Die Alten und die Jungen oder doch: miteinander?

Ich sehe ihre traurigen, alt- und müdegewordenen Augen noch immer vor mir: „Fünf Kinder habe ich großgezogen, aber heute lebe ich hier ganz allein. Sie sind alle schon vor langer Zeit nach Deutschland gegangen und nicht in Siebenbürgen geblieben.Manchmal kommen sie für ein paar Tage zu Besuch, um die Alten und die Familiengräber zu besuchen. Aber das ist doch eigentlich viel zu wenig…“
Und im nächsten Augenblick, als ich vom geplanten Besuch im Presbyterium, dem Gemeindekirchenrat, erzähle, da fangen ihre Augen an zu leuchten: „Ja, bei uns sind die Ältesten immer noch die Alten in den Gemeinden.“
Wer als junger Mensch dort in Siebenbürgen für den Gemeindekirchenrat kandidiert, hat es schwer in dieses Ehrenamt ohne die Würde des hohen Alters gewählt zu werden. Sicher fehlt den Jungen die Lebenserfahrung, aber fehlt den Alt gewordenen nicht manchmal auch die Unruhe und die Verträumtheit der Jungen, dass es nicht nur so sein kann, wie es immer schon war, sondern auch ganz anders ? Es ist das Privileg der Jugend die Welt nicht nur in kleinen Schritten der Realpolitik sondern durch Umwälzungen von Grund auf verändern zu wollen.
An einem anderen Ort zu einer anderen Zeit in einem Alten- und Pflegeheim ganz in der Nähe bei uns: Die Tochter besucht ihre mittlerweile auf Hilfe angewiesene Mutter. Aber ihr fallen diese Besuche unendlich schwer. Nicht, dass sie ihre Mutter nicht liebte – die Situation macht ihr schwer zu schaffen. Ein Leben lang konnte SIE zu ihrer Mutter kommen und fand immer offene Arme und offene Ohren. Mit dem ersten Liebeskummer ebenso wie mit dem Scherbenhaufen ihrer Ehe hatte sie sich bei ihrer Mutter ausgeweint, Trost, Halt und am Ende auch neuen Mut gefunden. Aber wo war diese Frau jetzt? In dieser Gestalt, zusammengekrümmt und hilflos ihr gegenüber?
Als die Verwirrung langsam anfing, versuchte sie ihrer Mutter gut zuzureden, stieß aber immer auf taube Ohren und eine gehörige Portionen Starrsinn. Am Anfang sagte sie noch halb im Scherz, halb traurig: Ja, ja, wenn die Eltern nicht auf ihre Kinder hören wollen…
Jetzt musste sie die ganze Verantwortung übernehmen und ihre Mutter war wie ein kleines, bockiges Kind, das dennoch einfach nur geliebt werden wollte.
Es ist schwer mit und in der Jugend….
Es ist schwer mit und im Alter….
Und jung und alt haben es schwer miteinander, anscheinend immer schon !
Es ist gut, dass es die Lebenserfahrung und Erinnerung der Älteren gibt. Sie können ganz lebendig erzählen, was in den Büchern so trocken klingt, mit ihrem Leben wird Geschichte so konkret, dass sie auch etwas mit mir zu tun hat: diese Zeit vor dem Mauerfall, die Zeit in zwei deutschen Staaten, die Zeit und Schrecken in einem der großen Kriege.
Enkel brauchen die Großeltern zur Identifikation, zum Wachsen als Persönlichkeit, in der Auseinandersetzung mit den Eltern: Opa hat aber gesagt….
Und zugleich wehrt sich vieles in uns gegen das Verklären der guten alten Zeit: es ist eben anders, schneller und bunter geworden. Hört auf immer nur zurück und nicht nach vorn zu schauen, das Leben liegt vor und nicht hinter uns.
Die Erinnerung, das Gedächtnis ist wichtig, aber nicht um seiner selbst willen, sondern um der Zukunft aller willen.
„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist….“
Und hören wir was die Alten zu uns sagen ?
Sicher sind die Ältesten in unseren Gemeinden nicht nur die Alten in der Gemeinde, die richtige Mischung aller Generationen macht es doch, dass alle im Gespräch miteinander bleiben können.
Aber wollen nicht alle zumindest in einer Phase ihres Lebens eigene Erfahrungen sammeln, eigene Ideale suchen, eigene Träume verwirklichen und nicht immer nur den Zielen der Alten nacheifern?
Die Perspektiven ändern sich im Leben, jeder muss eigene Erfahrungen sammeln und manchmal auch Fehler der Eltern und Großeltern wiederholen, um daraus zu lernen. Wir werden es auch bei bestem Willen und mit besten Absichten nicht wirklich immer verhindern können, und dennoch hoffentlich oft genug im Leben in den entscheidenden wichtigen Fragen gemeinsam aufstehen und widerstehen in dem Wissen: das darf um Gottes willen nie wieder sein. Ihr Alten, hört nie auf zu sagen, wie es war und wie es nie wieder sein soll, damit wir gemeinsam, jung und alt, den Anfängen wehren können ! Der Glaube lebt aus der Erinnerung der Alten und aus der Neugierde der Jungen und Junggebliebenen auf die Zukunft, die immer vor uns liegt und in der Gott uns entgegenkommt.
„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist…“
Auch ohne Jesus näher zu kennen, hört jeder bereits das „Ja, aber…“ heraus, dass es manchmal auch bei allen Richtigkeiten geben muss – dennoch: Es ist gut, dass sich Menschen mit einem Versprechen binden. Wo Menschen sich das Jawort geben, versprechen sie sich einander, da ist die Form wichtig, aber zweitrangig gegenüber dem Ernst des Versprechens.
Wo Menschen als Zeugen auftreten, verpflichten sie sich der Wahrheit gegenüber um der Gerechtigkeit willen, hoffentlich.
Wo Älteste in der Gemeinde Verantwortung übernehmen, binden sie sich an die Heilige Schrift als Halt, Leitfaden und Lebensquell Gottes und versprechen die Ordnungen und Bekenntnisse unserer Kirche zu achten.
Wo Politiker nicht Macht übernehmen, sondern in die Verantwortung auf Zeit gewählt werden, stellen sie sich dieser Verantwortung hoffentlich in dem Wissen ihr nur „mit Gottes Hilfe“ gerecht werden zu können.
Jeder Eid, jeder Schwur ist ein Versprechen und eine Erinnerung im Wissen um die eigenen Grenzen und die Gefährdung, zu versagen und schuldig zu werden..
Was soll da ein: Ja, aber ?
Was soll zu den Erfahrungen, Lebensgeschichten und Einstellungen der Alten ein: Ja, aber ?
Ja, aber…
weil vor allem: dennoch bleibe ich zuallererst bei dir, Gott…
Er ist das Ziel und das Maß aller Dinge im Denken, Leben und Handeln Jesu. Und dieses Maß stellt immer und überall alle Einstellungen, Überzeugungen und menschlichen Wahrheiten in Frage.
Nichts unter uns ist absolut, und uneingeschränkt und wie es leider in letzter Zeit viel zu oft heißt: alternativlos. Nur Gott ist es!
Und er ist uns und allem gegenüber immer ein Ja und ein Aber !
Und wir müssen uns dieses „Ja, aber“ anhören und dürfen es uns gefallen lassen bei allem Ringen, Streiten, Planen und Entscheiden !
Gott sagt „Ja“ , aber manchmal eben auch „aber“ zu unseren unumstößlichen Einsichten und Wahrheiten, seien sie aus der Perspektive der Alten oder der Jungen gesagt.
Und zugleich oder: dennoch(?) lädt er uns ein, aus dieser Haltung unseres permanenten „Ja, aber“ oder noch schlimmer „sowohl als auch“ herauszukommen.
Wagt die Rede Ja, Ja oder Nein, Nein…!
Verlasst die Position der ausgewogenen Geborgenheit und der beruhigenden politischen Korrektheit, wo Klarheit und Wahrheit gefragt sind.
Der, der „JA, JA“ und „NEIN,NEIN“ von uns fordert, mutet uns, jung und alt, verantwortlich als Älteste oder mitbetend und handelnd als Gemeinde – zu, traut uns zu, Salz in der Suppe, manchmal auch in der Wunde und Licht in der Welt zu sein.
Das wird in diesen Tagen gebraucht: 80 Jahre nach dem 30.Januar 1933, 75 Jahre nach dem 9.November 1938, 60 Jahre nach dem 17.Juni 1953, 52 Jahre nach dem 13.August 1961 und nur wenige Tage nach dem Tod durch Ertrinken so vieler im Meer vor Lampedusa, weil sie wie wir in Frieden, Wohlstand, Rechtsgeborgenheit und Sicherheit leben wollen und bei uns Zuflucht suchen. Menschen, die einen Ort zum Bleiben und eine Chance auf Leben suchen, manchmal eben auch in unseren Dörfern und Städten und nicht nur am Rand.
Gott schenke uns Tag für Tag neu die Klarheit und die Wahrheit seines „Ja, Ja“ und „Nein, Nein“ in unsrem Denken und Handeln um Christi willen. Amen

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