Chill-Out Area am Sonntag

Liebe Schwestern und Brüder !

"Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen!“
So lautet der zentrale Vers des heutigen Predigttextes.
Ich habe mich gefragt:

Welche ursprüngliche Bedeutung hat das Sabbat-, Feiertags- oder Sonntagsgebot und wie ist es entstanden?

Sabbat, eigentlich Schabbat, bedeutet auf Hebräisch:
mit der Arbeit aufhören oder ruhen.
Am Sabbat, am siebten Tag der Woche, hat Gott nach der Schöpfung der Welt geruht und diesen Tag geheiligt. Daran erinnert uns das dritte Gebot, das heute als Schriftlesung verkündigt wurde. Gott gönnt sich – und allen Kreaturen, seiner ganzen Schöpfung – Ruhe und Entspannung für diesen Tag. Der Sabbat dient der Erinnerung an Gottes gute Schöpfung, zu der wir Menschen ja auch gehören. An diesem Tag kann sich der Mensch über Gott, sich selbst, seinem Verhältnis zu den Mitmenschen und seiner Beziehung zu seinen Mitgeschöpfen Gedanken machen. Der Sabbat ist eine gute Schöpfergabe Gottes. Er ist ein Geschenk Gottes an die Menschen.
Im Judentum wird der Sabbat bis heute sowohl mit großer Sorgfalt als auch mit großer Freude gefeiert. Und der Sabbat ist das äußere religiöse Merkmal und Kennzeichen des Judentums, das fast seit 2600 Jahren immer das gleiche ist. Die Älteren von Ihnen werden sich noch daran erinnern, dass die ehemaligen jüdischen Mitbürger hier in Deutschland den Sabbat feierten und mit der Arbeit ruhten.

Wir Christen haben den siebentage Rhythmus der Woche vom Judentum übernommen. Mit einem entscheidenden Unterschied. Am Sonntag, dem ersten Tag der Woche feiern wir die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus, der uns durch seinen Tod von unserem Leid erlöst hat. Eigentlich ist jeder Sonntag ein Grund zum Freuen. Am Sonntag feiern wir gemeinsam in der Anwesenheit des Heiligen Geistes, Gottes gute Gabe der Schöpfung und Erlösung.
Übrigens der Sonntag als Auferstehungstag Christi wurde im Jahre 321 von dem römischen Kaiser Konstatin als gesetzlicher Feiertag eingeführt. Die Sonntagsgesetzgebung gilt bis heute, noch!
Sabbat und Sonntag sind somit ein jüdisch-christliches Kulturgut, eine Tradition, die bis heute gilt. Sie dienen der Ruhe, Besinnung und geistig-geistlichen Erbauung für und von uns Menschen. Sie sind ein hoher Besitzstand unserer Sozialkultur.

"Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen, „ das hat Jesus zu seinen Gegnern gesagt.
Ich stelle mir vor, wie Jesus mit seinen Jüngern quer durch ein Weizenkornfeld auf einem Trampelpfad ging. Andere hatten es vor ihnen getan und wieder andere werden folgen. Sie hatten Hunger.
Die Ähren sind reif und sie raufen einige Spelzen von den Halmen, um ihren Hunger zu stillen. Das ist an sich nichts ungewöhnliches, wenn es eben nicht am Sabbat geschähe. Einige fromme Pharisäer stellen Jesus zur Rede, denn sie vertreten die Meinung, dass am Sabbat keine Arbeit verrichtet werden dürfte, weil man am Sabbat ruhen müsste, jegliche Arbeit ruhen müsste, auch das Ährenraufen. Darauf erklärt Jesus ihnen anhand des Beispiels von König David, dass Hunger, also Lebensgefahr, dieses Gebot außer Kraft setzt.
Andere Rabbis zurzeit Jesu waren im Übrigen ähnlicher Meinung.

Aber die eigentliche Botschaft Jesu an seine Zuhörer war, dass das Gesetz -und zwar Gottes Gesetz und Gebot- dem Menschen dient und nicht der Mensch dem Gesetz, d.h. der Sabbat gilt als gute Gabe Gottes für den Menschen. Der Sabbat ist um des Menschen willen. Das Sabbatgebot hat eine lebensspendende und eine lebensbejahende Dimension. Und da, wo es zu eng ausgelegt wird, da wird das Gebot zum Maßstab aller Dinge. Es verengt, schränkt ein, wirkt starr und behindernd. Das Gesetz kann töten und zwar im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Nur um jetzt nicht missverstanden zu werden. Jesus hat das Sabbatgebot nicht abschaffen wollen, sondern unmissverständlich darauf hingewiesen, dass dieses Gebot nur dann sinnvoll ist, wenn es dem Leben dient; (aktuelle Beispiele) dem Leben aller Kreaturen. Und zwar dann, wenn das Leben als eine Gabe Gottes gesehen wird, in dem Gott durch sein Gebot den Menschen vor menschlichen Raubbau und menschlicher Ausbeutung schützt.
Gott schützt uns durch den Feiertag vor uns selbst.

Heute würde man sagen:
Der Feiertag ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Feiertag.

In einem neueren Konfirmandenbuch steht:
"Gönne dir einen Tag der Ruhe in der Woche, damit du Zeit hast für deine Mitmenschen, selbst zur Besinnung kommst und Gott nicht vergisst."

Das hört sich gut an. Aber wie sieht eigentlich unsere Wirklichkeit aus?
Muss der Feiertag auch uns nicht vor uns selbst schützen?
Treiben wir nicht auch Raubbau an unserer eigenen Natur, mit unserer Arbeitskraft und mit unseren Mitgeschöpfen?

Zum Beispiel wird der freie Tag in der Woche doch gerade dann zum Gesetz, wenn wir uns dem sog. Freizeitstress aussetzen.
Es entsteht das Gesetz des Wegfahrens, des Besuchens, des Machens, des Tuns. Viele müssen und wollen das nachholen, was die ganze Woche versäumt wurde oder was man meint versäumt zu haben.
Die Kinder kommen dann am Montag ziemlich unausgeglichen in die Schule und die Lehrer klagen zu Recht darüber.
Eltern müssen am Montag zur Arbeit und sind unzufrieden mit dem erlebten Wochenende. Am besten könnte der Montag auch noch frei sein.
Familien versuchen am Sonntag ihr Familienleben zu regeln und zwar ohne Ruhe und Besinnung; es kommt zum Krach und Enttäuschungen.
Der Erlebnishunger unserer Zeit verhindert die Erkenntnis, dass der Feiertag der Ruhe und Besinnung gelten kann. Diese Art der Sonntagsfeier wird zum Gesetz, dass Beziehungen in der Familie zerstört, statt Beziehungen aufzubauen.
Hektik und Stress werden sozusagen im wörtlichen Sinn die tötenden Gesetze unserer Zeit. Der Lebensstandard muss gesichert werden inklusive des Standards des menschlichen Erlebnishungers, der uns von der Werbung und den Medien vorgegaukelt wird.
Die Folge ist Raubbau an uns selbst, an unseren Familien und an der Natur. Das sind keine Ruhe und kein Sabbat.

Und vielleicht gibt es bald noch ein anderes Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.
Ich denke an die vielen Menschen, die am Sonntag arbeiten müssen, obwohl sie lieber bei ihrer Familie wären und sich wirklich ausruhen wollten.
Ich meine nicht die Berufsgruppen, die soziale und volkswirtschaftlich notwendige Dienstleistungen, wie beispielsweise den Unfall- und Rettungsdienst oder den Bahndienst ausüben.
Denn die Diskussion über die Einführung der Sonntags-Arbeit wegen der wirklichen oder vermeintlichen hohen Lohnnebenkosten und der Maschinenlaufzeiten, um international konkurrenzfähig zu bleiben, ist für diejenigen, die jetzt schon oder zukünftig sonntags arbeiten müssen, wenn sie Christen sind und den Feiertag als Familientag heiligen wollen, schwer auszuhalten und zu ertragen.
Arbeitsplatz oder Sonntagsruhe, so wird die Frage von den Arbeitgebern gestellt?
Gerade der Ausbeutung des Menschen vor den Menschen dient der Ruhe- und Feiertag, wie wir bereits gehört haben.
Und ich weiß nicht, ob wir es uns auf die Dauer leisten können, zerrissene und beziehungsgestörte Familien zu haben oder zu bekommen?!
Wenn der Profit und der materielle Zwang zum Gesetz werden, dann entmenschlicht er unsere Gesellschaft im hohen Maße. Der Mensch arbeitet um zu leben und zu überleben, aber die Arbeit soll den Mensch und seine Beziehungen nicht kaputt machen.
Oder anders:
Die Arbeit ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Arbeit, d.h. wir leben nicht um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben, trotz aller wirtschaftlichen und sozialen Zwänge.

Der Sonn- und Feiertag ist für uns Menschen da!
Was könnte das für uns Christen heute, hier und jetzt bedeuten? Was ist in diesem Zusammenhang die konkrete Botschaft Jesu Christi an uns?
Der Sonn- und Feiertag ist für unsere Ruhe und Besinnung da, das ist eine Freudenbotschaft und das heißt:

1. Wir können am Sonntag ab und zu in die Kirche gehen, miteinander Gottesdienst feiern, beten, klagen und miteinander Freude empfinden, mit Gott sprechen und aus dieser Möglichkeit des Besinnens und Ausruhens, der inneren Einkehr, Kraft für die Familie und die neue Woche schöpfen. Der Sonntag bietet somit die Möglichkeit der Anteilnahme an Gottes lebensspendender Schöpfung.

2. Wir dürfen und müssen uns nicht dem Wochendstress aussetzen und Autobahnen verstopfen, sondern können unsere Seele einmal baumeln lassen und sich unseren Nächsten in Ruhe und Ausgeglichenheit nähern. Familiengespräche und Zeit füreinander bewirken manchmal Wunder.

3. Wir können und dürfen uns noch an der Schönheit unserer Natur hier im Werratal freuen. An dem bunten Herbstlaub, an dem Knirschen der Blätter unter unseren Füßen und an den schönen Wanderwegen und den herrlichen Aussichten.
Und vielleicht auch im Herbst mit den Kindern oder Freunden, Drachen steigen lassen.
Der eigenen Phantasie sind in diesem Zusammenhang keine Grenzen gesetzt.

4. Wir können und dürfen auch hin und wieder die Hausarbeit ruhen lassen. Unsere Frauen, Mütter und Großmütter haben auch das Recht auf einen Ruhetag in der Woche. Sie kochen, putzen und arbeiten doch ihr ganzes Leben für uns, ohne Einschränkung. Hausfrauen gehen nie in den Ruhestand.

Wahrscheinlich kann jede und jeder von Ihnen noch eigene Möglichkeiten finden zur Besinnung, zur Ruhe und zum Nachdenken zu kommen. Da sind der eigenen Phantasie auch keine Grenzen gesetzt.

Wichtig bleibt: Am Sonntag, der für uns alle da ist, haben wir die Gelegenheit, uns innerlich zu erneuern, sozusagen aufzutanken, neue Kraft zu schöpfen. Wir können am Sonntag unseren Leib, unsere Seele und unseren Geist erneuern und somit hin und wieder bruchstückhaft wahrnehmen, wie gut es unser Schöpfer und Erlöser mit uns meint.
Der Sonntag ist eine gute Gabe Gottes, ein Tag der Freude für uns Menschen und ein Tag des Lobes für Gott.
Aber vor allem ist er für uns Menschen da, denn der Sabbat, d.h. der Sonn- und Feiertag, ist um des Menschen willen.
Ich wünsche Ihnen allen für die Zukunft noch viele besinnliche, ruhige und schöne Sonn- und Feiertage.

drucken