Die alttestamentliche Steuerreform auf einem Bierdeckel in der Welt der biblischen Gebote!

Liebe Gemeinde!
Je komplizierter ein Regelwerk ist, desto weniger Leute wird es geben, die diesem folgen können. Sie kennen das vielleicht aus eigener Erfahrung; an einem trüben Herbsttag möchten Sie mit ihren Lieben ein Gesellschaftsspiel spielen, schnell ist ein Spiel ausgesucht, aber niemand ist da, der die Regeln des neuen Spiels aus dem Effeff beherrscht. Ständig müssen Sie im umfangreichen Regelwerk nachlesen, die Lust am Spiel schwindet. Es kommt keine rechte Stimmung auf, das Spiel ist zu kompliziert.

Im richtigen Leben ist das nicht anders: Je unverständlicher, umfangreicher und komplexer ein System funktioniert, desto schwieriger wird es, diesem zu folgen. Und desto schwieriger ist es, sich sicher in diesem Gefüge zu Recht zu finden. Als Mose wieder kam vom Berg Sinai, hatte er 613 Gebote. Darunter waren 365 Verbote und 248 Gebote. All diese ganzen Regeln kann sich ja keiner merken, denkt man da bei sich und sucht im selben Augenblick die Lücke, durch die man bequem hindurch schlüpfen kann. Konsequent gerät man so aber nur auf Abwege, auf Irrwege, auf undurchsichtige Pfade die allesamt weg führen von dem, was eigentlich unsere Bestimmung ist: Im Frieden leben mit Gott und den Menschen!
Menschen sind also erfinderisch und auch der liebe Gott weiß darum und so schickte er David, der die große Anzahl der Gesetze auf elf verringerte. Ein großer Wurf, sozusagen die alttestamentliche Steuerreform auf einem Bierdeckel in der Welt der biblischen Gebote!

Leider ist nun keiner von uns davor gefeit, sich zeitweise aus dem Regelsystem auszuklinken. Die Gründe dafür sind vielfältig. Und Gott sah auch das, fasste sich ein Herz, will er die Menschen doch auf dem Weg zu ihm halten und sandte Jesaja. Der kam mit nur noch sechs Geboten aus, aber auch hier gab es wieder Menschen, denen das noch zu viel war. Nicht einprägsam genug, nicht praktikabel oder welcher Grund sich auch finden ließ, daran halten konnten und wollten sich auch jetzt nicht alle.

Aber weil Gott seine Menschen abgöttisch liebt, schickte er das ganze Regelwerk nochmals in eine Revision und der Prophet Micha kam und mit ihm drei Gebote:
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)

Zuallererst können wir getrost festhalten: Gott ist wirklich nachsichtig mit uns! Gott sei Dank, möchte man erleichtert sagen, denn wir Menschen sind vergesslich und bedürfen der steten Erinnerung. Unabhängig vom Bildungsgrad und vom gesellschaftlichen Stand, vergessen wir allzu oft, was Gott von uns erwartet. Aber trotz unserer Vergesslichkeit, die schließlich auch dem Himmel nicht verborgen geblieben ist, hat Gott Geduld mit uns, er hat Geduld „mit seinen eigensüchtigen Menschen, Geduld mit uns, die wir alles Mögliche hören, aber uns nach Möglichkeit nur von uns selber etwas sagen lassen wollen.“ (Vgl.: Predigt im Gottesdienst der St. Martini-Gemeinde zu Braunschweig am 17. Oktober 2010 von LB Friedrich Weber). Michas Worte sind darum wirklich eine nette Geste; noch dazu passt seine Zusammenfassung, diese drei Regeln, Gottes Wort halten, Liebe üben, und demütig sein, nun wirklich auf jeden gelben Post-it-Zettel.

Wirklich: Gott hat es nicht leicht mit uns Menschen, dabei könnte es alles so schön sein. Leider hören wir – viel zu oft – auf das Falsche, tun nicht das Richtige und wehren uns dagegen, die Ordnungen einzuhalten. Viel lieber lösen wir diese Ordnungen auf, indem wir nicht mehr das Richtige tun, sondern wissentlich das Falsche. Dabei ist es so einfach: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
Es wäre wahrlich und wirklich eine schöne, eine neue Welt, wenn wir „die von Gott dem Leben eingestiftete Ordnung bewahren […] und nicht das Unrecht verteidigen würden.“ (Vgl.: W. Stählin: Predigthilfen, Bd. III, Kassel 1959, S. 305)

Gott liebt das Recht, das haben wir gerade und schon früher mal gehört und dennoch scheint dieser Grundsatz nicht so richtig zu uns durchzudringen. Solches kann man in eher kleineren Bezügen und auf der großen Weltbühne gut beobachten: Als in der Nacht zum 2. Mai 2011 Osama bin Laden erschossen wurde, drang aus dem Weißen Haus in Washington so etwas wie Stolz über diesen Tod. (Vgl. zum Folgenden: „Die Würde ist antastbar“, von F. von Schirach, Spiegel Nr. 38/2013, S. 138ff.) „Der Gerechtigkeit ist genüge getan!“, sagte Barack Obama.
Wir erinnern uns: Gott liebt das Recht, nicht das Unrecht. Das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist längst abgeschafft – ob das der amerikanische Präsident nicht weiß? „‘Auge um Auge‘ und die Welt wird blind sein!“, lautet die konsequente Auflösung dieser Formel die Gandhi gefunden hat.
Aber auch Frau Merkel, die Pastorentochter, war nicht davor gefeit, in dieser Situation verbal zu entgleisen: „Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“, sagte sie kurz darauf.
Eine simple Einteilung der Welt in Gut und Böse reicht hier nicht aus, um diese Aussagen zu erklären oder gar zu rechtfertigen. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist…“ Vom Töten oder gar von der Freude darüber, dass jemand tot ist, steht erst mal nichts in den Verlautbarungen Gottes!

Und auch von der „Hingabe des Herzens an die Güte, die wir einander schulden, weil wir sie selbst von Gott empfangen haben und allein davon leben“ ist hier nicht mehr die Rede. Vergessen wir nur nicht, dass „Recht ohne Güte zur Härte wird, Güte ohne Recht wird zur Weichheit.“ (Vgl.: W. Stählin, a.a.O., S.304) Dabei ist nicht die Weichheit eines sogenannten „Softies“, nicht die Weichheit einer vermeintlich weinerlichen also zögerlichen Gesellschaft gemeint, sondern viel mehr die Aufweichung der Ordnungen, die Aufweichung des Rechts, letztlich die Aufweichung der Güte des Herzens! Stellen Sie sich vor, ist erst das Herz aufgeweicht, weicht auch die Liebe auf! Und wenn wir keine Liebe mehr üben gegenüber den Menschen, den Homosexuellen, den Heterosexuellen, den Schwarzen und Weißen, den Flüchtlingen, den Einheimischen, den Menschen, die wir mögen und den Menschen, die wir nicht mögen, dann geht das Schiff, das sich Gemeinde nennt, unter.

Die Aufweichung der Güte des Herzens findet man gerade dort, wo jahrzehntelang Unrecht geschieht, vor aller Welt Augen. Guantanamo Bay ist so eine Aufweichung der Herzen, eine Anfechtung der Ordnungen, ein Schlag in des Propheten Gesicht. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist … – Menschen ohne Rechte festzuhalten, zu quälen, zu foltern, diese Menschen zu erniedrigen – solches gehört sicherlich nicht dazu!

Aber auch in weniger existentiellen Bezügen verlassen wir nur allzu oft das gute Maß aller Dinge und hören lieber auf die Dinge, die so gut ins manchmal auch schon vorgefertigte Bild passen. In Limburg schraubt ein Bischof die Baukosten seiner Residenz in ungeahnte Höhen, während in Frankfurt die Hauptkirche der dort ansässigen Katholiken nicht renoviert werden kann, weil die finanziellen Mittel fehlen. Darüber soll, darüber muss berichtet werden. Allerdings muss auch klar sein, wann die Grenze des guten Geschmacks überschritten ist. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist … bedeutet ja nicht, dass wir eine moralische Allzweckwaffe in unseren Händen hielten, die wir getrost auf jeden richten können, der vermeintlich oder offensichtlich Unrecht tut. Nein, das Prophetenwort fällt auch jedes Mal auf uns zurück. Und was dem katholischen Bischof passiert, ist mit dem Grundsatz der Nächsten- und Feindesliebe schon lange nicht mehr vereinbar. Es ist klar, dass da etwas schief gelaufen ist, aber das ist jetzt hinlänglich bekannt und nun sollen die Gremien darüber entscheiden, die dafür zuständig sind. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist … heißt eben nicht, an einem Menschen eine mediale Hexenjagd zu zelebrieren wie weiland am ehemaligen Bundespräsidenten. Was ist übrig geblieben von all den Vorwürfen? Am Ende steht eine, womöglich nicht selbst bezahlte, Hotelrechnung.

Gott liebt das Recht, nicht das Unrecht. Und der Bundespräsident a.D. hat sich nicht korrekt verhalten, aber rechtfertigt der Zweck die Mittel? Bischof Tebartz van Elst wird wohl das gleiche Schicksal erleiden und die volle Breitseite der Herzenshärte erfahren. Von der Liebe, zu der Gott uns ruft, keine Spur, aber viel Häme, böse Witze, Unterstellungen.

„Recht und Güte erwächst aus der Demut, die unter Gott ist und unter Gott bleiben will. Recht, Liebe, Demut, diese drei sind eigentlich eins. So gewiss alle Gebote in dem einen Gebot der Liebe, nämlich der unteilbaren Einheit der Gottes- und Nächstenliebe zusammengefasst sind.“ (Vgl.: W. Stählin, a.a.O., S. 305)

Das christliche Selbstverständnis wird nicht durch Hartherzigkeit, Hoffart, Luxus, nicht durch Hetze und Häme entschieden, sondern vielmehr an dem Umgang mit dem Recht. Und ja: „Wir werden häufig dazu gezwungen, Standards aufzustellen, die wir selbst nicht erreichen, und Regeln festzulegen, die wir nicht selbst befriedigen können […] Es ist nicht notwendig, auf die schrecklichen Gefahren hinzuweisen, die es bedeutet, diese Grundsätze aufzugeben.“ (Vgl.: „Die Würde ist antastbar“, von F. von Schirach, Spiegel Nr. 38/2013, S. 141).

Nein, es ist nicht notwendig auf die Gefahren hinzuweisen, wenn wir diese Grundsätze verlassen. Es ist nur notwendig darauf hinzuweisen, was Gott von uns erwartet, indem er uns anspricht, jeden Mensch einzelnen und uns sagt. Und was er fordert ist erstaunlich einfach: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
Amen.

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