Die Freundinnen und Freunde Jesu – Vorbild neuer Beziehungsformen

Was soll mit mir werden, wenn ich alt bin, fragte sich Marcella Althaus aus Salzwedel (Name und Ort geändert). Meine Tochter wohnt in Leipzig und mein Sohn in Mittelsachsen. Sie können sich nicht um mich kümmern. Überhaupt ziehen die jungen Leute alle weg. Ich bin nun Ende 40 und will mir jetzt Gedanken machen. In ein Pflegeheim will ich jedenfalls nicht. Und die meisten Leute, die ich kenne, wünschen sich das auch nicht. Es muß doch zu Hause möglich sein.
Marcella Althaus wurde aktiv. Sie gründete eine Bürgerinitiative. Sie baute ein Netz von Nachbarschaftshilfe auf. Damit verwirrte alte Menschen nicht jeden Morgen 20 km über Land zur nächsten Tagesstätte für Demenzkranke kutschiert werden müssen, schaute sie sich auf den Dörfern um. Viele Dorfgemeinschaftshäuser sind doch gut ausgebaut, fand sie, und auch die Kirchen haben Räume. Warum die nicht nutzen und zwei, drei Leute vor Ort betreuen? Wir müssen uns selbst helfen. Der Staat kann es irgendwann nicht mehr und die Kosten der Pflegeversicherung explodieren sonst.
An manche Türen hat sie immer wieder geklopft. Sie hat die Freiwilligenagentur eingebunden, die Erwachsenenbildung macht mit, die Fachhochschule, die Johanniter, die Kirchen. Mit langem Atem hat Marcella Althaus um Salzwedel herum, in der dünnbesiedelten Altmark, dafür gekämpft, daß Menschen gut zuhause alt werden können. 10 Jahre später laufen diverse Förderprogramme, mehrfach wurde die Bürgerinitiative ausgezeichnet. Mit diesen Netzwerken habe ich meine persönliche Altersvorsorge geschaffen, sagt Marcella Althaus.

Freunde, Gleichgesinnte, ein Netz von Menschen außerhalb der Familie kann immer wichtiger werden. Menschen, die ein gemeinsames Anliegen haben, ähnliche Ziele. So ein Netz kann etwas bewegen, kann Neues schaffen. Freunde haben wir ähnliche Interessen und mit ihnen können an einem Strang ziehen.
Für Jesus waren Freundinnen und Freunde sogar wichtiger als Familie. Freunde können wir uns aussuchen, ganz im Gegensatz zu unserer Verwandtschaft, zu Eltern, Geschwistern, ja den eigenen Kindern. Jesus standen seine Jüngerinnen und Jünger näher als seine Familie.

Die Freundinnen und Freunde von Jesus sind es, die hören, was Gott sagt. Sie bauen Gottes neue Welt.
Sie tragen die Schwachen. Die Freundinnen und Freunde von Jesus säen Gerechtigkeit Sie nehmen ihren Mut zusammen und lernen zu protestieren. Sie suchen nach gewaltfreien Formen der Konfliktlösung. Sie besuchen Gefangene. Sie streiten für Mitbestimmung. Sie decken Seilschaften auf. Sie kaufen im Eine-Welt-Laden ein. Sie hüten Kornblumen und Schmetterlinge.
Die Freundinnen und Freunde von Jesus träumen beharrlich weiter, wo andere aufgeben. Sie sind die Vorhut einer Zukunft, die sie in ihren Vorstellungen noch nicht einmal fassen können.
Jesus sagt in seinen Abschiedsreden im Johannesevangelium: Ihr seid meine Freundinnen, meine Freunde. (V 14) Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. (V 9 + 12)
Ihr seid meine Freundinnen, meine Freude, das sagt Jesus auch zu uns. Ihr seid die, mit denen ich zusammengehören möchte und auf die ich baue.

Freundschaft und ein Kreis von Freundinnen und Freunden – das ist die Wurzel von Kirche und es ist auch ihr Ziel, ihre Vision. Nicht Amtskirche, nicht herrschende Kirche, die Macht und Einfluß ausübt. Auch nicht Amigos und Seilschaften, die sich Geld und Einfluß zuschanzen. Kein Clan derer, die hineingeboren wurden. Keine Sekte, zu der andere keinen Zugang haben. Sondern Kirche ist die offene Gemeinschaft der Freund_nnen von Jesus, die die Erde neu bebauen und bewahren.
Wenn es so wie bisher nicht mehr funktioniert in den Familien, auf dem flachen Land (oder auch weltweit), dann können neue Formen des Miteinanders wachsen. Menschen leben gemeinsam und übernehmen Verantwortung füreinander, ob als Gruppe, als Wohngemeinschaft, in der Nachbarschaft oder im Stadtviertel, als Gemeinschaft auf Zeit oder als Netzwerk. Das ist nichts Fertiges, sondern eher wie eine Keimzelle des Neuen, ein Labor. Marcella Althaus‘ Bürgerinitiative kann ein Sinnbild dafür sein.

Jesus hat Nähe zugelassen zu Menschen, mit denen er nicht verwandt war. Er hat diesen Beziehungen große Tragkraft zugetraut, er hat ihnen sogar zugetraut, daß sie verwandelnde Kräfte freisetzen können. Das kann anregen, daß wir den Stellenwert von Freundschaft neu überdenken. Wollen wir dazugehören?
Jesus streckt uns die Hand entgegen. Er lädt uns ein: Ihr seid meine Freundinnen, ihr seid meine Freunde.

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