Ja oder Nein

Liebe Gemeinde,

in dem Märchen, des Kaisers neue Kleider, von Hans Christian Andersen, geht es um die Kunst mit Worten etwas zu beschreiben, was es gar nicht gibt. Die beiden an den Hof gekommenen Gesellen können gar nicht weben, dennoch haben sie den Auftrag angenommen, dem Kaiser neue Kleider zu schneidern, den Stoff wollten sie selbst weben. Bei jeder Anprobe beschreiben sie in den blumigsten Worten, wie fein der Stoff der neuen Kleider ist er könne jedoch nur von Personen gesehen werden, die ihres Amts würdig und nicht dumm seien. All die Hofangestellten, stimmen mit ein, sie loben die Farben und die Zartheit des Stoffes. Alle sehen, dass der Kaiser tatsächlich in Unterwäsche da steht, doch niemand kann sich den Worten der beiden Gesellen entziehen. Das geht so lange gut, bis ein Kind bei der Parade erkennt, wie der Kaiser gekleidet ist. Das Kind reagiert nicht auf das, was die beiden Gesellen erzählen, es reagiert auf das, was es sieht. Und so sagt es, dass der Kaiser ja gar keine Kleider an hat. So flog der Schwindel auf.

Solch Sprachkleider begegnen uns eigentlich täglich. Gerade in den letzten Tagen können wir wieder einmal erleben, wie es den Menschen, die in unserm Land die Politik machen, gelingt, viel zu reden, ohne etwas zu sagen. Nach jedem Sondierungsgespräch, das sich um die Frage dreht, welche Parteien in den nächsten vier Jahren unser Land regieren wird, hören wir auf die Frage der Reporter: "Werden sie mit denen eine Koalition bilden?" Von keinem der Beteiligten eine klare Antwort. Ich habe auf jeden Fall noch niemals ein Ja oder ein Nein auf diese Frage gehört. Stattdessen höre ich, dass sich die Parteien in wesentlichen Punkten nahe gekommen seien, oder dass es noch ein weiter Weg bis zu einer endgültigen Antwort sei, oder, … oder… Ich höre sehr viel, doch an Informationen bekomme ich nur sehr wenig. Es scheint so zu sein, als gehöre es zur Grundausbildung eines Politikers, viel zu reden, ohne etwas zu sagen.

Doch wir sollten nicht nur auf die anderen zeigen, das ist bei uns selbst ja nicht viel anders. Wenn wir einander etwas erzählen, dann kommt solch ein Gespräch kaum ohne zweifelnde Nachfrage aus. "Ach wirklich?" oder "Ehrlich?" oder "Echt?", das sind doch die alltäglichen Formulierungen, mit denen wir unsere Gesprächsbeiträge oft begleiten. Dem, was wir sagen, wird nicht so recht vertraut. Und ich habe den Eindruck, es war schon immer etwas besser, wenn es einem Menschen gelang, möglichst viel Worte zu machen. Nicht ohne Grund gab es bereits bei den alten Griechen eine Rhetoren Schule. Dort konnte man lernen, wie man seine Worte zu formulieren und aneinander zu reihen hat, damit das Gesagte Eindruck hinterlässt. Ja, Plato trieb es mit der Form des erfundenen Dialogs, also des erdachten Zwiegesprächs, auf die Spitze. Er formulierte die Sätze so, dass sein Gegenüber eigentlich immer nur mit Ja antworten konnte. Doch das Erstaunliche ist, am Ende stimmte sein Gegenüber dem zu, von dem er zuvor gemeint hatte, dass es nicht richtig sei.

Die Kunst der trefflichen Rede, nicht nur Politiker müssen sie beherrschen, Autoverkäufer, Versicherungsvertreter und noch für manch andere Berufsgruppe ist es unverzichtbar, die anderen Menschen durch das gesprochene Wort zu manipulieren. Wenn ein Mensch so beeinflussend mit den Worten umgeht, dann versucht er durch seine Worte Vertrauen zu ersetzen. Ich denke, es ist in der Tat so, dass das viele Gerede Vertrauen ersetzen soll. Der Versicherungsnehmer vertraut dem Versicherungsgeber nicht, doch damit der nicht merkt, dass es nicht um Vertrauen, sondern ums Geschäft geht, werden viele Worte gemacht. Den Politikern vertrauen die meisten ja auch nur selten und dann auch meist nur bis zu einem gewissen Grad. Und es ist für alle offensichtlich, keine andere Gruppe macht so viele Worte wie diejenigen, die in der Politik die Verantwortung tragen.

Doch in der Beziehung zu Gott und darüber hinaus in der Beziehung zu unseren Mitmenschen soll es nicht um den Schein gehen, sondern um eine echte Beziehung. Es soll nicht darum gehen, was die eine dem anderen vormachen kann, sondern es sollte in der Beziehung zwischen uns Menschen darum gehen, was der eine der anderen ist. Und genau das selbe ist in der Beziehung zu Gott wichtig, nicht was sein könnte, sondern, das was ist, macht die Beziehung zu Gott aus. Gottes Gegenwart entfaltet sich in unserem Leben zunächst durch Gottes Wort. Das wird schon in der Schöpfungsgeschichte beschrieben, wenn es dort heißt, Gott sprach es werde und es ward… Und das gleiche Motiv findet sich im Johannesevangelium, dort heißt es: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Es geht, wenn es um das Leben geht, nicht um die vielen Worte, die einer oder eine machen kann, es geht allein um das Lebenspendende Wort. Dieses Lebenspendende Wort kommt von Gott und wir tun gut daran, wenn wir dieses Wort nicht verwässern.

Es ist nicht notwendig, dass wir die Worte, die zum Leben dienen in die Breite kneten oder gar so verformen, dass sie uns ins Bild passen. Nein, so viel Worte müssen wir gar nicht machen. So sagte es Jesus auch nach dem Lukasevangelium. Dort heißt es: Jesus sagte: Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren. (Lukas 11, 28) Das ist der Taufspruch von Alayah. Wir müssen nicht besondere Gesetze befolgen, wen wir unser Leben in der Verbindung mit Gott gestalten wollen. Es stimmt schon, dass sich immer wieder mehr oder weniger kluge Menschen drüber Gedanken gemacht haben, was wir tun müssen, damit wir dem Willen Gottes entsprechen. Doch wir brauchen keine dicken Bücher, in denen dargelegt wird, wie wir leben sollen, wenn wir unser Leben in der Verbindung mit Gott gestalten wollen. Eigentlich reicht der eine Satz als Anweisung für ein Leben das sich an Gottes Willen orientiert aus. Das Wort Gottes hören und bewahren.

Bewahren meint nicht, in einer Schatzkiste vergraben und dort aufbewahren, sondern für das Leben bewahren. Wenn wir unser Zusammenleben nach dem Wort Gottes ausrichten, dann arbeiten wir mit, am Reich Gottes. Selig sind die Menschen, die das Wort Gottes hören und bewahren. Selig, das meint nicht eine besondere vergeistigte Haltung, selig ist auch nicht die Bezeichnung für besonders fromme Menschen. Selig bedeutet zu Gott gehörend. Um Gott in uns und durch uns lebendig werden zu lassen, brauchen wir nicht viele Worte. Wenn wir Gottes Nähe in unserem Leben spüren wollen, dann brauchen wir zunächst einmal ein großes Vertrauen. Nur, wenn wir selbst davon getragen sind, dass Gott in uns und durch uns wirkt, können wir erleben, dass Gott in dieser Welt wirken. Nur wenn wir nicht drum herum reden, sind wir glaubwürdige Zeugen der Gegenwart Gottes in dieser Welt.

Deshalb gilt heute, wie vor 2.000 Jahren, nicht die Menge der Wörter ist entscheidend, sondern allein die Frage, ob wir durch das Gesagte eine Beziehung zu Gott bekommen oder nicht. Kann ich in meinem Leben die Gegenwart Gottes erfahren oder wenigstens erahnen? Wird für mich und durch mich deutlich, dass Gott sich einmischen will in das Weltgeschehen? Dass Gott sich durch mich und dich einmischen will, damit das Leben lebenswert wird für dich und mich? Das muss jede und jeder für sich selbst entscheiden, jeden Tag aufs Neue. Die Antwort auf diese Frage kann nicht ein die Realität verhüllender Wortschwall sein, sie kann nur lauten Ja oder Nein. Da kann es kein Ja, aber geben, denn alles andere als Ja oder Nein, ist von Übel.

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