An-Gebot der Freiheit

Liebe Schwestern und Brüder!
Einen der vorgeschlagenen Predigttexte für den heutigen achtzehnten Sonntag nach Trinitatis kennen Sie alle.
Es sind die Zehn Gebote, die Gott Mose auf dem Berg Sinai für das Volk Israel gegeben hat.

Textverlesung!

Vielleicht ging es Ihnen wie mir! Ach ja, die Zehn Gebote.
Die habe ich mir schon längere Zeit nicht mehr so angeschaut oder gelesen, obwohl sie doch eigentlich sehr wichtig für unser gesellschaftliches und christliches Miteinander sind.
Den Älteren unter Ihnen sind sie noch wohl vertraut, weil sie die Zehn Gebote im Konfirmandenunterricht mit den Begründungen aus Martin Luthers Kleinem Katechismus auswendig lernen mussten.
Auch in unserem neuen Gesangbuch stehen sie (EG 796).
Manchmal denke ich, wenn jeder Mensch die Zehn Gebote einhalten würde, dann gäbe es keinen Unfrieden und keinen Krieg auf der Welt.
Das Leben könnte so einfach sein, wenn jeder und jede von uns sich an die Zehn Gebote halten würde.

Aber das Leben am Anfang des 21. Jahrhunderts ist sehr kompliziert, vielfach ungerecht und manchmal schwer zu durchschauen und auch zu ertragen.
Orientierung tut Not und in der heutigen Zeit klagen viele Menschen über den Orientierungsverlust von positiven Werten, wie z.B. Nächstenliebe, Gemeinschaftssinn oder Solidarität. Viele sind nur noch oder wollen ihres eigenen Glückes Schmied sein. Denken nur noch an ihr persönliches Fortkommen und allenfalls an den Fortschritt der eigenen Familie oder der eigenen Lebensverhältnisse. Individualisierung, Vereinzelung nennen das die Soziologen. Dagegen hört man mancherorts den Ruf nach starken Führern und Rettern -mit Macht und Autorität- aus Angst vor der Orientierungslosigkeit und dem Chaos.
Der Mensch am Anfang des 21. Jahrhundert ist hin und her gerissen zwischen mangelnder Orientierung und dem Versuch, für sich selbst oder durch andere Orientierung zu finden.
Lockerheit und Orientierungslosigkeit für die einen, die sich durchsetzen können, und der Ruf nach einfachen klaren Wahrheiten, die angeboten werden, für die anderen, die Hilfe suchen.
Das scheint für viele der Zwiespalt in der heutigen Zeit; Unübersichtlichkeit aller Orten.

Auch in anderen Zeiten schien manches unübersichtlich, wenig klar und Perspektiven schienen keine vorhanden zu sein.
Deshalb lassen Sie uns einmal schauen auf welchem Hintergrund, die Zehn Gebote entstanden sind und ob ihre Orientierung unverbrüchliche Wahrheiten beinhaltet, die wir doch immer wieder suchen?

Das erste Gebot beschreibt es ganz genau:
" Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine andere Götter haben neben mir ".
( 2.Mose 20,2-3).
Das erste Gebot gibt zum einen eine klare und deutliche Orientierung.
Nur Gott ist der Herr und neben Gott gibt es
keine anderen Götter !
Dieser Hinweis galt ursprünglich den Israeliten, die mit der Hilfe und dem Beistand Gottes aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt wurden und in das Land Kanaan einwanderten. In Kanaan gab es andere Götter, die die Israeliten verehrten. Sie hatten sich auch ein goldenes Kalb gemacht und tanzten um das goldene Kalb. Auch die Israeliten wandten sich von Gott ab.

Zum anderen ist das erste Gebot das Angebot der Freiheit für die Israeliten. Gott hatte die Israeliten aus der Knechtschaft und Unterdrückung befreit. Er hatte sie durch die Wüste zum Berg Sinai geführt und einen Bund geschlossen. Dieser Bund hat die befreiende Zusage Gottes und sinngemäß mit seinen Worten:
Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten aus deiner Knechtschaft befreit hat. Denke daran, erinnere ich daran. Ich dein Gott befreie dich aus deiner äußerlichen und innerlichen Knechtschaft.
Ich bin bei dir. Ich führe dich durch die Wüste und durch die Trockenheit in das Land der Verheißung.
Lass dich nicht von deinem Weg abbringen und orientiere dich nicht auf falschen Wegen und an falschen Göttern.
Das ist die Orientierung, das Gebot und vor allem das Angebot der Befreiung und Freiheit, das Gott den Israeliten gab.

Auch wenn wir heute in einer anderen Zeit und in einer ganz anderen Tradition leben, so gilt dennoch diese Verheißung der befreienden Anwesenheit Gottes auch für uns heute in der Gesellschaft und in dieser Kirche. Wir müssen dieses Angebot nur begreifen und ergreifen.
Martin Luther sagte einmal: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott!
Auch heute gibt es viele Götter, an die wir unser Herz hängen.
Götter wie Eigensucht, Egoismus, persönliches und rücksichtsloses Fortkommen in einer Ellbogengesellschaft.
Oder der Konsumgott, der Tanz um das goldene Kalb des Konsums. Beispiele…
Ebenso versprechen einfache menschliche Götter, kleine und große Rattenfänger und Diktatoren, mit einfachen, simplen Wahrheiten, die die Menschen aufstacheln, in den Krieg führen und zu Hass erziehen, wie genügend Beispiele aller beteiligten Kriegsparteien im ehemaligen Jugoslawien und im Kosovo wieder zeigen.
Und leider werden manche Menschen zu ihren eigenen Göttern. Ich nenne das Narzissmus und aufgeblähtes Ego.
Das ist das negative Bild.

Aber es gibt auch die Möglichkeit der positiven Orientierung an Gottes Geboten, die für uns Christen gelten. Bei der Verlesung des Evangeliums für den heutigen Sonntag haben wir Jesu Meinung dazu gehört.
Wir sollen Gott lieben und den Menschen.
Diese beiden Gebote sind die zentralen Gebote des Christentums. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt des Glaubens. An ihrer Einhaltung und Respektierung zeigen sich unser Glaube.

Wenn ich Gottes befreiende Kraft, Liebe und Fürsorge, wenn ich seine Macht der Liebe und Gnade erspüre, die er mir gewährt, dann spüre ich auch wie er mir Orientierung und Hilfe für den Alltag gibt. Er kann mich aus der Wüste meiner Orientierungs-, Hilflosigkeit und Angst führen. Seine Freiheit wird zu meiner Freiheit. Sein Gebot wird zu einem An-Gebot, das mir den Rücken stärkt und mich aus dem Netz der persönlichen Probleme und Verstrickungen ziehen kann.
Er macht mich frei zu Liebe und Nächstenliebe. Und zwar nicht nur für meine Familienangehörigen und Liebsten, sondern auch gegenüber fremden Menschen. Gottes Freiheit für uns ist auch immer unsere eigene Freiheit des Glaubens.
Jesus Christus ist für uns Christen das Sinnbild und die Richtschnur für Freiheit. An ihm und seinem Vater orientieren wir uns. Da gibt es keine anderen Götter oder Orientierungshilfen.
Im Glauben an den, der von sich sagte: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich", steckt die befreiende Aussage des ersten Gebotes.
Es ist Gottes Angebot:
Vertraue mir, folge mir und habe keine Angst, denn ich gehe deinen Weg mit. Ich halte und trage dich, wenn du zu zerbrechen scheinst, das sind Jesu Verheißungen und sein Trost.
Wir Christen stehen nicht da ohne Orientierung und wir müssen uns auch nicht an anderen Göttern orientieren.

Liebe Schwestern und Brüder, und wenn man die Zehn Gebote als Chance versteht, mehr im Einklang mit sich selbst, mit Gott und den Menschen zu leben, dann bekommen sie für uns eine ganz wichtige und zentrale Bedeutung.

Wie kann das im Alltag aussehen?
Auf unsere Nächsten angewandt kann das bedeuten, dass man Ehen, Beziehungen und Partnerschaften — einfach die Liebe zu unserem wirklich Nächsten- nicht auf Leere; Müdigkeit, auf grauen Alltag, mangelnde Phantasie, viele kleine und große Verletzungen, mangelnde Aufmerksamkeit, verschluckte Gefühle, die sich dann in lauter kleinen Bosheiten Luft machen, aufbaut, sondern sich an die Trauformel zu erinnern versucht , wo steht: " willst du deine Frau/ deinen Mann lieben und ehren.
Lieben und ehren – sich darin zu üben, dies im Alltag zu buchstabieren, sich immer wieder neu dafür zu entscheiden — das füllt das sechste und auch das vierte Gebot mit Leben!
Denn der Ehebruch geschieht nicht immer erst durch eine äußere dritte Person, sondern Ehen zerbrechen innerlich durch eben erwähnte Gleichgültigkeit und Leere zwischen den Partnern.

Liebe Schwestern und Brüder, die Kraft, Macht, Gnade, Liebe und Befreiung durch den, der von sich sagt: "Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe" gibt uns immer wieder die Chance zu einem Neuanfang in Liebe. Gott ist und bleibt dabei unser Halt und unsere Orientierung.
Amen.

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