Verliebt in die Freiheit

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des hl. Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
endlich frei. Nie wieder Unterdrückung, nie wieder Angst. Jahrhundertelang hatten die Israeliten die Sklaverei in Ägypten ertragen: Befehle, Zwangsarbeit, keine Freiheit der Entscheidung, Hunger und Gewalt.
Und dann kam Mose: Lass mein Volk ziehn. Let my people go – so hat der Gospelchor eben gesungen. Ein Lied, das auch Ihr Konfis mit Begeisterung singt. Das Lied ist mitreißend – die Freiheit ist mitreißend und das wird in dem alten Gospel transportiert, auch wenn man kein Englisch gelernt hat. Keine Fesseln mehr, nicht an den Handgelenken. Keinen eisernen Ring um das Herz, der die Luft zum Atmen nimmt und alle Lebenslust abschnürt.
Das ist Vergangenheit.
Jetzt liegt freies Land vor den Israeliten. Alles ist offen, wartet auf Gestaltung.
Ich habe mich gefragt: Wann machen Menschen heute diese Erfahrung von Freiheit? Wann erleben sie diese tiefe Glücksgefühl: Ich kann mein Leben selbst in die Hand nehmen?
Vielleicht ist es Menschen, die den Krieg überlebt haben, so ergangen. Ich weiß, viele Wunden blieben, vieles war verloren. Aber besonders für junge Menschen war die Zukunft offen, freies Land: Endlich war das große Morden vorbei. Wir können uns unser eigenes Leben in Freiheit aufbauen. Die Geschichte der Stadt Wolfsburg legt beeindruckendes Zeugnis davon ab.
Beeindruckt hat mich auch ein Fernsehbericht aus dem Jahr 1994. Es ging um die ersten freien Wahlen in Südafrika. Eine alte schwarze Frau, die selbst nicht mehr gehen konnte, wurde von ihrer Familie ins Wahllokal getragen. Das erste Mal in ihrem langen Leben durfte sie wählen. Die Tränen liefen ihr ununterbrochen über das Gesicht, das Glück der Freiheit.
(Nebenbei bemerkt: Wenn ich dieses Bild vor Augen habe, finde ich es beschämend, wie viele Menschen am vergangenen Sonntag ihr Stimmrecht gering geschätzt haben. Nehmen Menschen in unserem Land die Freiheit einfach selbstverständlich?)
Aber mal weg von der großen Politik.
Grenzenlose Freiheit habe ich als Schülerin verspürt am Zeugnistag vor den großen Ferien. Sechs Wochen keine Verpflichtungen, ¬ – das kam mir vor wie eine Ewigkeit. Einfach chillen (haben wir damals noch nicht so genannt), kein: Du sollst, du musst. Ich weiß nicht, ob euch Konfis und Teamern das heute auch noch so geht – ich wünsche es euch auf jeden Fall sehr.

Das Land der Freiheit liegt vor den Israeliten.
Und dann:
Du sollst
Du sollst
Du sollst nicht
Du sollst
Du sollst
Du sollst nicht
Du sollst nicht
Du sollst nicht
Du sollst nicht
Du sollst nicht

Wie? Endlich frei – und dann kommen gleich die Regeln?!?
Das ist irritierend, besonders für uns modernen Menschen. Wir haben es nicht gerne, dass man uns etwas vorschreibt, da sind wir empfindlich. Und es gibt ja tatsächlich viele Regeln, deren Sinn verborgen bleibt. Warum muss ich als Radfahrerin am Zebrastreifen vom Fahrrad steigen, auch wenn der Autofahrer mich gesehen hat – tut mir leid, leuchtet mir einfach nicht ein. Warum darf der Wäscheständer auf dem Balkon nicht höher sein als die Balkonbrüstung? Müssen Äpfel in ganz Europa wirklich die gleiche Normgröße haben?
Viele unsinnige Regeln und Gesetze, die das Zusammenleben von Menschen und Völkern nicht wirklich einfacher machen.

Auch die 10 Gebote sind für viele Menschen heute – ich sag das jetzt mal ganz salopp – nicht sexy. Angesagt ist der Tabubruch, der Skandal: Sylvie van der Vaart und ihre gescheiterte Ehe. Raphael hat eine andere, zu allem Unglück auch noch die ehemals beste Freundin. Hast du schon gehört? Barbara hat Boris geschlagen. Das fesselt die Menschen am Fernseher. Das macht die Schlagzeilen mit den großen Buchstaben. Ist doch viel spannender als Regeln oder Gebote.

Die Bibel sieht das anders:
Glücklich der Mensch, der seine Lust hat an der Thora, der Weisung Gottes – und zwar Tag und Nacht. Wir haben diesen Satz aus dem Psalm 1 eben gemeinsam gebetet. Lust an der Weisung Gottes Tag und Nacht.
Da ist Erotik drin.
Stellen wir uns das nur mal einen Moment lang vor, wie das wäre: Mit den Geboten Gottes leben wie mit einem geliebten Partner: mal zärtlich, mal in Meinungsverschiedenheit. Aber immer wieder aufeinander bezogen, immer wieder einander suchen.
Und auf einmal wird das ein spannendes und erfüllendes Lebensprojekt. Ein Leben lang ist da die Erinnerung an den Anfang – der erste tiefe Blick in die Augen des andern, die erste Berührung, Haut auf Haut. Der Schauer, der durch den ganzen Körper geht. Die Leichtigkeit und Schmetterlinge im Bauch.
Stellen wir uns vor:
Es funkt bei dem, was die Gebote bei der allerersten Begegnung so attraktiv und unwiderstehlich macht. Die Überschrift – wow: Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus der Sklaverei befreit hat.
Diesem Charme kann ich mich nicht entziehen.
Das ist Liebe auf den ersten Blick.
Ich bin der Gott, der dich in die Freiheit geführt hat.
So stellt Gott sich uns vor: Als Gott, der uns befreien will von aller Sklaverei.
Und wenn ich die 10 Gebote mit dieser Verliebtheit noch einmal angucke, dann leuchten sie auf, wie auch eine alte Liebe immer wieder glänzen kann und nie vergeht.
Sie überdauert Jahrzehnte – hier sogar: Jahrtausende.

Gott sagt in seinen Geboten:
1. Ich habe dich in die Freiheit geführt – jetzt unterwirf dich doch nicht gleich wieder anderen Herren, die über dich bestimmen wollen.
2. Ich habe dich in die Freiheit geführt – darum mach auch mich nicht unfrei. Ich bin kein Gott, den man auf die Normgröße „Alter weißer Mann mit langem Bart“ reduzieren kann. Ich bin viel mehr, darum mach dir kein Bild von mir.
3. Ich habe dich in die Freiheit geführt – darum benutze meinen Namen nicht für Unfreiheit und Gewalt.
4. Ich habe dich in die Freiheit geführt: darum gönn dir den Tag, der frei ist von Leistung und Pflicht.
5. Ich habe dich in die Freiheit geführt – darum lass auch alte und gebrechliche Menschen in Würde leben.
6. Ich habe dich in die Freiheit geführt – darum nimm dem anderen nicht sein Lebensrecht.
7. Ich habe dich in die Freiheit geführt, darum tritt Treue und Verbindlichkeit nicht mit Füßen.
8. Ich habe dich in die Freiheit geführt, darum lass anderen das, was ihnen gehört.
9. Ich habe dich in die Freiheit geführt, darum erniedrige andere nicht durch falsche Worte.
10. Ich habe dich in die Freiheit geführt, darum lass dich nicht vergiften von Neid und Gier.

Die 10 Gebote schränken nicht ein. Im Gegenteil, sie schaffen den weiten Raum, der ein Leben in Freiheit erst für alle möglich macht. So viele Menschen auf der Welt sehnen sich danach, dass sie unter dem Schutz solcher Regeln leben dürften. In Somalia und Syrien und überall, wo nicht Gottes Gebote gelten, sondern die Macht des Stärkeren. Oder wo der Name Gottes so furchtbar missbraucht wird, um Blutorgien zu rechtfertigen. So wie es jetzt gerade wieder in Kenia geschehen ist, die Bilder und Berichte sind erschütternd. Nicht nur die einzelnen Täter haben Schuld auf sich geladen. Hunger und Ungerechtigkeit führen zu Fanatismus und Gewalt. Solange nicht alle Menschen auf der Welt das haben, was sie zum Leben brauchen, leben wir als Menschheit in einem System das tötet, nicht im Land der Freiheit.
Im Blick auf die Welt gilt das sowieso, aber auch wir hier, die wir Gott sei Dank sicher und im Frieden leben können: Immer wieder scheitern wir an den Anweisungen für das Land der Freiheit, wie Fulbert Steffensky die 10 Gebote nennt:
Anweisungen für das Land der Freiheit.
Immer wieder machen wir uns durch unser Tun und Nicht-Tun selbst unfrei: Lügen, Gleichgültigkeit, Klatsch und Tratsch, Hartherzigkeit. Wer wollte sich davon freisprechen?

Das Land der Freiheit liegt vor uns.
Wir sind noch nicht da.
Wie das Volk Israel sind wir auf dem Weg.
Und es liegt noch ein weiter Weg vor.
Aber die 10 Gebote nehmen wir mit, weil wir sie lieben.
Das ist überhaupt nicht langweilig.
Nein. Das ist echt sexy.
Und der Friede Gottes…

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