Der Geschmack von …. Kindheit, oder : Gottes Maß aller Dinge

Vielleicht nicht der Geschmack von Apfelkernen, aber ebenso das Gefühl und die lebendige Erinnerung an Kindheit und Jugend:
Wenn am Samstagmittag gegen halb eins die Schulglocke das letzte Mal läutete, dann lag ein gefühlt wunderbar langes Wochenende bestehend aus Samstagnachmittag und Sonntag vor uns. Was für eine schöne und lange Zeit, die doch eigentlich nur kurz war.
Wenn am Sonntag früh morgens das Fenster geöffnet war, dann drangen ganz andere Geräusche an meine Ohren als sonst. Es war kaum Autoverkehr zu hören, die Busse fuhren laut Sonntagsfahrplan mit anderen Fahrzeugen in größerem Abstand und in die Stille des Sonntagmorgens riefen irgendwann aus verschiedenen Himmelrichtungen Glocken. Es ist Sonntag geworden.
Manche machten sich dann nach einem besonderen Frühstück zum Gottesdienst auf, unterwegs konnte man am Straßenrand so manchen sich liebevoll um seinen motorisierten Untersatz kümmern sehen. Zu Hause auf dem Herd wartete der Sonntagsbraten mit Klößen und Rotkohl und in der Röhre stand vielleicht ein Kuchen für diesen festlichen Tag in der Woche. Manchmal durften wir Kinder ins Kino in die Kinder- und Jugendvorstellung. Manchmal spielte die ganze Familie Gesellschaftsspiele wie „Mensch ärgere dich nicht“ oder ging am Nachmittag spazieren und dann konnte man sehen, dass die Menschen sich ihre Sonntagssachen angezogen hatten.
Das war für uns Kinder manchmal eine Qual, denn wenn Oma sich zum Kaffee angemeldet hatte, hieß das für uns das Selbstgestrickte anzuziehen und das mochten wir nicht so wirklich….
Aber dennoch: der Sonntag war immer etwas ganz besonderes, lange noch ehe ich wusste, dass er für Christen als Auferstehungstag sozusagen ein wöchentliches Osterfest ist und dass das Alleinstellungsmerkmal jüdischen Lebens der Sabbat von Freitagabend bis Samstagabend war. Ohne es sagen zu können lebten wir: Ohne Sonntag gäbe es nur noch Werktage.
Und auch wenn ich diese Zeit nicht mehr erlebt habe, verstehe ich die Forderungen: am Wochenende gehört der Papa uns.
Wahrscheinlich spüren sie aus meinen Erzählungen schon die Verklärung der Erinnerung. Ich will mich lieber nicht darauf festlegen lassen, dass es immer so war am Sonntag und am Wochenende. Aber diese Bilder, diese Stimmungen, diese Gefühle haben sich mir tief eingeprägt und manchmal vermisse ich dieses Erleben von dem, was den Sonntag vom Alltag unterscheidet. Ich verstehe die Kritiker, die fragen, ob denn auch der Sonntag noch ein Shoppingtag werden muss, – selbst wenn viele Familie sagen, dass ihre Arbeitswirklichkeit ihnen ansonsten keine Möglichkeit lässt, gemeinsam durch die Innenstädte oder Einkaufszentren in Ruhe und Ausgelassenheit zu bummeln. Öffnungszeiten von Montag bis Samstag bis 20.00 oder 22.00 Uhr müssten doch eigentlich reichen und am ersten Sonntag nach Weihnachten zur Abwechslung endlich mal bummeln gehen können, kann doch doch nicht wirkliches Grundbedürfnis sein, denke ich mir.
Der Sonntag ist ein hohes kulturelles und soziales Gut und als Erinnerungs- und Gedenktag unbedingt schützenswert, wenn wir in unserem Alltag und Leben menschlich bleiben wollen. Es braucht Unterbrechung, es braucht Ruhe und Muße. Es braucht andere Zeiten, die uns buchstäblich auf andere Gedanken bringen, die uns unser Menschsein und unsere Angewiesenheit auf Gemeinschaft und Kontakte spüren lassen.
Gott ruhte am siebten Tag von seiner schöpferischen Arbeit, ein Tag in der Woche sollte daran erinnern, wie Gott sein Volk aus schlimmen Abhängigkeiten und Versklavungen befreit hat zu einem Leben in seiner Gegenwart. Und wenn Gesetzestreue, wenn Schriftgelehrte sich für den Schutz des siebten Tages stark machen, verdienen sie erst einmal meinen vollen Respekt und meine Unterstützung. Diesen Ernst und Eifer können wir durchaus von ihnen wieder lernen ! Der Sonntag hätte es verdient.
Aber nicht ausschließlich um der Vorschriften willen!
Zu sagen: „weil es nun mal so ist, basta!“ ist kein Argument.
Mit dem Hinweis auf Paragraphen, auf Feiertagsschutzregeln und auf Tradition oder gar mit Verboten, die durchgesetzt gehören, werden wir keine Überzeugungsarbeit leisten können. Es muss nicht erklärt werden, warum am Sonntag keine Autowaschstraßen laufen sollten, wie es eigentlich die gesetzliche Regel ist, warum es keine Bevormundung ist, wenn man nicht an jedem Adventssonntag sich noch in das Getümmel der Einkaufszentren stürzen muss oder wenigstens am Karfreitag und am Totensonntag laute ausgelassene Musik- und Tanzveranstaltungen vielleicht einmal ausfallen sollten. Das will erlebt werden!
Vielleicht hätten sich Jesus und die Kritiker seiner Jünger auf dieser Erfahrungsebene schnell treffen können.
Ja: der Sabbat, das Geschenk der Ruhe, der gemeinsame freie Tag, der Sonntag, dieser Geschmack von Unterbrechung ist um der Menschen willen in die Welt gesetzt, eine gute Gabe, eine gute Setzung Gottes, eine Wohltat, selbst wenn sie als Vorschrift daherkommt, aber als Angebot gemeint ist. Schön wäre es , wenn der Mensch nicht zu seinem Glück gezwungen werden müssten… wenn alle sich darauf einlassen könnten, wie sehr eine gemeinsame Stunde Gottesdienst am Sonntag die Wahrnehmung und das Leben verändern und einen feierlich und festlich stimmen kann.
Es bringt auf Dauer aber nichts solche Erfahrungen ausschließlich gesetzlich durchdrücken zu wollen.
Dann bleiben wir an der Frage hängen, ob Nahrungsbeschaffung und sei es durch Ährenraufen am Sabbat oder am Sonntag verbotene Arbeit oder als überlebensnotwendig geradezu geboten ist.
Jesus wirbt für andere Maßstäbe in der Auseinandersetzung:
er bringt das Maß der Menschlichkeit ins Spiel, sie muss im Mittelpunkt stehen: Gott will, was uns miteinander zu Menschen werden lässt.
Alle Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit steht über dem Buchstaben des Gesetzes.
Deswegen singe ich um des Menschen willen gerne immer wieder das Loblied des Sonntags in der Hoffnung, dass es nicht irgendwann ein böses Erwachen gibt. Aber ich erinnere auch alle Verantwortungsträger als Maßstab ihres Handelns in Politik und Wirtschaft sich am Maß der Menschlichkeit zu orientieren.
Das gilt für die Flüchtlinge an der EU-Außengrenze in Lampedusa und an anderen Orten ebenso wie in Fragen der Unternehmungspolitik und der Wirtschaft, wo Gewinnoptimierung die Bilanzen im Interesse der Aktionäre ja nicht der alleinige Maßstab sein kann.
Flüchtlinge sind nicht Menschen auf Sonntagsausflügen, sondern Getriebene, oft Vertriebene voller Sehnsucht nach Teilhabe an dem, was uns in Freiheit und Sicherheit schon so selbstverständlich geworden ist, dass wir vergessen haben, wie es sich in Angst, Unfreiheit und Not lebt.
Menschen ohne Arbeit sind ausgeschlossen von der Teilhabe am Leben aber ebenso angewiesen auf die Erfahrung, wertvoll und wichtig, also am Ende von Gott gewollt und gemeint zu sein.
Um des Menschen willen…. darum geht es und dieses Kriterium ist eigentlich leicht zu merken, wenn der Prophet mit dem Wochenspruch daran erinnert: es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott ! (Micha 6,8)
Schenke uns Gott das Gespür dafür in der Art, wie wir miteinander umgehen und wie wir unser Leben gestalten.

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