auf Augenhöhe und älteren. Begegne Menschen aus anderen Kulturen und Religionen auf Augenhöhe. Begegne Menschen des anderen Geschlechtes auf Augenhöhe.

Allen diesen Menschen, Frauen und Männern und Kindern ist die gleiche Lebendigkeit geschenkt, von der wir sagen, dass Gott sie uns quasi eingepustet hat. So erzählt es die Geschichte vom Anfang der Welt.

Dass GOTT Gott ist und wir Menschen Menschen kann eine Entlastung sein, um den anderen Menschen auf diesem Planeten auf Augenhöhe zu begegnen. Um alle so groß und so klein sein zu lassen wie sie sind.

Und um gemeinsam die große Lebenskraft unseres Gottes zu loben.

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