Leben, was wir sind

Als man Martin Luther einmal um eine Beschreibung Gottes gebeten hatte, soll er gesagt haben: Gott ist ein Backofen, der glüht voller Liebe. Ein eigenartiges Bild mit biblischem Hintergrund. Gott wird immer wieder als Liebe beschrieben, aber das macht es für viele ChristInnen nicht einfacher. Heißt das wirklich, dass Gott alle Menschen liebt und nicht nur uns, die wir uns zum Gottesdienst versammeln? Heißt das womöglich auch, dass er Menschen liebt, die große Fehler gemacht haben Kinderschänder, Mörder oder Verschwender wie Tebartz-van Els?

Jesus selber nimmt eine ganz eigene Position im Gespräch mit seinen Jüngern ein:

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Die Jünger sind gute Freunde Jesu – und mit ihnen redet er über Liebe, über Liebe zu den Mitmenschen. Und über die Liebe, die er für die Menschen mitgebracht hat als Geschenk Gottes.

Es wird öfter bedauert, dass es im Deutschen nur das eine Wort für Liebe gibt, während es in den alten Sprachen mehrere Begriffe gibt, je nachdem ob es um Elternliebe, Geschwisterliebe, Freundesliebe, sexuelle Liebe geht. Vielleicht ist das auch ein Zeichen dafür, dass wir heute einen ganz anderen Liebesbegriff haben, den wir lieber gar nicht erst in Worte fassen. Da ist es dann egal, ob wir von der Liebe zweier Teenager reden oder der eines alten Ehepaares, der Liebe zu seinen Kindern oder Eltern, der Liebe zu Menschen, die einem besonders wertvoll sind. Liebe ist ein Gefühl, das schwer in Worte zu fassen ist. Und zugleich ein unendlich wertvolles Gefühl. Das spüren wir dann besonders deutlich, wenn ein Mensch sich ungeliebt fühlt. Dann fühlt er sich auch wertlos, abgeschoben.

In seinen Abschiedsreden klärt Jesus, in welchem Verhältnis er zu den Seinen steht. Und er gibt diesem Verhältnis den Namen Liebe. Die Liebe, die er meint ist die Liebe von Schwestern und Brüdern, von Eltern und Kindern, die Liebe, die Menschen hilft sich einander zuzuwenden und füreinander da zu sein. Die Liebe, die auch dann noch brennt, wenn das Objekt der Liebe sich gerade als äußerst abweisend zeigt. Wir kennen das von pubertierenden Kindern und ihren Eltern, wo Phasen von Ablehnung und Streit sich ablösen mit Phasen von herzlicher Liebe. Wo Eltern auch Sätze wie ‚Ich hasse dich‘ einordnen können und ertragen, weil sie lieben. So sagt Jesus, können Menschen miteinander umgehen, wenn sie einander lieben. Darum hinterlässt er nur ein Gebot: Bleibt in meiner Liebe. Wenn das Wirklichkeit wird zwischen den Menschen, dann reicht das für das ganze Leben.

Lieben heißt: den Anderen mit Liebe anschauen und die Verschiedenheit akzeptieren. Eheliche Liebe kann da dienen als Vorbild für die menschliche Liebe, die Jesus meint. Wenn zwei sich lieben, dann funktioniert das auf Dauer nur, wenn sie sich jeder in seiner Eigenart belassen und darauf gemeinsam aufbauen. Eine gute Ehe besteht nicht darin, dass immer einer dem Anderen recht gibt, sondern darin, dass man immer wieder gemeinsam Wege findet, auf denen beide gerne gehen.

Das könnte auch ein Bild für christliche Gemeinde sein. Menschen, die miteinander gehen, auch wenn sie sehr unterschiedlich sind, die aber gemeinsame Wege finden, dass alle glücklich werden. Das kann nur in der Liebe geschehen, die bereit ist zu verzichten um dieses gemeinsamen Lebens Willen. Das war vom ersten Moment an der Ausweis einer christlichen Gemeinde, dass hier eine ungeheure Liebestätigkeit herrschte, dass keiner in ihren Reihen hungern musste, dass auch Witwen und Waisen versorgt waren. Das könnte auch heute noch ein Symbol für das christliche Leben sein, dass niemand hungern muss.

Wir leben in einer unchristlichen Welt heißt es. Tatsächlich erleben wir im Moment starken Gegenwind gegen christliches Leben. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass die Menschen zu lange zu kirchenhörig waren und nun aufgeschreckt durch Missbrauch und Finanzskandale das Pendel zurückschwingen lassen. Die sind ja nicht ganz richtig, heißt es dann über die Kirche und die, die in ihr arbeiten. Vielleicht hängt das auch mit einer insgesamt kritischen Haltung zu Autoritäten zusammen – und erst recht zu Autoritäten, die einem erklären wollen, wie Leben funktionieren kann.

Egal wie, wir leben in dieser Welt und können als christliche Gemeinde nur in ihr existieren, wenn wir standhalten und unseren Glauben leben. Kraft dürfen wir daraus gewinnen, dass Christus uns liebt. Und er sagt uns das ohne eine Bedingung zu stellen. Weil er uns liebt, können wir auch einander lieben und das kann uns stark machen allem zu widerstehen, was die Liebe kaputt macht. Wir dürfen auch die lieben, die unseren Glauben attackieren, egal ob es um einen bauwütigen Bischof geht oder um seine KritikerInnen und egal ob wir ganz verstehen, was da abgeht oder nicht.

Wir dürfen leben, was wir sind: liebenswerte Menschen, weil wir von Christus geliebt werden und darum auch Menschen, die lieben können, auch dann, wenn die Umwelt es uns schwer macht, auch dort, wo sonst keiner liebt. Wir können lieben, weil wir geliebt werden. Und wir können und Schwestern und Brüder suchen, die mit uns gemeinsam die Liebe leben. Die Liebe zu den Menschen, die unsere Liebe brauchen, die Liebe zu den Hilflosen, den Mittellosen, den Beziehungslosen.

Ich glaube, dass ich täglich neu lernen muss, in dieser Liebe zu leben. Ich muss lernen umzugehen mit meinen eigenen Schwächen, mich selbst zu akzeptieren auch dort wo ich mich so wenig liebenswert verhalte. Ich muss lernen Menschen anzuschauen mit dem Blick, mit dem Jesus sie auch angeschaut hat, dem liebenden Blick, der nicht jedes Tun gutheißt, aber der den Menschen auch dann noch gut nennt, wenn sein Tun verwerflich ist und ihm auch dann noch die Hand reicht.

Zukunft kann nur dort entstehen, wo Gemeinde diese Liebe lebt, die Menschen hilft zu leben, die Menschen hilft zu teilen und die uns allen hilft, dass diese Welt eine bessere wird.

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