Das Herz auf dem rechten Fleck

Liebe Gemeinde,

es ist kein Zufall, dass Jesus sich das Sabbatgebot gewählt hat, um den Pharisäern und uns seine Sicht der Thora deutlich zu machen. Für die Pharisäer war das Sabbatgebot der Nerv des Gesetzes. An der Einhaltung dieses Gebots konnte die heidnische Umwelt sehen, was die Gläubigen von ihnen unterschied. Durch den Sabbat wurden die Gläubigen sozusagen für die anderen sichtbar. Hier ging es um ihre Glaubwürdigkeit. Und um die Gerechtigkeit. Wenn Israel zwei Sabbate hielte, wie es sich gebührt, so würde es sofort erlöst. So glaubten die Pharisäer. Ohne strikte Einhaltung des Gesetzes kein Heil. Hier ging es um das höhere, das religiöse Ziel. Um Gerechtigkeit vor Gott.

Beides bestreitet Jesus in unserer Geschichte. „Gebote, die das Leben der Menschen im Alltag unserer Welt regeln, müssen um des Menschen willen da sein. Sie haben sich am Wohl des Menschen auszurichten und nicht an höheren Zielen oder gar nur an toter Gesetzlichkeit, die nach dem Sinn des Gebotenen gar nicht mehr fragt.“ (Walter Schmithals, GPM, 3/1995, Heft 4, S. 399)

Was hätte David denn machen sollen, als er und seine Mannen am verhungern waren. Das Essen der Schaubrote war strikt verboten, aber ums Verrecken? Das Feiertagsgebot ist Gottes Garantie, dass jedem Menschen ein regelmäßiger Ruhetag zu gönnen ist. Aber wenn an diesem Tag etwas Lebensnotwendiges zu tun ist, wie es die Stillung des Hungers ist – darf das nicht sein, ums Verrecken? Die Ehe ist der Schutzraum, den Gott den Liebenden garantiert. Aber wenn aus dem Schutzraum ein Kerker aus Streit und Zerstörung geworden ist, müssen die Eheleute dann drin bleiben, ums Verrecken? Die Wahrheit sagen ist wichtig, damit wir unsere Welt und einander verstehen und Vertrauen entsteht. Aber muss sie immer und jedem gesagt werden, ums Verrecken?

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer macht das an einem Beispiel deutlich:

„Ein Kind wird von seinem Lehrer vor der Klasse gefragt, ob es wahr sei, dass sein Vater oft betrunken nach Hause komme? Es ist wahr, aber das Kind verneint es. Es empfindet, dass hier ein unberechtigter Einbruch in die Ordnung der Familie erfolgt, den es abwehren muss. Was in der Familie vorgeht gehört nicht vor die Ohren der Schulklasse. Die Familie hat ihr eigenes Geheimnis, das sie zu wahren hat. Der Lehrer hat die Wirklichkeit dieser Ordnung missachtet. (…) Indem das Kind die Frage des Lehrers einfach verneint, wird die Antwort zwar unwahr, aber sie gibt doch zugleich der Wahrheit Ausdruck, dass die Familie eine Ordnung eigener Art ist, in die der Lehrer nicht berechtigt war einzudringen. Man kann nun zwar die Antwort des Kindes eine Lüge nennen; trotzdem enthält diese Lüge mehr Wahrheit, (…) als wenn das Kind die Schwäche seines Vaters vor der Schulklasse preisgegeben hätte. Die Lügenschuld des Kindes fällt allein auf den Lehrer zurück.“ (Dietrich Bonhoeffer, Ethik, München 1981, S. 390)

Denn, so Bonhoeffer, „Jedes Wort soll seinen Ort haben und behalten. Es ist eine Folge des Überhandnehmens des öffentlichen Wortes in Zeitung und Rundfunk, dass Wesen und Grenzen verschiedener Worte nicht mehr klar empfunden werden, ja, dass z.B. die Eigenart des persönlichen Wortes fast vernichtet wird. Die Worte haben kein Gewicht mehr. Es wird zuviel geredet. An die Stelle der echten Worte tritt das Geschwätz.“ (Bonhoeffer, aaO. S. 389) Das sind geradezu prophetische Sätze, die Bonhoeffer in seiner 1949 erschienenen Ethik schrieb, lange bevor es das Internet gab, in dem unendlich viele Dinge zu lesen und zu erfahren sind, die dort wirklich nichts verloren haben.

Dabei hätte der Lehrer sich nur einmal an Luthers Auslegung zum achten Gebot erinnern müssen: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht belügen, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“

Das ist Auslegung des Gesetzes im Sinne Jesu. Wohlgemerkt, wir reden hier über das Gesetz und nicht über das Evangelium. Jesus geht es in dieser Sabbatgeschichte um den rechten Gebrauch des Gesetzes. Denn auch das ist von Gott aus Liebe zum Menschen gemacht, zu seinem Wohl, zu seiner Freiheit. Und deshalb kann Jesus alle Gebote zusammenfassen im Doppelgebot der Liebe.

Deshalb ist es ein Missbrauch des Gesetzes, wenn dieses Humanum, dieses „um des Menschen willen“ aus dem Blick gerät – und die Liebe dazu! Deshalb missbraucht das Gesetz, wer es benutzt, um sich vor anderen und vor Gott selbst darzustellen. Deshalb missbraucht das Gesetz, wer es benutzt, um andere kleinzumachen und auszugrenzen. Deshalb missbraucht das Gesetz, wer es benutzt, um sich von anderen abzugrenzen, ja sich letztlich von Gott abzugrenzen. Lieber Gott, ich bin so fromm, dass ich in den Himmel komm. Damit ist jeder weitere Anspruch Gottes an das Leben erloschen.

Damit macht Jesus auch klar, dass das Gesetz als Heilsweg nicht taugt, sondern dass wir alle von Gottes Liebe und Gnade leben. Dass wir alle den Christus brauchen, der – wie die Bibel sagt – das Gesetz erfüllt, indem er den Weg der Liebe bis zum bitteren Ende geht. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben (Römer 3/28). Das halten wir mit Paulus als evangelische Christen fest.

Sind damit die Gebote abgeschafft, oder zumindest relativiert? Nein, das sind sie nicht. Denn schließlich sind sie wertvolle Wegweiser für ein gutes Zusammenleben der Menschen und wertvolle Wegweiser in die persönliche Freiheit. Sie sind und bleiben voll göttlicher Weisheit. Dass wir als Menschen an ihnen scheitern, setzt sie nicht außer Kraft. Und wer an ihnen scheitert, beabsichtigt nicht gleichzeitig, sie außer Kraft zu setzen. Wer am Feiertag etwas Lebensnotwendiges tut, bestreitet damit nicht, dass der Ruhetag geschützt sein muss. Wer um eines anderen willen lügt oder gar stiehlt, wie Robin Hood, sagt damit nicht, dass ihm Wahrheit und Eigentum nichts bedeuten. Wer keinen anderen Weg als die Scheidung mehr findet, will damit nicht den Schutzraum der Ehe abschaffen.

Dies machen wir als Christen hoffentlich dadurch deutlich, dass wir Verantwortung übernehmen für andere und für unser eigenes Tun. Wer Feiertage oder den Sonntag abschaffen will, bekommt ein klares Wort gesagt – das freilich nur glaubwürdig ist, wenn es auf Kirchenfesten, Advents- und Wohltätigkeitsbasaren sonntags nicht merkantiler zugeht, als montags im Supermarkt. Wer vor Gericht lügt, wird bestraft. Robin Hood muss wegen Diebstahls ins Gefängnis. Und wer sich scheiden lässt, muss auch weiter für den anderen Verantwortung tragen, anders als der, der sich durch unverbindliche Verhältnisse schlampert.

Wer aber so die Konsequenzen seiner Schuld trägt, darf den Christus an seiner Seite wissen, ja zu seinem Anwalt haben. Den Christus, der am Kreuz die Verantwortung für Gottes Liebe zu uns übernimmt. Der den Mörder neben sich am Kreuz mitnimmt in sein himmlisches Reich. Diesen Christus dürfen wir im Raum unserer Kirche gerade beim Umgang mit dem Gesetz und mit Menschen, die scheitern, nicht vergessen. Hier reicht nicht ein Umgang mit dem Gesetz „um des Menschen willen“. Hier muss es auch heißen dürfen „um des Evangeliums“ willen. Wenn das erste fehlt, ist es ein Armutszeugnis. Wenn das zweite fehlt ein Skandal, mit dem sich die Kirche, die sich nach dem Evangelium nennt, dann doch im Zweifelsfall auf die Seite der Pharisäer stellt. Die Glaubwürdigkeit der Kirche wächst nicht, wenn sie das Gesetz hoch hängt und sich des Evangeliums schämt. Wir müssen wissen, wo unser Herz schlägt: Bei dem Christus allein.

Der weiß, was um des Menschen willen, der wie Du heißt, und um des Menschen willen, der wie ich heißt, gut ist. Und das ist nicht unbedingt das, was uns füreinander gut vorkommt. „Wer seinen Maßstab des Guten absolut setzt und den anderen nach seinem Bild haben will, der sehe wohl zu, ob er nicht zu denen gehört, für die der Mensch ‚um des Sabbats willen‘ da zu sein hat. Der Raum, in dem die Liebe ‚um des Menschen willen‘ gedeiht, ist nicht meine Vorstellung vom Guten, mit dem ich meinen Nächsten beglücken möchte, sondern die Freiheit, mit der ich ihm erlaube, er selbst zu sein.“ (Schmithals, aaO., S. 401)

Dazu brauchen wir nicht päpstlicher sein, als der Papst. Dazu müssen wir nicht die Moral gepachtet haben. Aber dazu sollen wir das Herz auf dem rechten Fleck haben. Darum bitten wir dich, Herr Jesus.

drucken