Wer ist wie Gott?

Unser heutiger Predigttext führt uns weit zurück ins 8. Jh. vor Chr. zum Propheten Micha. Ein knappes, aber bedeutendes Buch mit bekannten Sprüchen. Sein Name bedeutet: „Wer ist wie Gott?“ Und er ist ein Zeitgenosse der Propheten Jesaja, Amos und Hosea.

Micha geht scharf ins Gericht mit den Verantwortlichen seiner Zeit. Er prangert soziale Ungerechtigkeit und Missstände an, Korruption und Ausbeutung durch die Mächtigen, betrügerische Praktiken der Händler und falsche Propheten und Priester, die den Menschen für Geld sagen, was sie hören wollen.

Andererseits prophezeit er auch eine Zeit des Heils und kündigt einen Herrscher, der aus dem Hause Davids stammt und in Bethlehem geboren wird, „dessen Ausgang und Anfang von Ewigkeit her gewesen ist … und auftreten wird in der Kraft des HERRN.“

In unserem Predigtabschnitt hören wir, wie Gott einen Rechtsstreit gegen sein Volk führt, das nicht mehr auf ihn hören will. „Was habe ich dir getan, mein Volk, »Habe ich etwa zu viel von dir verlangt?“, fragt Gott enttäuscht. Er erinnert es daran, wie er für sein Volk da gewesen ist. „Dann wirst du erkennen, wie viel Gutes ich für dich getan habe!“

Und nun antwortet das Volk: »Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?«

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

2700 Jahre sind diese Worte alt. Was hat sich geändert? Immer noch gibt es Bestechlichkeit, Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch.

Die Art und Weise, wie wir mit unseren Mitmenschen, mit unserer Umwelt, ja mit der ganzen Schöpfung umgehen, schreit zum Himmel.

Wo bleiben heute die Propheten, die im Namen Gottes das Unrecht beim Namen nennen? Und wo bleibt Gott, der uns zeigt, woran wir sind und uns sagt, wie es weitergehen kann? Wo bleiben Gerechtigkeit und Heil? Wo herrscht der Friede, den er verheißen hat?

Vielleicht brauchen wir die Propheten heute aber heute auch nicht mehr. Wir haben Wissenschafter, NGO’s und Medien, die uns aufzeigen, was falsch läuft in unserer Welt. Die Frage ist nur, wie wir darauf reagieren.

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert. Vielleicht gibt es auch keine Propheten mehr, weil schon längst alles gesagt ist. Wir könnten es wissen, wenn wir unsere Augen und Ohren aufmachten, wenn wir unsere Herzen für Gottes Wort öffneten und auf unser Gewissen hörten.

Immer wieder hat Gott sich in der Geschichte zu erkennen gegeben und uns daran erinnert, was er für uns getan hat. Wir er sein Volk und jeden einzelnen von uns durchs Leben geführt und mit seinem Segen begleitet hat.

Dass sich nichts geändert hat in dieser Welt seit Michas Zeiten, liegt nicht an Gott, sondern an uns.

Die Menschen damals meinten, wenn sie Opfer brächten, wäre alles abgetan. Dann hätten sie ihre Schuldigkeit getan und Gott zufriedengestellt.

„Was habe ich dir getan, mein Volk?“, hat Gott gefragt. Das Volk aber dreht die Frage um: „Was willst du noch alles von uns? Sollen ich etwa Tausende von Schafböcken und Ströme von Olivenöl zu deinem Altar bringen? Soll ich gar meinen erstgeborenen Sohn opfern, damit du mir meine Schuld vergibst?“

Was sind wir bereit zu opfern, um vor Gott und unseren Mitmenschen zu bestehen?
Viele fragen heute nicht mehr nach Gott. Trotzdem sind sie bereit, viel auf sicht zu nehmen, um zumindest vor anderen Anerkennung zu finden.

Bei Jugendlichen sind es die richtigen Klamotten, Zigaretten und Alkohol. Erwachsene haben auch ihre Statussymbole, die ihnen Bewunderung bringen. Wohlhabende ziehen vielleicht sogar ihre Spendierhosen an, weil es schick ist, auf Wohltätigkeitsveranstaltungen seine Großzügigkeit zu zeigen.

Manche nehmen viel auf sich, um ihr Äußeres in Form zu halten. Weil es eben ihr Selbstbewusstsein stärkt, wenn sich Menschen nach ihnen umdrehen.

Meine Lieben, die Frage ist: Wie leben wir richtig? Wie werden wir – uns selbst, anderen und unserer Umwelt gerecht? Und wann ist Gott zufrieden mit der Art und Weise, wie wir leben?

Das sind schwierige Fragen. Weil es uns einfach nicht gelingt, immer allen gerecht zu werden. Weil wir immer wieder Schuld auf uns laden. Ob es uns nun bewusst ist oder nicht. Wir kommen da gar nicht heraus. Wir sind verstrickt in große Zusammenhänge und werden mit schuldig an der Ausbeutung der Dritten Welt, an der Zerstörung der Umwelt. Und manchmal hauen wir andere ganz absichtlich ums Ohr, lügen und betrügen, weil es ja schließlich alle so machen.

Auch wenn Gott heute keine Propheten wie Micha oder Jesaja ausschickt – er sieht dennoch, wie es um uns und in uns aussieht. Und er stellt auch uns die Frage: „Was habe ich dir getan, dass du nicht auf mich hören willst?“

Machen wir nicht den gleichen Fehler, wie das Volk Gottes damals. Verweisen wir nicht auf die Opfer, die wir bringen. Das ist es nicht, was Gott von uns erwartet! Daran ist schon Martin Luther gescheitert. Durch seine Opfer, die er als Mönch erbracht hat, hat er keinen gnädigen Gott gefunden.

Aber aufatmen konnte er, als er erkannt hat, was Gott alles für ihn getan hat!
Wie fragte das Volk? „Soll ich ihm meinen erstgeborenen Sohn opfern, um mein Unrecht zu sühnen, meine Kinder als Opfer darbringen, um die Schuld meines Lebens wieder gutzumachen?“

Nein, Gott verlangt nicht Opfer von uns – schon gar nicht unsere Kinder. Aber er war bereit, seinen eingeborenen Sohn, dessen Geburt er hier bei Micha in Kapitel 5 ankündigt, zu opfern, um die Schuld meines Lebens wieder gutzumachen.

Die Schuld, die darin besteht, dass ich nicht auf Gott hören will. Obwohl ich es wissen könnte, denn er hat mich schon angesprochen.

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Meine Lieben, mehr fordert Gott nicht von uns, als dass wir uns an das halten, was vor Gott recht ist, dass wir liebevoll und barmherzig miteinander umgehen und demütig vor Gott unser Leben führen!

Wenn wir auf Gott und unser Gewissen hören, wissen wir, was richtig ist zu tun, wie wir uns verhalten sollen. Wir können nicht die Welt verändern, aber wir können viele kleine Schritte tun, die unsere Umwelt verändern.

Liebe üben und demütig sein. Sich nicht überheben über andere, aber Herz und Brieftasche öffnen für Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Das ist dann der rechte Gottesdienst, wenn wir auf Gott hören und unser Leben bestimmen lassen von dem, was er uns Gutes getan hat.

Wir haben Menschen in unserer Pfarrgemeinde, denen es am Nötigsten fehlt, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Vor einer Woche haben wir im Gottesdienst für eine Familie gesammelt, die voller finanzieller und gesundheitlicher Probleme steckt.
Aber es sind noch mehr, die zu uns kommen mit zum Teil erschütternden Lebensgeschichten. Wir haben noch viele Möglichkeiten, unsere Nächstenliebe und unsere Dankbarkeit Gott gegenüber unter Beweis zu stellen.

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