Mut zum JA und Mut zum NEIN

Liebe Gemeinde!

Eine Bekannte von mir hat jetzt ihr Hochzeitsbild aufgehängt. Sie freut sich daran, dass sie so schön aussieht als Braut. Sie kann sich gut daran erinnern, wie wohl sie sich in ihrem Brautkleid bei der Hochzeit gefühlt hat. Deswegen strahlt sie glücklich vom Foto. Allerdings- sie hat inzwischen an dem Foto etwas verändert. Sie hat ihren Mann weg retuschieren lassen. So steht sie nur noch allein da mit dem schönen Kleid. Leider stand ich da mit dem falschen Mann, meint sie. Inzwischen ist die Ehe geschieden.
Eure Rede sei „Ja, ja- nein, nein“, so heißt es in unserem Predigttext. Bei der Hochzeit sagen Menschen JA zueinander. Nicht selten wird aus diesem JA später ein NEIN.

Soll man deswegen erst gar nicht JA sagen? Oder zumindest nicht: Bis der Tod uns scheidet? So fragen mich manchmal die Brautpaare: Können wir nicht diesen letzten Teil weg lassen? Meistens haben wir dann ein gutes Gespräch, und schließlich bleibt dieser Satz doch bestehen.
Aber allein die Frage und die Gedanken, die dem voraus gehen, zeigen schon: So selbstverständlich ist es nicht, dass ein JA immer ein JA bleiben kann. Und die Antwort des Brautpaares „Ja, mit Gottes Hilfe“ macht ihnen auch bewusst, welche gewichtige Entscheidung sie treffen und welch gewichtige Worte sie sagen. Die Ehe wird in der Kirche vor Gottes Angesicht bestätigt. Die geschlossene Ehe wird in der kirchlichen Trauung mit Gott verbunden. Den meisten Brautpaaren bedeutet das etwas. Sie haben ihre Gründe, sich für die kirchliche Trauung zu entscheiden.
Aber allen ist auch klar, dass ein JA scheitern kann

Wie sind die Sätze des Predigttextes entstanden? Ihr sollt nicht schwören, weder beim Himmel noch bei der Erde. Ihr sollt JA sagen oder NEIN. Dahinter steht die Erfahrung, dass zur Zeit Jesu unter den Juden das Schwören fast zu einer Mode wurde. Die Leute schworen bei Gott. Und weil man Gottes Namen nicht missbrauchen sollte, schwor man beim Himmel oder der Erde oder nannte andere Umschreibungen. Aber immer war Gott im Spiel. Mit einem Schwur wollte man den eigenen Worten Bedeutung verleihen. Wenn einer sagte, dass Gott auf seiner Seite ist, dann hatte er mehr Glaubwürdigkeit. Dann konnte er sich eher Gehör verschaffen.
Jesus sagt aber dagegen: Ihr sollt Gott nicht euren eigenen Zielen unterordnen. Ihr sollt glaubwürdig sein dadurch, dass ihr euch selber Vertrauen erwerbt, aber nicht dadurch, dass Ihr Gott vorschiebt. Damit macht Ihr Gott keine Ehre.

Nicht umsonst haben wir heute das Evangelium gehört: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Kein Mensch kann Gott für sich in Anspruch nehmen. Kein Mensch ist Gott näher als andere, nicht durch heilige Schwüre, nicht durch besonderes Verhalten.
Nicht umsonst ist auch heute der Wochenspruch dran: Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht.
Auch die Kirche muss sehen, dass sie sich nicht göttliche Macht anmaßen darf. Ein Ja soll ein Ja bleiben und ein Nein ein Nein und nicht mehr und nicht weniger. Niemand kann und darf Gott durch Reden oder Taten für irgendwelche Ziele vereinnahmen. Das ist der Sinn des Predigttextes.
Die eigenen Grenzen zu erkennen und Gott allein die Ehre zu geben- das ist die eine Aussage.

Die andere Aussage ist diese: Seid ehrlich. Seid wahrhaftig.
Im Moment ist dieser Predigttext ja sehr aktuell in der ganzen Diskussion über das Abhören von Frau Merkels Handy und alles Durchsuchen auch von Daten ganz normaler Menschen. Da wäre es ja wünschenswert, wenn es ein JA,JA oder ein NEIN,NEIN gäbe. Wenn einer dem anderen glauben könnte und sich einer auf den anderen verlassen könnte. Dann wäre alles einfacher, wenn ein Wort etwas gelten würde. Aber so, wie es jetzt ist?
Was ist das für ein Geist, der sich breit macht, wenn Politiker einander anlügen, und wenn das Misstrauen unter Staaten größer ist als das Vertrauen! Und wenn Geheimdienste so viel Macht gewinnen. Es gäbe schon einige Menschen, denen würde es gut tun, einmal unseren Predigttext wahr zu nehmen.

Wir hören ihn heute aber nicht nur für andere, sondern besonders für uns selber. Dabei ist mir ein Zusammenhang ganz wichtig: Am besten kann man ehrlich und wahrhaftig sein, wenn man sich selber stark genug dazu fühlt. Es wird ja gerade da am meisten gelogen, wo Menschen Angst haben oder etwas verstecken müssen.
Warum gibt es denn zur Zeit so viele Burnout-Syndrome? Das hat auch damit zu tun, dass Menschen am Arbeitsplatz so sehr unter Druck geraten. Sie trauen sich ja an vielen Stellen gar nicht, zu sagen, was sie belastet aus Angst, dann den Arbeitsplatz zu verlieren.
Warum kranken so viele Ehen? Manchmal ist es, als würden die Partner eine andere Sprache sprechen. Sie reden miteinander, aber der andere oder die andere kann die Untertöne gar nicht hören, die mitschwingen. „Ich habe immer nur funktioniert“ sagt eine Frau. Ich habe es noch nicht mal richtig gespürt, dass ich unglücklich bin.

JA sagen und NEIN sagen muss manchmal geübt werden. Ein JA und ein NEIN, das klar heraus kommt, ohne gleich mit Anklagen, Vermutungen und Vorwürfen verbunden zu sein. Und ohne die fromme Verpackung- so wie Jesus es in unserem Predigttext meint, als er sagt, dass die Menschen nicht in Gottes Namen schwören sollen.
Wir dürfen und sollen den Mut haben, zu unserer Person zu stehen. Gerade, weil Gott sein JA zu uns spricht. Weil er uns liebt.
Ich nehme an, dass besonders Frauen das NEIN-Sagen üben müssen.

Wir haben Grenzen. Manchmal wissen wir nicht, ob wir NEIN oder JA sagen sollen. Manchmal wird aus einem JA ein NEIN oder umgekehrt. Vor Gott brauchen wir uns nicht verstellen. Jesus ermutigt uns, unseren eigenen, persönlichen Weg zu gehen. Ja zu sagen, wo wir von Herzen zustimmen und Nein zu sagen, wo uns ein Ja nicht gut tut.
Eure Rede sei JA, Ja oder NEIN, NEIN.

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