Das eine Wort Gottes und die vielen Worte der Welt

(Ich hab mir Original-Töne aus You-Tube geladen, die ich im Gottesdienst in drei Tracks einspiele. Alternativ könnten die Tracks auch vom Lektor gelesen werden.)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde, hört den Predigttext für 23. Sonntag nach Trinitatis. Er steht im Evangelium des Matthäus im 5. Kapitel:

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.« Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.

Diese Worte stehen im Herzen der Bergpredigt – inmitten der wichtigsten Sammlung von Jesus-Worten, die wir kennen. Es ist eine Rede, die manchen erschreckt, weil sie so radikal ist: „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die linke hin.“ Es ist die Rede mit dem großen Trost der Seligpreisungen für die Friedfertigen und Leidtragenden. Es ist die Rede mit dem herrlichen Geschenk des Vater-Unsers.
Mitten in der Bergpredigt hören wir die Ermahnung Jesu gegen das Schwören. Und sie ist insofern besonders eindringlich, weil er sich hier ausdrücklich gegen die Weisung des Alten Testaments wendet. Es ist eine von den Antithesen Jesu: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist – ich aber sage euch“, das kommt ein paar Mal vor im Matthäus-Evangelium. Aber meistens verschärft er nur die alttestamentlichen Reglungen oder gibt ihnen eine neue Richtung. Hier predigt Jesu dezidiert gegen die zitierte Stelle aus dem 3. Mose. „Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt.“
Dass das mit dem Schwören eine heikle Sache ist, zeigt folgendes Beispiel:

Track1
„Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort – ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! – dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“

Uwe Barschel am 18. September 1987. Vorangegangen war dieser Pressekonferenz der wohl schmutzigste Wahlkampf in der deutschen Geschichte. Barschel hatte seinen Kontrahenten Björn Engholm bespitzeln lassen, das hatte der Spiegel herausgefunden. Der Journalist Rainer Pfeiffer spielte dabei eine unrühmliche Rolle, und sorgte mit Barschels Unterstützung dafür, dass wirklich üble Denunziationen und Falschmeldungen gegen Engholm rausgingen. Unmittelbar vor der Wahl wurde bekannt, dass Barschel in seinem eigenen Telefon eine Wanze habe installieren wollen, die dann wie zufällig gefunden werden und der SPD angelastet werden sollte.

Das alles ist lange her, und der tragische Tod von Uwe Barschel wenige Wochen später setzte unter das Alles einen traurigen Schlusspunkt. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“, – wir leben eigentlich in einer Zeit, wo Worte nur Schall und Rauch sind, wo Versprechen wie Popkorn gegeben werden, wo so vieles mal eben so gesagt wird. Eigentlich sind wir es doch gewohnt, belogen zu werden, wir sind nicht ohne Grund ein so misstrauisches Volk. Aber dieses Ehrenwort, das hat was mit uns gemacht. Wir waren erschüttert: Was Barschel getan hatte war schlimm, aber mit diesem falschen Ehrenwort katapultierte er sich selbst an den Tiefpunkt seines Menschseins.

Von daher sind die Worte Jesu nicht nur aktuell, sie sind auch wichtig. Sie sind Warnung und Mahnung, sorgfältig mit Worten umzugehen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel – sagt Jesus.
Also: Vorsicht mit den Schwüren!

Track 2
„Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“
Junge Soldaten geloben bei Dienstantritt Loyalität, „so wahr mir Gott helfe“. Das müssen sie tun, das ist Teil ihres Jobs. Und sie müssen sich auch daran halten. Für Fahnenflucht kann es fünf Jahre Gefängnis geben, unehrenhaftes Verhalten kann dazu führen, dass die Pensionsansprüche aberkannt werden. Wann aber ist der Zeitpunkt, Befehle zu verweigern, dem Gewissen mehr zu gehorchen als den Menschen? Soldaten sprechen heute offen über diese Fragen, und das ist gut so.
Auch wir Theologen werden zu Beginn unseres Dienstes befragt und versprechen vor Gott und der Gemeinde, der Kirche Gottes treu zu dienen und Wort und Sakrament recht zu verwalten – ohne dieses Gelöbnis gibt es keine Ordination. Wir werden dabei übrigens auf die Confessio Augustana verpflichtet. Das ist die erste reformatorische Kirchenordnung. Aber was bedeutet eigentlich, „treu zu dienen“? Heißt das, blind zu gehorchen, zu allem, was von oben kommt, Ja und Amen zu sagen? Bedeutet es, dass jede Predigt ein Volltreffer sein muss, dass Pastoren fehlerfrei zu sein haben oder bedeutet es, auf Privatleben ganz zu verzichten? Wir Theologen diskutieren über unser Ordinationsgelübde nicht – zumindest habe ich das noch nie erlebt. Ob das gut ist?
Ist es nicht schwierig, wenn berufliche Tätigkeiten mit einem Schwur, einem Gelöbnis verbunden werden? Es ist eine heikle Sache mit dem Schwören, sagt Jesus. Lasst es, sagt er.

Track 3
„Darum frage ich auch dich: Willst du xx als deine Ehefrau lieben und ehren bis dass der Tod euch scheidet?“
Ich sage zu meinen jungen Leuten immer: Gebt gut acht, das ist ein großes Versprechen. Und dann nicken sie immer ganz aufgeregt. Das ist es ja, was sie wollen. Deswegen kommen sie in die Kirche. Sie wollen einander dieses große Versprechen geben, weil sie es ganz, ganz ernst miteinander meinen. Aber wenn es denn schiefgeht, wenn sie scheitern, dann ist da niemand, der sie aus diesem Versprechen löst. Sie tragen die Scherben ihrer Beziehung allein und jeder für sich. Sie versuchen, die Fragen von Schuld und Versagen alleine zu klären und verrennen sich dabei allzu leicht in lebenslange Bitterkeiten, und ihre Wunden heilen nie.
Wir verlangen von Taufeltern und Paten ebenfalls ein Gelöbnis und wissen im gleichen Atemzug, dass viele es kaum werden halten können. „Liebe Eltern und liebe Paten! Versprechen Sie, Ihrem Kind von Gott zu erzählen, ihm den christlichen Glauben nahezubringen und ihm zu helfen, als Christ in unserer Zeit zu leben, dann antworten Sie: Ja, mit Gottes Hilfe!” – so lautet die Tauffrage. Das ist nicht Nichts, was wir da von denen verlangen, die doch eigentlich nur ihr Kind zu Jesus bringen wollen, damit er sie segnet. Tun wir ihnen damit nicht etwas an? Muss das wirklich sein?

Es ist mit dem Schwören so eine Sache. Das tut man eigentlich nicht nebenbei. Das berührt die Heiligkeit Gottes und damit uns selbst im Innersten unseres Menschseins, sagt Jesus, deswegen bindet es uns auch über das gesprochene Wort hinaus.

„Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin, und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.“ (vom Organisten solo gesungen)

Gottes Ja ist ein Ja ohne Nein. Es ist ein unverbrüchliches Ja zu seinen so leicht zu brechenden Menschenkindern. Es ist ein Ja ohne Bedingungen. Auf diesem Ja gründet unser Glaube.
Dieses eine Wort Gottes, sein unverbrüchliches Ja, ist Mensch geworden in Jesus Christus. Es ist logisch und stimmig, dass dieses eine Wort vor den vielen Worten warnt, die wir viel zu leicht sagen. Wir sollen beim Beten nicht plappern wie die Heiden, sagt er. Und wir sollen beim Beten nicht vor Gott mit unseren großen Taten prahlen, auch wenn es uns schwer fällt. „Gott, sei mir Sünder gnädig“ – das ist genug. Es ist dieser Christus, der uns das Vater-Unser schenkt als das Nonplusultra der Worte, die wir vor Gott brauchen.

Lasst das mit dem Schwören , sagt Jesus. Lasst eure wortreichen Reden. Lasst das Rumgeiere um den heißen Brei. Eure Rede sei Ja, ja oder nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel. Euer Ja sei ein Ja – und kein vielleicht oder mal sehen. Euer Nein sei ein deutliches Nein gegen Unrecht, Gewalt und Heuchelei. Ihr sollt echte, vertrauenswürde, verlässliche Menschen sein. Ihr habt es nicht nötig, euch hinter einer Wand aus Worten zu verstecken, weil alle Worte dieser Welt in Gottes einem Wort aufgehoben sind und weil der Christus uns aus Lüge und Heuchelei befreien will und kann. Amen.

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