Testamentseröffnung: Liebe als Vermächtnis

Liebe Gemeinde,
der heutige Predigttext lässt uns teilhaben an einer Testamentseröffnung: Es geht um die letzten wichtigen Worte, um den letzten Willen, um das Vermächtnis, das den Hinterbliebenen hinterlassen und übergeben werden soll.

Es ist das Testament Jesu. Seine Abschiedsworte. Nicht im Getümmel seiner Verhaftung oder im Schrecken seines qualvollen Todes am Kreuz gesprochen, sondern so, wie man es eben macht, bei einem Testament: wohl überlegte Worte, mit Bedacht und dem Blick auf die Zukunft, formuliert. Eine Zukunft, wo Jesus nicht mehr leiblich bei seinen Liebsten sein wird.

Hören wir also das Vermächtnis Jesu an uns, wie es der Evangelist Johannes im 15. Kapitel aufgeschrieben hat:

(TEXT)

Liebe Gemeinde!

Nicht Macht und Ansehen ist das Vermächtnis Jesu an seine Kirche. Nicht Geld und Ruhm. Sein Vermächtnis ist LIEBE!

Keine detaillierten Handlungsanweisungen hat Jesus formuliert, kein Organigramm, das die weltweite Christenheit ordnen soll, sondern nur EIN Gebot: »dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe!«

Nun, wenn Sie, liebe Gemeinde, ähnlich pop- und schlagerschnulzengeschädigt sind wie ich, werden Sie vielleicht gleich abwinken. »Ja, die Liebe!« Ein großes Wort, so oft in Anspruch genommen und gebraucht, dass es abgenutzt und ausgelatscht wirkt, wie ein Paar alte Schuhe, die keinen Halt mehr geben.

»Liebe« sagt ja angeblich alles – und doch nichts!

Doch liebe Gemeinde, beim Vermächtnis Jesu geht es nicht um einen romantisch verklärten Blick auf die kleine mit sich selbst beschäftigte Christenschar. Es geht nicht um Flucht aus der harten Welt hinein in ein kuscheliges Christsein.

Nein! Jesus stellt uns mitten hinein in diese Welt. »In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« (Joh 16,33) – so heißt es ein Kapitel später in Jesu Testament.

Die Deutsche Sprache kennt leider nur das eine Wort »Liebe« für ganz verschieden Zusammenhänge. Aber im hebräischen und griechischen gibt es unterschiedliche Begriffe.

Beim Vermächtnis Jesu geht es nicht um Eros und Libido (also das romantische und sexuelle Begehren). Es geht auch nicht um Philia (also um Zuneigung und Sympathie).

Es geht um Agape! Ein griechisches Wort, das es so nur im Neuen Testament gibt. Es meint wörtlich übersetzt: »sich zufriedengeben, jemanden mit Achtung behandeln, jemandem zuvorkommend begegnen«.

Zuvorkommende Menschen sind ein Geschenk! Da will man z. B. schwer beladen eine Tür öffnen und ein zuvorkommender Mensch hilft einem, ohne dass man ihn darum bitten muss. Er fühlt sich in die Situation ein und ist zur Stelle.
Zuvorkommend – das heißt: »Ich habe den anderen im Blick. Ich sehe, was er braucht. Ich entdecke seine Nöte und Schwächen, aber auch seine Gaben und Möglichkeiten.

Das ist Jesus Vermächtnis an uns. Seine Liebe, seine Agape, sein Blick auf uns, den er zuerst UNS schenkt: Er begegnet uns mit Achtung – ohne Vorbehalt. Er nagelt uns nicht fest auf unsere Fehler und unser Versagen. Er sieht immer wieder die Chance zu einem Neuanfang für uns. Seine Art der Liebe liegt darin, dass er in jedem Menschen ein Geschöpf Gottes sieht. Dostojewski hat es einmal so formuliert: »Einen Menschen lieben, heißt ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat.« [1]

Und dieses Vermächtnis sollen wir miteinander teilen und einander weiter schenken: den anderen mit Achtung behandeln – ohne Vorbehalt! »Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.«

Ja, das fällt manchmal schwer! Jeder hat sicherlich schon Begegnungen gehabt mit Menschen, wo einem nicht unmittelbar einleuchtet, wie Gott sie wohl gemeint haben mag, als er sie schuf.

Aber Jesus lässt nicht locker. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt.
Es macht Mühe, und es kostet auch etwas, mindestens Zeit und Geduld, manchmal sogar Geld, und ganz oft müssten wir dafür auf dieses süßlich-saure Gefühl verzichten, eigentlich doch Recht gehabt zu haben.

»Du sollst nicht Recht haben, sonder lieb haben!« sagt uns Jesus, denn auch du lebst davon, dass Gott dir gegenüber nicht auf sein Recht, sondern auf seine Liebe besteht!

Liebe, Agape, jemanden mit Achtung behandeln, geht noch einen Schritt weiter.

In einer chassidischen Geschichte erzählt der Rabbi seinem Schüler:
„Die Erkenntnis wahrer Nächstenliebe verdanke ich einem Gespräch zweier Dorfleute, denen ich zuhörte.

Erster: Sage mir Freund Iwan, liebst du mich?
Zweiter: Ich liebe dich sehr.
Erster: Weißt du, Freund, auch, was mir wehtut?
Zweiter: Wie kann ich denn wissen, was dir weh tut?
Erster: Wenn du nicht weißt, was mir weh tut, wie darfst du auch nur sagen, dass du mich liebst?

„Verstehst du“, führte der Rabbi aus, „lieben, wirklich lieben, heißt wissen, was dem anderen weh tut.“ („So soll man Geschichten erzählen“, Herder, 1985, S.40) [1]

Liebe Gemeinde: Die vermeintliche »Liebe« der Schlager- und Schnulzen-Welt macht bekanntlich blind. Die Agape, die Liebe Jesu dagegen öffnet die Augen für die Welt, für den Anderen, für seine Not, für das, was weht tut.

Da wird die Agape, dann zur Caritas, die annehmende Liebe zur helfenden Liebe!

Liebe Gemeinde! Allein diese Liebe ist der Markenkern chritlicher Gemeinde und eines Christenlebens.
Diese wohlwollende und helfende Liebe ist das Vermächtnis Jesu an uns. Sind wir gute Erben und Haushalter dieser Liebe?
Sie ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es herschenkt!

Da wirkt es im Moment zynisch, wenn man auf den 31 Mio. Bau in Limburg sieht. Da wirkt es menschenverachtend, wenn man nach Lampedusa blickt und darauf, wie Europa sich als Festung vor der Armut der Welt abschottet.

Und ich selbst? – Wahrscheinlich trage ich unter dem Talar und Hemd ein T-Shirt, das aus Bangladesch stammt, wo Menschen unter erbärmlichsten Bedingungen leben und arbeiten, damit ich billig einkaufen kann …

Ja, es gibt noch viel zu tun und viel zu lieben! – Aber auch unser Scheitern und bruchstückhaftes Unvermögen ist aufgehoben in der erbarmenden Liebe Gottes.

Und so geht es darum, die kleinen Schritte zu wagen, die Leben aufblühen lassen. „Lob der kleinen Schritte“ heißt ein Text von Rudolf Otto Wiemer:

„Wir loben die kleinen Schritte. Den Mann, der das voreilige Wort nicht ausspricht. Die Stimme, die sagt: Pardon, ich bin schuld. Die über den Zaun des lästigen Nachbarn gestreckte Hand. Wir loben die kleinen Schritte. Die Faust in der Tasche. Die nicht zugeschlagene Tür. Das Lächeln, das den Zorn wegnimmt. Wir loben die kleinen Schritte. Das Gespräch der Regierungen. Das Schweigen der Waffen. Die Zugeständnisse in den Verträgen. Wir loben die kleinen Schritte. Die Stunde am Bett des Kranken. Die Stunde der Reue. Die Minute, die dem Gegner recht gibt. Wir loben die kleinen Schritte. Den kritischen Blick in den Spiegel. Die Hoffnungen für den anderen. Den Seufzer über uns selbst“.
(Rudolf Otto Wiemer, Lob der kleinen Schritte, in: Hans-Martin Lübking, Günter Törner (Hg.), Beim Wort genommen, Gütersloh 2002, S. 207) [2]

Und das versöhnte Lächeln über Dich und mich. – Amen.

[1] Den Satz von Dostojewski und die chassidische Geschichte fand ich bei Pfarrer Wolfgang Fleißner (http://www.kanzelgruss.de/index.php?seite=predigt&id=2627)

[2] Das „Lob der kleinen Schritte“ fand ich bei Pfarrer Jürgen Bossert (http://www.predigtforum.de/predigten/lob-der-kleinen-schritte/#predigt)

Vielen Dank für diese Anregungen!

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