Alternative für die Freiheit

Liebe Gemeinde. Unser Predigttext führt uns heute zeitlich fast 3300 Jahre zurück auf die Sinai-Halbinsel im Osten des heutigen Ägyptens. Die Bibel erzählt, wie dort das Volk der Israeliten ungefähr drei Monate nach seiner spektakulären Befreiung sich am Berg Sinai – mitten in der Wüste – lagert. Die Sklaverei in Ägypten ist überwunden: Endlich frei. Nie wieder Unterdrückung, nie wieder Angst, Gewalt und Tod.
Mose führte sie in die Freiheit! Keine Fesseln mehr, keine Einschüchterung und Schikane, die der Seele die Luft zum Atmen nimmt.
Jetzt liegt eine freie Zukunft vor den Israeliten. Alles ist offen, wartet auf Gestaltung. – Doch wie will dieses Volk nun seine Freiheit gestalten? Welche Regeln sollen gelten. Wieder die Regeln des Stärkeren, diesmal innerhalb des eigenen Volkes? Die Regeln des »freien Marktes«.

Man sehnt sich so sehr nach einem anderen Lebensentwurf einer echten »Alternative für die Freiheit«!

Der Anführer Mose solle den Beg Sinai besteigen. Gott wolle selbst einen Vorschlag machen, wie das Leben in Zukunft gestaltet werden könne, und hier setzt unser Predigttext ein:

TEXTLESUNG

Liebe Gemeinde!

Szenenwechsel:
Ein ganz anderer Ort eine ganz andere Zeit: Ein Flur in einer Reha-Klinik in Deutschland im Jahr 2013. Dort steht der gepackte Koffer von Peter Müller, 45 Jahre, verheiratet, 2 Kinder, Ingenieur bei einem großen Elektrokonzern, sehr gutes Grundeinkommen und mächtige Bonuszahlungen. Ein schönes Haus mit Pool im Garten, ein flotter Flitzer steht in der Garage – Hund, Katze und Pferd gehören auch dazu.

Aber all dies spielte in den letzten Monaten keine Rolle. Auf seinem Krankenblatt standen ganz andere Daten: Apoplexia cerebri – Schlaganfall mit begleitender Depression und totaler Erschöpfung.
Die Genesung verlief sehr gut. Die rasche Behandlung und die lange Reha haben in körperlich wieder voll hergestellt. Aber in der Seele bleiben noch einige Narben, einige Fragen zurück.

Peter Müller sitzt auf dem Stuhl neben seinem Koffer ein wenig zusammengekauert und in sich versonnen. Das Taxi ist schon bestellt. »Heute geht´s ab in die Freiheit!«, rief ihm seine Lieblingskrankenschwester nach dem Frühstück noch zu. – Aber was wird ihn da draußen erwarten?

Seine Frau wohl kaum, denkt er sich. Die hatte viel zu oft vergeblich gewartet, wenn ihn die Arbeit bis in die Nacht im Büro festhielt.
Seine beiden Kinder sind mittlerweile schon Teenager. In welche Klasse sie gehen? – da muss er überlegen. Bei der Einschulung seiner Jüngsten verhandelte er gerade in Asien über neue U-Bahn-Strecken. Und der Sportwagen in der Garage wird gerade mal alle zwei Jahre bewegt, wenn der nächste TÜV ansteht.
»Man war das ein Scheiß Leben!«, murmelt Peter Müller halblaut vor sich hin. Das reinste Gefängnis – die reinste Sklaverei. – Und jetzt? Ab in die Freiheit?! Er sehnt sich so sehr nach einem anderen Lebensentwurf einer echten »Alternative für die Freiheit«!

Immer wieder drückt er das kleine Heftchen, das er fest zwischen seinen Händen hält. Ein kleines Vokabelheft, in das er seine Gedanken während der Reha notierte.
Er schlägt es auf: Die ersten Einträge sind sehr krakelig. Als er das schrieb, war er noch halbseitig gelähmt. Welch ein furchtbares Gefühl, erinnert er sich, als er drohte, sich selbst zu verlieren. Als nicht klar war, ober er jemals wieder schlucken und sprechen, geschweige denn laufen werden könne.

»Nichts ist so wichtig, wie die Liebe!« liest er da in krummen Buchstaben. Und weiter: »Du wirst nichts Anderes mehr über die Liebe stellen!« Als er das liest denkt er an seine Frau, seine Kinder, an sich selbst und sogar ein bisschen an Gott!

»Du wirst jeden Tag mit deiner Frau eine Runde spazieren gehen!« lautet der nächste Eintrag. Er erinnert sich, das schrieb er, als er zum ersten Mal mit Hilfe des Physiotherapeuten wieder auf seinen eigenen Füßen stand und die ersten Schritte machte.

»Du wirst einmal die Woche mit deiner Familie spielen!«, schrieb er einmal nach der Spieletherapie, die die Geschicklichkeit seiner linken Hand trainiren sollte.

»Du wirst dich nicht mehr von Ehrgeiz, Neid und Stolz zerfressen lassen!« – eine Notiz nach Gesprächen mit der Psychologin und der Seelsorgerin.

Peter Müller will gerade umblättern, da kommt seine Lieblingskrankenschwester um die Ecke: »Herr Müller, es ist Zeit! Sie werden abgeholt!«

Liebe Gemeinde!
Regeln für die Freiheit! – Das klingt nach einem Widerspruch. Aber es stimmt: Die Freiheit braucht Regeln, damit sie geschützt wird. Die Freiheit braucht Regeln, damit sie nicht zum reinen Recht des Stärkeren über die Schwächeren verkommt. Damit nicht die umtriebigen Sklavenhalter unserer Zeit uns wieder ihre Regeln aufdrücken! – Der Beruf, die Sachzwänge, der Perfektionismus, der Neid, der Stolz …

»Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus der Knechtschaft, geführt habe. Du wirst keine anderen Götter haben neben mir!« – eine Leidenschaftliche Emunterung Gottes an sein Volk und an uns: Lass keine neuen Sklaventreiber über dich herrschen! Ich bin der Herr, dein Gott, ich bin die Liebe!

Unser Predigttext und Peter Müllers Einträge verwenden die gleiche Grammatik. Luther übersetzt »Du sollst!«, aber eine bessere Übersetzung aus dem Hebräischen ist »Du wirst!«
Die 10 Gebote als Ermunterungen, als Zielformulierungen für die Freiheit! Die Schwächeren sollen geschützt werden! Es geht dabei also nicht um Gott – der ist nicht der Schwache!-, sondern es geht Gott um uns! Nicht Gott braucht die 10 Gebote, sondern wir brauchen Sie, um besser und erfüllter leben zu können.

Die Israeliten haben das erkannt. Sie nennen deshalb die ersten Bücher der Bibel »Tora«, Weisung. Und sie verehren diese Schriften wie eine Königin, wenn sie die Torarollen in einen Samtmantel hüllen und mit einer Krone verzieren. Nicht der Mensch ist im Judentum die Krone der Schöpfung, sondern die Tora, die Weisung Gottes, die Gebrauchsanweisung dafür, wie Leben wirklich gelingen kann.

Wichtig ist dabei aber, dass nicht die Regeln um ihrer selbst willen das Höchste sind, sondern Gott, der mit seiner Liebe hinter den Weisungen steht.
Das war es, worauf Jesus hingewiesen hat. »Nicht der Mensch ist für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen!« Wer die 10 Gebote gegen den Menschen stellt, missbraucht sie und handelt nicht in der Liebe!
Und die reformatorische Erkenntnis Martin Luthers ist so wichtig und wohltuend, nämlich dass es nicht die Gebote und Gesetze sind, sondern alleine die Liebe, die uns erlöst, die Liebe Gottes zu uns!

Über 3000 Jahre alte Regeln sind die 10 Gebote – und doch auch heute genauso aktuell und lebensnotwendig! Peter Müller hat sie in seinen Worten für seinen Lebenskontext neu formuliert. – Als »Alternative für die Freiheit«! Was sind meine Top Ten, meine 10 wichtigsten Regeln für ein erfülltes und gelingendes Leben in der Freiheit?

Kehren wir noch einmal zu Peter Müller zurück. Nach dem Zuruf der Schwester, steckt er sein Vokabelheftchen in die Brusttasche und greift nach seinem Koffer. Er blickt um die Ecke und kann es kaum fassen: da steht seine Frau. Die Pforte hatte sie verständigt und sie sagte, selbstverständlich hol sie ihren Mann ab.

Unsicher geht er auf sie zu, will ihr die Hand zur Begrüßung reichen, doch sie umarmt ihn fest mit ihren beiden Armen und flüstert ihm ins Ohr, »Willkommen daheim, willkommen in der Freiheit!«

Und wie sie sich einander in den Armen halten, denkt Peter Müller an seine ersten Zeilen in seinem Heftchen:
»Nichts ist so wichtig, wie die Liebe! – Du wirst nichts Anderes mehr über die Liebe stellen!«

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