Blitzer-Sonntag

Blitzer-Sonntag scheint mir die passendste Überschrift für das Geschehen hier. Wie die Autofahrer wissen, ist das bundesweite Blitzlichtgewitter schon am Donnerstag über das Land gezogen. Weil werktags ist zum einen die Trefferquote höher und da ist vor allem normale Dienstzeit für die Polizeibeamten.

Für die Ordnungshüter der biblischen Zeit war dagegen die beliebteste Jagdsaison am Sabbat. An diesem Tag war in Israel alle Arbeit verboten. Ausnahmen gab es so gut wie keine. Schon überdurchschnittlich weite Wege zu machen galt bereits als Übertretung des Gebots.

Darüber machen sich die Jünger, die mitten in der Erntedanksaison ihren Sonntagsspaziergang machen, offensichtlich keine Gedanken. Und schon laufen sie den Feldjägern in die Arme.

Einige von den Älteren hier kennen bestimmt Bilder mit dem Motiv, wo Jesus mit seinen Jüngern im Kornfeld unterwegs ist. Das hing gerahmt in manchen Stuben früher.
Aber diese idyllische Szenerie ist eben nur ein Anfang. Die kalte Dusche folgt auf dem Fuß. Verkehrskonstrolle. Die Frage lautet diesmal nicht: Haben Sie getrunken, sondern: Haben Sie gegessen?

Vielleicht finden wir diese Kontrollaktion albern, total übertrieben. Allerdings hören wir von den Jüngern weder Protest noch Ausrede. Scheinbar wussten sie schon, dass sie einer klaren Bestimmung, so seltsam wir die heute finden mögen, zuwider handelten.

Warum finden wir diese alten Bestimmungen eigentlich seltsam? Könnte es daran liegen, dass wir in einer Zeit leben, wo der Sonntagsschutz immer mehr ausgehebelt wird und wir haben uns damit abgefunden. Aus Feigheit oder Bequemlichkeit. Es ist immer seltener die Kirche, die gegen Arbeit am Sonntag protestiert, eher die Gewerkschaften. Wie jetzt wieder bei VW, wo die vom Werk gewünschten kommenden Sonderschichten mit Sonntagsarbeit bis Jahresende wegen der guten Golf-Nachfrage gedeckelt wurden. Die Kirche dagegen nimmt das weitgehend einfach so hin, dass Handel und Wandel sich immer mehr von den Werktagen auf die Wochenenden verlagert. Schon das Wort Wochenende markiert den Verlust. Denn nach christlichem Verständnis gehört der Sonntag nicht zum langen Wochenende, er markiert den Beginn der neuen Woche.
Aber es geht ja nicht nur um den Sonntag, es geht um die Geltung der Gebote generell. Damit sie geachtet und beachtet werden, muss es Institutionen geben, die auf die Einhaltung achten. Und die gegebenenfalls Übertretungen ahnden. Und die dabei Tätigen machen sich natürlich schnell unbeliebt. Aber es ist wichtig, dass sie tätig sind.

Von der Polizeistreife über die Lebensmittelkontrolle bis hin zur Steuerfahndung. Kontrolle ist nötig. Wo man die Dinge einfach laufen lässt, geraten die ganz schnell aus dem Ruder. Das liegt nicht nur an der menschlichen Bosheit, es liegt an der menschlichen Schwäche. Beides findet sich auch innerhalb der Kirche.

Da ist es auch verhängnisvoll, wenn Kontrolle unterbleibt, wie dieser Tage die unkontrollierte Kostenexplosion vom Limburger Bischofspalast jedermann vor Augen führt.

Die Jünger, wie sie da arglos durchs Kornfeld spazieren und sich an dem stärken, was da wächst, sie haben sicherlich kein Unrechtsbewusstsein. So wenig wie viele Autofahrer, die schon immer mit 40 die Bismarckstraße und Schmelingstraße passieren. Warum soll ich vom Gas gehen? Jetzt zur Ferienzeit sind Grundschule und Gym dicht. Da sind keine Schüler unterwegs. Ich schade niemandem, warum soll ich mich dann streng an die Bestimmungen halten?

Aber wenn jeder sich nur an das hält, was ihm einsichtig ist, kann das Miteinander nicht funktionieren. Die Regeln die da sind, müssen beachtet werden. Auch wenn sie empörend lebensfern scheinen und doch bis heute nachwirken. Wie bei jener Krankenhausangestellten, der wegen zwei Brötchen gekündigt wurde.

Denn wer beurteilt, ob eine Vorschrift angemessen oder übertrieben ist. Sobald wir von einer Vorschrift unmittelbar betroffen sind und uns eingeschränkt erleben, sagen wir ganz schnell, das ist überzogen, ich muss das nicht so genau nehmen. Oder, noch bedenklicher: Es passt ja gerade niemand auf, da bin ich so frei.

Alle finden die 10 Gebote gut, solange sie selbst nicht unmittelbar betroffen sind.

Und hier kommt noch etwas hinzu. Hier sagen sich einzelne: Ich genieße sowieso Sonderstatus. Sie meinen sich auf Vorrechte berufen zu können wie der Bus oder Taxifahrer, der die rote Ampel nicht befolgen muss oder auf einer Extraspur an den anderen vorbeifahren darf. Man beteuert, die allen geltenden Bestimmungen seinen natürlich allgemein okay und sollten auch befolgt werden. Aber meine Lage ist natürlich eine besondere. Ich habe Privilegien.

Und in der Tat haben sich die ersten Christen das heraus genommen. Sie kamen aus dem Judentum, waren aufgewachsen mit einem Bündel von Gesetzen und Lebensregeln. Das hatten sie von Klein auf gelernt und an ihren Eltern und Nachbarn gesehen, wie die darauf geachtet haben, wie das den ganzen Alltag durchzog.

Dann kamen die Römer ins Land. Nun galten ihre Gesetze, sie bestimmten die Kultur. Das öffentliche Leben veränderte sich. Viele passten sich an. Man muss schließlich mit der Zeit gehen.
In dieser Lage zeigte die Gruppe der Pharisäer Profil und Rückgrat. Die lebten noch nach den alten Ordnungen. Sie entwickelten sogar Ratschläge, wie man auch in einer veränderten Zeit den alten Bestimmungen folgen konnten.
Die ersten Christen, ob es nun einfache Leute waren wie der Fischer Petrus oder der Gelehrte Paulus, waren davon fasziniert. Sie wollten auch so geradlinig sein und treu der Bibel folgen.

Vielleicht kennt mancher von uns dieses Bänkelsängerlied, das sich über die Feiertagsheiligung der Frommen lustig macht: Heut gibt’s nichts, heut ist Sonntagsruh. Da heißt es in einer Strophe:

„Im Dorfe brennt die Meierei. Die Feuerwehr ist auch dabei. Der Hauptmann hält die Spritze zu: Heut gibt’s nichts, heut ist Sonntagsruh."

Die Pharisäer, die hier mit Jesus und seinen Jüngern in Streit geraten wegen einiger am Sabbat ausgerupfter Ähren. Sie hätten nicht den Kopf geschüttelt über den seltsamen Feuerwehrhauptmann. Im Gegenteil, sie hätten ihn gelobt: Dieser Mann ist ein Gerechter. Er lässt lieber die Meierei abbrennen als den heiligen Feiertag zu entweihen. Denn ein Brandschaden lässt sich verschmerzen, aber den gottgewollten Ruhetag zu missachten, das wäre unverzeihlich.
Das Ruhegebot ist eine Wohltat Gottes, sagen sie. Schon bei der Schöpfung heißt es am Schluss: „So vollendete Gott am 7. Tage alles seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den 7. Tag und heiligte ihn…“ So sehen die Pharisäer den Sonntag als Wohltat. Sie gilt für Mensch und Tier. Auch Ochs und Esel dürfen am Sabbat im Stall und auf der Weide bleiben.

Malen wir uns einmal einen Ruhetag nach biblischem Muster aus: Auf den Straßen ist es stil. Die Autos stehen vor der Laterne oder in der Garage. Auf der Autobahn bewegen sich nur Radfahrer, Skater und Jogger. Kein Fluglärm stört, weil keine Maschine startet. Der Fernsehschirm bleibt dunkel, das Radio stumm. Kein Handy vibriert, keine E-Mail kommt an. Alles was stresst, lärmt, stört und reizt, fällt weg.

Vielen wäre diese Ruhe unheimlich, sie wüssten nichts mit ihr anzufangen. Andere fänden es herrlich erholsam: Wir haben nichts vor, darum läuft uns nichts weg. Gott möchte uns ja nahe kommen durch seinen Sohn Jesus Christus. Da ist es gut, wenn wir zu Hause sind.

Mit der Zeit hatte der Eifer der Frommen damals die Wohltat des Ruhetags in Mühsal verwandelt. In einen Katalog penibler Vorschriften, die ständig aktualisiert werden. Die Gläubigen müssen ihn streng beachten. Gott könnte sonst zürnen.
Das bleibt Leuten wie Petrus, Jakobus, Johannes nicht verborgen. Sie sehen hinter der frommen Fassade der Tugendwächter diese Bissigkeit. Dieses Freudlose. Ja richtig Angst: Wenn wir nicht genau tun, was in der Bibel steht, wenn wir nicht jedes einzelne Vorschrift wortwörtlich befolgen, gerät ja alles ins Wanken. Wir müssen fest bleiben, auch wenn wir uns manchmal selber fragen, ob einzelnes nicht zu lebensfern geraten ist aus unserem Moralkatalog.

Darum sind die ersten Jünger von Jesus so fasziniert. Der achtet auch die Heilige Schrift. Aber er bringt wieder Leben hinein. Der ursprüngliche Sinn der Gebote schimmert wieder durch, der schon verdeckt war durch die vielen Ausführungsbestimmungen.

Und da sind sie nun im Kornfeld unterwegs. Sie sind ganz ins Gespräch vertieft. Einige ganz vorn greifen, eher gedankenlos, in die Ähren. Warum auch nicht. Aber heute ist Sabbat. Wenn andere uns sehen, könnte das ein schlechtes Licht werfen auf unsere Bewegung. Dann heißt es: Die gehen hochnäsig über alles hinweg, was allen heilig ist.

Da geraten sie in die Verkehrskontrolle. Heute sind die Ordnungshüter offenbar großzügig. Sie lassen die Jünger vorbei. Aber Jesus wird angesprochen. Lässt du das einfach so durchgehen? Sind euch die alten Gebote egal?

Bis heute denken viele, die die Bibel nicht genau kennen und nur wissen, Jesus hat das Gesetz neu gedeutet: Sie denken, Jesus war liberal. Er hat den Seinen alles erlaubt. Er hat die Gebote zusammengefasst in das Doppelgebot der Liebe: Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzer Seele, ganzem Gemüt und allen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst. Er hat das Lernen und Befolgen einzelner Regeln ersetzt durch das Prinzip Liebe. Nur darauf kommt es an. Wer liebt, darf alles. Ach ja?

Unter dieser Überschrift brauche ich die einzelnen Gebote natürlich nicht mehr so genau nehmen, ich muss sie eigentlich nicht mal kennen. Aus Liebe läßt einer den Ehepartner im Stich, weil für Gefühle kann man ja nichts und das Herz schlägt nun mal für jemand anderes. Aus Liebe und Rücksichtnahme wird der Arzt gedrängt, der kranken Mutter nur ja nicht zu offenbaren, wie es wirklich um sie steht. Aus liebevoller Gefälligkeit kommt man der Bitte des Freundes nach und brennt mal eben die von der Firma neu angeschaffte Software auf eine CD. Alles nach dem Motto: So genau muß man die Gebote ja nicht nehmen.

Sie sind angeblich nur Hilfen, gute Ratschläge. Diese Verwässerung und Aufweichung hat weit um sich gegriffen bis hinein in Veröffentlichungen kirchlicher Verlage.
In einer Kurzausgabe der deutschen Bibelgesellschaft über die 10 Gebote heißt es im Vorwort: „Gottes Gebote sind keine Verbotstafeln: Du darfst dies nicht, du darfst das nicht. Sie sind Wegzeichen, Orientierungsmarken, Lebenshilfe:
So findest du den Weg, so kommst du ohne Schaden ans Ziel… Das war der Sinn der Gebote von Anfang an.“

Hier ist die Unbedingtheit der Gebote herabgesunken auf Ratgeber Niveau, wie es der Untertitel auf dem Cover offen ausspricht: Die 10 Gebote, Hilfe zum Leben.“
Hier ist das Gebot zum Angebot verkommen. In Wahrheit künden die Gebote durchaus ein „du sollst“. Sie markieren ein klares Nein zu aller Verfehlung. Sie setzen scharfe Grenzen. Grenzen, die wichtig sind für dich.

An deiner Haltung zu den Geboten kannst du in der Regel ablesen, ob du ein Christ bist. Ich habe nicht gesagt, wer die Gebote hält, ist ein Christ, das nicht. Es ist vielmehr so.
Der natürliche Mensch sagt: Ja, die Gebote sind eigentlich sinnvoll. Tut meinen Kindern auch gut, wenn sie die lernen und beherzigen. Für mich selbst finde ich aber: Im Prinzip lebe ich doch danach. Mach ich doch schon. Und so ganz wörtlich darf man das alles natürlich nicht nehmen, es ist ja auch vieles zeitbedingt.

Der Christ dagegen sieht mit Ernst und Sorgsamkeit auf die Gebote. Er weiß, Gott meint es ernst und wörtlich. Er hat ein Sensorium, das der Welt fehlt. Denn er hat sich mit Jesus verbunden, da schlägt sein Herz.

Es hängt an Jesus, und zwar weniger an seiner Auslegung der Gesetze. Es hängt daran, dass du mit Jesus verbunden bist. Ihm der hier von sich sagt: „So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“

Er sagt nicht: Der Sabbat ist den anderen Tagen gleichzusetzen, wir hängen die Schale mal tiefer, beten kann man schließlich jeden Tag. Nein: Gott ist ein Herr über den Sabbat, d.h. in Verantwortung vor ihm treffe ich jede einzelne Entscheidung: Herr, was sagst du?

Damit ich nicht dauernd unsicher fragen muss, Herr was willst du hier, was willst du dort, da kämen wir ja zu nix, darum sind uns die Gebote gegeben. Die Linie ist damit schon mal klar. Im Einzelfall kann es aber schwierig werden. Und wenn ich bewusst und für alle erkennbar gegen ein Gebot handele, also z.B. am Sonntag arbeite, dann muss ich das vor ihm verantworten. Ich sollte es nicht tun, ohne mich mit ihm abzusprechen.

Die Kirche hier steht an einer belebten Kreuzung. Vielleicht hat durch die Umgehung der Schwerlastverkehr abgenommen. So dass uns erspart bleibt, was in meiner letzten Gemeinde nötig wurde. Wo die Kirche an einer vierspurigen Kreuzung steht mit entsprechenden Nebenwirkungen. Die Wände wackelten, die Bauabteilung machte sich Sorgen.

Ein Seismograph wurde aufgestellt. Er sollte die Erschütterungen vom Verkehr messen. Um aufzuzeigen, ob die Fundamente angegriffen werden.

Die einen mögen sagen: Ach was, so eine große Kirche fällt so schnell nicht um. Die hält was aus. Von den Erschütterungen ist doch kaum was zu merken.

Mit dem Seismographen aber schlägt der Zeiger aus, sobald etwas in Unordnung gerät schon durch kleine Erschütterungen. Mit diesem Gerät ist ein Gespür dafür da.
So bekommst du auch ein Gespür für das, was Gott will, wenn du mit Jesus verbunden bist. Du hast dann einen inneren Seismographen. Eine Sehnsucht, die Gebote zu verwirklichen. Du merkst: Mein Fundament leidet, wenn ich die von Gott gegebenen Grenzen überschreite. Mit der Zeit bekommst du ein immer besseres Gespür, wo Jesus im Alltag dich hindrängt oder wo er dich von etwas abhalten will.

Und du wirst hungrig dabei. Du möchtest mehr wissen über seine Absichten mit dir. Die Jünger im Kornfeld, sie haben vermutlich gar nicht groß nachgedacht über ihre Verletzung kleinlicher Vorschriften, weil sie an Jesu Lippen hingen. Sie waren hungrig vor allem nach seiner Weisung.

David, als er sich verstecken musste vor Saul und unterwegs war mit seinen Gefährten, der Hunger trieb ihn, wohin: In ein Gotteshaus. Da sah es ähnlich aus wie hier, die Schaubrote lagen dort. Davids Leute nahmen sie mit und wurden gestärkt.

Bei Gott, bei seinem Sohn Jesus Christus bekommen wir also, was wir brauchen: Maßstäbe, die unser Leben in Ordnung bringen, und vor allem die Kraft, dass wir danach auch leben können. In einer Welt, die hungert und dürstet nach Sinn und Orientierung, dürfen wir davon zehren und weitergeben vom Brot des Lebens. Amen.

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