Feindesliebe ist fast (un)möglich !

Liebe Schwestern und Brüder!
Unzumutbar, eine andauernde Provokation, ein Stachel in meinem trägen Fleisch, die "raueste Stelle des ganzen Neuen Testaments", eben einfach absolut nicht nachvollziehbar, so unterschiedliche Worte, verschiedener Menschen zu diesem steilen Text der Bergpredigt. Und auch mir will es nicht in den Kopf, dass Jesus in den Worten des Matthäus, mir und uns allen abfordert, unsere Feind zu lieben, wo wir doch schon große Probleme haben unsere Nächsten zu lieben?
Da gibt es nichts zu deuteln oder anders zu interpretieren. Denn da steht wörtlich: "Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen."

In einer abgehobenen Predigt könnte ich nun versuchen zu zeigen, wo und wem es in der Weltgeschichte schon einmal gelungen ist, seine Feinde zu lieben. Anschließend könnte ich dann an Sie und unser aller edle Gesinnung appellieren, damit wir edel, hilfreich und gut der Aufforderung Jesu folgen, unsere Feinde zu lieben. Denn es gibt ja bekanntlich einige wenige Menschen, moderne Heilige, die es geschafft haben, ihre Feinde zu lieben. Mahatma Gandhi, der das große Indien vor 50 Jahren in die Unabhängigkeit vom britischen Kolonialismus führte. Gewaltloser Widerstand war sein Mittel zum Frieden. Auch Martin Luther King, der amerikanische schwarze Prediger, schaffte es durch die Strategie des "Non-Violence", des passiven Widerstandes, den amerikanischen Rassentrennungsgesetzen und Diskriminierungen ein Ende zu setzen. Beide, Ghandi und Martin Luther King, wurden von Feinden des Friedens ermordet. Und wenn man sich diese Menschen als Vorbilder für das eigene Leben auserkoren hat, dann hat man wahrlich -und das meine ich sehr ernst- nicht die schlechteste Wahl getroffen.
Aber die wenigsten von uns sind Mahatma Gandhis oder Martin Luther Kings, die wenigsten von uns haben noch nicht einmal einen persönlichen Feind, einen Intimfeind, der einem das Leben schwer macht.
Oder?
Wie sieht das eigentlich mit unseren Feinden aus?
Bevor wir uns darum kümmern, schauen wir uns erst einmal an, wo das Wort "Feind" herkommt. Laut Duden Herkunfts-Wörterbuch leitet sich das Wort Feind aus dem altgermanischen "fiand" her, was so viel wie der "Zu-Hassende" bedeutet.
Ein Feind ist also jemand, den ich hassen muss.
Aber hasse ich wirklich jemand, gibt es in meinem persönlichen Leben jemand, der mich zum Hass verführt oder anstachelt, so dass ich ihm oder ihr die Pest an den Hals wünsche?
Ich denke, die wenigsten von uns haben wirkliche oder richtige Feinde, die einem zu Feindschaft und aktiven Hass verführen.
Gottseidank ist das Wort "Feind" in unserer Alltagssprache sehr selten.
Vielmehr kennen wir aber fast alle Quälgeister, die uns das Leben tagtäglich schwer machen. Ich persönlich denke da manchmal an bestimmte Schüler in der Berufsschule, von denen ich wusste, dass sie einem den Unterricht schwer machen können. Vielleicht kennen Sie auch solche Quälgeister und Querulanten in ihrer Umgebung, also Menschen, die einem durch ihr Verhalten und ihre Ablehnung das Leben schwer machen können, so dass man sie am liebsten auf den Mond oder sonstwo hin wünscht. Als ob es nicht schon genug sei, dass man bereits des Öfteren mit starken Widerwillen und viel innerlicher Überwindung eine oder zwei Meilen mit ihnen gegangen wäre oder sogar bildlich die linke Wange hingehalten hätte. Vielleicht haben sie sogar ihren Mantel gegeben, nach dem diese oder dieser den Rock gefordert hatte. Und nachdem ihnen solch ein Mensch fast alles an innerer und äußerer Opferbereitschaft abgefordert hat, kommt Jesus daher und sagt nach zu Ihnen:
"Liebe deinen Feind und bitte für den, der dich verfolgt!"

Wie sieht es nun mit unseren Feinden im Leben aus?
Gibt es überhaupt noch welche, oder verachten wir an dem anderen, also an unserem Nächsten nicht gerade das, was wir an uns selbst nicht mögen, was wir an unserem eigenen Charakter verachten und hassen? Die Psychologen nennen das Projektion. D.h. ich projiziere in einen anderen Menschen hinein, ich sehe oder lese in dem anderen, was ich an mir selber verachte. Dadurch baue ich ein inneres Feindbild auf, das mir hilft von mir selbst und meinen eigenen Fehlern abzulenken.

Oder anders erklärt:
Wenn ich mich selbst unsicher fühle und im tiefsten Inneren nicht an mich selbst glaube, also mein Selbstwertgefühl und meine Würde verneine, dann neige ich dazu, ein Feindbild aufzubauen. Ich fühle mich bedroht, angegriffen und nicht akzeptiert, wenn andere mich und meine Arbeit kritisieren.
Also versuche ich besser zu erscheinen, als ich es selbst von mir glaube, und deshalb habe ich es nötig die gute Arbeit anderer Menschen nicht anzuerkennen oder sie schlecht zu machen. Langsam und stetig entstehen so Feindbilder.

Aber letztlich sitzt der Feind in mir selbst. Der Feind sind dann die eigenen Minderwertigkeitskomplexe und das mangelnde Vertrauen in die eigenen zweifellos vorhandenen Fähigkeiten.

Und was heißt nun Feindesliebe?
Jesus will den Teufelskreis von Schuld und Vergeltung durchbrechen, es soll gerade nicht um das Vergeltungsprinzip von Auge und Auge, Zahn um Zahn gehen. Er selbst hat dieses Prinzip bis in letzter Konsequenz bis zum eigenen Tod gelebt. Und selbst im eigenen Tod noch für seine Verfolger gebeten, dadurch wurde er zum Gottes Sohn. Er fordert von sich ein Maximalkonzept.
Wir können in unserem eigenen Leben leider nur ein Minimalkonzept der Friedensbereitschaft und Feindesliebe realisieren.
Aber dieses Minimalkonzept der Friedensbereitschaft und Feindesliebe kann in und mit uns selbst anfangen.
Für mich selbst kann das bedeuten: ich versuche mich hin und wieder auf meiner inneren, meiner psychologischen Ebene zu mehr Gelassenheit, Geduld und Demut gegenüber Angriffen und Anfragen zu meinem Tun zu erziehen. Ich muss nicht in jeder Kritik einen Angriff auf die eigene Würde und den eigenen Selbstwert wittern. Ich kann dann auch viel bescheidener mit mir selbst umgehen, und mich vielleicht in das Ganze des Lebens einordnen und nicht als Mittelpunkt der Welt ansehen. Wenn ich an die Würde des von Gott verliehenen Daseins glaube, dann kann ich auch verstehen und daran glauben, dass Gott auch meinem Gegenüber seine Würde verliehen hat.
Im Text heißt es:
"Denn Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte", und gemeint ist damit, Gott ist mit seiner Gnade und seiner Barmherzigkeit größer und gütiger als ich mit meiner schwachen menschlichen Existenz. Gott verzeiht auch meine Fehler und nimmt meine Schuld billigend in Kauf. Und als Mensch muss ich mich nicht größer machen als mein Schöpfer und ein absolutes Urteil über mein Gegenüber sprechen. D.h. nicht nur von Gnade und Barmherzigkeit reden, sondern auch versuchen nach ihr zu leben. Und das ist der Stachel, den uns die Worte Jesu in unser Fleisch treiben. Jesus formuliert hier einen Anspruch, den die wenigsten von uns jemals erfüllen können oder wollen. Aber nichtsdestoweniger ist die Bergpredigt nötig, weil durch die Bergpredigt zwar nicht unbedingt Tagespolitik gemacht werden kann, aber Gott zeigt uns dadurch neue Möglichkeiten des Handelns.
Es gibt immer noch einen anderen Weg, und ich bin nicht gefangen in einer Gewaltspirale, in der Gleiches durch Gleiches vergolten wird.

Und konkret auf meinen Alltag angewandt heißt das:
Gottes Reich und Gottes Angesicht leuchtet immer dann wieder konkret in meinem nach außen wirkenden Leben auf, wenn ich versuche sachliche Konflikte auch sachlich zu lösen versuche. Ich muss mich nicht auf die Persönlichkeit meines Gegenübers einschießen und an ihr herummäkeln. Ich muss nicht als Sieger aus einer Debatte hervorgehen, sondern vielmehr versuchen Probleme zu lösen.

Liebe Schwestern und Brüder, wir werden niemals die Tiefe der Aussage in Wort und Tat erreichen können. Feindesliebe wird immer ein sperriger Anspruch an uns sein, den nur wenige ansatzweise erfüllen können.
Nichtsdestotrotz muss es diesen göttlichen Forderungen an uns geben, damit wir sie als Gebot und Angebot für unser Leben begreifen. Und immer da, wo Gottes Gebot als Angebot für das eigene Leben verstanden wird, immer da, wo Gottes Wort in uns eine Veränderung im persönlichen Leben bewirkt, da blitzt Gottes Reich kurz in unserem Leben auf.

Und ganz besonders stark leuchtet es da, wo Leben und Liebe ist. Liebe ist stärker als der Tod und eine Macht, die Brücken baut, wo vorher nur Abgründe waren. Und manchmal schafft es die Liebe sogar zu Versöhnung vorzustoßen und aus Feinden Freunde zu machen. Daran glaube ich.

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