Der zehnfach erhobene Zeigefinger Gottes?

Liebe Gemeinde,

es ist schon ein paar Jahre her, dass man sich in christlichen Kreisen hinter vorgehaltener Hand folgenden Witz erzählte: Mose kommt mit den Gesetzestafeln vom Berg Sinai und versammelt das Volk um sich. Ihr Israeliten, sagt er, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist: Ich habe ihn auf 10 runterhandeln können. Die schlechte Nachricht ist: Ehebruch ist immer noch dabei.

Besonders in pietistischen Kreisen konnte man darüber herzhaft lachen. In den 60er und 70er Jahren verkündigten die sogenannten 68er die totale Befreiung durch die Zertrümmerung aller Tabus, während es gleichzeitig auch junge Christenmenschen gab, für die das Christsein mit Verboten gepflastert war. Die Evangelische Ethik dieser Jahre schien vor allem aus Sexualethik zu bestehen, und die 10 Gebote vor allem aus dem Sechsten. Das Image, Christsein sei eine beschwerliche, entbehrungsreiche, verbotslastige und leibfeindliche Angelegenheit, die niemandem wirklich Spaß machen kann, hat bis in die neue Kirchengeschichte seine Anhaltspunkte. Wer genau hinschaut merkt: Was an den 10 Geboten in der jeweiligen Zeit besondere Betonung fand, spiegelt weniger den christlichen Glauben, als die bürgerliche Moral dieser Zeit wieder. Und die war, wie die unrühmliche Karriere so mancher Moralapostel zeigt, oft genug nur Fassade.

Es ist deshalb eine mehr als fragwürdige Angelegenheit, wenn die Kirche heute einer nach Werten rufenden Gesellschaft ausgerechnet die 10 Gebote als genuin christliche Wertesammlung präsentiert. Die Kirche als zehnfach erhobener Zeigefinger Gottes, mit dem die Kirche so gern auf die anderen zeigt, während sich auch bei ihr selbst die Balken biegen?

Jörg Zink legt den Finger in die Wunde, wenn er schreibt: „Die Zehn Gebote meinen nicht eine zeitlose Ethik oder allgemein verbindliche Sittlichkeit. Sie sind nicht auf Universalität angelegt, auf Vollständigkeit oder allgemeine Gültigkeit. Zudem reden sie in der Fassung, die uns vorliegt, nur die Männer an, und zwar die freien, die grundbesitzenden und rechtsfähigen. Sie schützen deren Leben, Freiheit und Eigentum. Frauen oder Sklaven sind nicht mitgemeint. Und an dieser Stelle wird das Ganze nun sehr schwierig. Es wird fast unmöglich, aus ihnen eine ethische Unterweisung für heutige Kinder zu machen, wie es in unseren Katechismen geschieht.

Ich habe den dringenden Verdacht, dass die hohe Wertschätzung, die die Zehn Gebote in zweitausend Jahren Kirchengeschichte genossen, mit ihrer Zweckbestimmung zusammenhängt. Sie eigneten sich hervorragend für jede herrschende Schicht zur Sicherung ihres Einflusses, ihrer Macht und ihres Besitzes, auch für die Kirche. In dieser Sache waren sich denn auch Staat und Kirche in zweitausend Jahren von jeher bemerkenswert einig. Denn so sicher ist mir nicht, dass die Zehn Gebote den Willen Gottes, wie er im Alten Testament dargestellt ist, wirklich repräsentieren. Es gibt eine Menge ethische Regeln, die hier, in den Zehn Geboten, fehlen. Über das Verhältnis eines Menschen zu seinem Staat sagen sie so wenig wie über die Rechte und Pflichten des Menschen in der Wirtschaft, über Steuern und Abgaben oder über soziale Fragen, über den Umgang mit Menschen minderen Rechts, Asylanten, Flüchtlingen, oder mit Randgruppen und Andersdenkenden, mit Armen, mit Witwen und Waisen, die damals oft am Rande des Verhungerns lebten, oder sonstigen Sozialfällen. (…)

Von hier aus gewinnt die Prophetie der Königszeit eine neue Bedeutung. Man kann in den sozialethischen Reden des Amos oder des Micha eine Gegenrede gegen den Missbrauch der Zehn Gebote und ihre schichtspezifische Absicht erkennen. Denn die Propheten jener Zeit reden ja überdeutlich von dem, wovon die Zehn Gebote nicht sprechen. Von ihnen wird das Recht der Witwen und Waisen und gerade nicht das der Besitzenden eingeklagt. Bei Ihnen geht es nicht um den Schutz des Eigentums, sondern um seine Sozialpflichtigkeit.“ (Jörg Zink, Neue Zehn Gebote, Stuttgart, 1995, S. 50ff.)

Genau das greift der Bergprediger Jesus von Nazareth auf, wenn er die Gottes- und die Nächstenliebe im Doppelgebot der Liebe zusammenbindet. Wie überhaupt für ihn die Ethik kein Eigenleben führt, sondern aus dem Verhältnis zu Gott, also aus dem Gottesdienst folgt und sich im Gottesdienst begründet. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36) Das fällt ja auch an unserem heutigen Predigttext auf, dass anders, als bei der Darstellung der Gebote in Luthers Katechismus, der Gottesdienst breiten Raum einnimmt. Zwei Drittel des Zehnworts handeln davon, was Gott getan hat und wie er ist. Er hat die Welt erschaffen. Er ist der Befreier aus der Knechtschaft Ägyptens. Er ist ein liebestoller, eifersüchtiger Gott der keine Nebenbuhler neben sich duldet und dessen Liebesschmerz sich im Bösen an vier und im Guten an vielen tausend Generationen austobt.

Das ist schon jemand anders als der „liebe Gott“! Vielleicht war es ein großer Fehler, dass Luther das Bilderverbot vom Sinai nicht in den Katechismus aufgenommen hat. Es sagt: Gott lässt sich weder auf seine verschiedenen Erscheinungen festlegen, von denen in der Bibel berichtet wird, noch können wir Menschen Gott durch unsere weltlichen Bilder festnageln oder seiner habhaft werden. Das ist kein Aufruf zur Bilderstürmerei, aber zur Vorsicht gegenüber Gottesbildern, die anfangen, ein Eigenleben zu führen. Die trifft das Verdikt eines Ludwig Feuerbach, dass der Mensch sich in Wahrheit Gott nach seinem Bilde, nach den aus seiner Bedürftigkeit entstandenen Wunschbildern, schafft. Der Mensch ist nicht Ebenbild Gottes, sondern Gott ist ein Wunschbild des Menschen.

Leider hat der Theologe Friedrich W. Marquart in der Evangelischen Kirche keine offenen Ohren gefunden, als er 1989 schrieb: „Es gibt heute ein fast zynisches Einverständnis darüber, dass Gott doch zuletzt nichts anderes sei als ein Gebild unseres vom gesellschaftlichen Elend bedrängten Herzens, – mindestens aber, dass alles, was wir über Gott sagen, denken und fühlen, nur durch die Kontrolle des praktischen Gebrauchswertes, unserer Bedürfnisse geprägt sei, so auch nur geprägt sein dürfe. Wir praktizieren hier volle, naive Häresie. Schamlos behängen wir, was wir Gott nennen möchten oder als Gott anerkennen, mit Attributen unseres Wohlgefallens, tauschen hemmungslos starke gegen schwache, militante gegen friedfertige, angeblich männliche gegen angeblich weibliche Eigenschaften Gottes aus, fühlen uns dabei besonders menschennah und praktisch und bestätigen damit ungehemmt Feuerbach und seine Behauptungen, und brechen damit das 2. Gebot vom Sinai. Der Umgang mit Gott wird hier zum akutesten Glied in der Kette unserer Sünden.“ (Friedrich W. Marquardt, GPM 3/1989 Heft 4, S. 379)

Deutlicher kann man einer Kirche nicht heimleuchten, die sich verzweifelt bemüht, für jede Bedürfnislage ihrer Zielgruppen etwas im Angebot zu haben, was „gebraucht“ wird. Das sperrige Zehnwort vom Sinai sollte uns eines Besseren belehren. Die 10 Gebote sind ohne die Beschäftigung mit dem Gott, der sie spricht, weder zu haben, noch zu halten. So wie das Doppelgebot der Liebe ohne den Christus nicht zu haben und zu halten ist. Nicht nur Martin Luther wird nicht müde darauf hinzuweisen, dass gute Werke keinen guten Menschen machen, sondern ein guter Mensch gute Werke vollbringt. Nur ein guter Baum bringt gute Früchte. Deshalb muss für jede christliche Ethik gelten: Sie muss sich aus unserem Glauben, unserem Gottesverhältnis, unserem Gottesdienst speisen, oder sie endet im Terror der Tugend, die heute political correctness heißt, oder in der Scheinheiligkeit. Davon wird die Welt nicht heil. Wenn Gott unsere Herzen regiert, werden auch unsere Hände Gutes tun. Deshalb bewahre der Frieden Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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