Offene Augen und weite Herzen

Ich kann mich an den Sommer gut erinnern, auch wenn er schon eine ganze Reihe von Jahren zurückliegt.
Ich hatte mein Abitur in der Tasche, mit dem Studium begonnen und einen ganzen Sommer, konkret: 6 Wochen für mich allein, ganz allein, in einer Wohnung, die ich nutzen durfte in diesem Sommer, mit Garten und Wintergarten, mit einem herrlichen Ausblick, selbst wenn ich zum Lesen auf dem Sofa lag.
Und ich las und las (das wird manche nach meiner Wochenendandacht in der Zeitung vielleicht nicht sonderlich überraschen)!
Ganze Tage und Abende las ich und konnte gar nicht mehr aufhören.
Und es war immer die gleiche Autorin, die mich mit ihren Geschichten und Figuren, ihren Fragen und Antworten, vor allem mit ihren Einsichten über Gott und die Welt zu tiefst berührte. Sie erzählte von Menschen, die wie ich, volljährig, aber noch nicht wirklich erwachsen auf der Suche nach ihrer Persönlichkeit, wir würden sagen: nach ihrer Identität waren.
Ich sah lesend ununterbrochen tief in einen Spiegel.
Endlich und wirklich: ich sah.
Natürlich gab es ein Leben vor diesem Sommer, mit Erinnerungen an eine mehr oder weniger bewegte, manchmal auch unruhige Kindheit.
Aber ich hatte das Gefühl: in diesem Sommer werden mir zum ersten Mal so richtig die Augen geöffnet für die Dinge um mich herum und in mir drin.
Ich erkannte mich, wie ich war und wie ich sein durfte.
Ich erkannte meine Fragen, hörte und las mit meinen eigenen Augen Antworten, wie für mich aufgeschrieben. Da war von Gott die Rede und dass er auch auf krummen Lebensbahnen es gut mit mir meinen kann, nicht immer der einfache und leichte Weg auch der richtige sein muss, dass mein Leben sich heute lohnt, angepackt und gelebt zu werden: Ich bin, wer und was ich bin, und so und nicht anders kennt mich, ruft und meint mich Gott in diesem Augenblick.
Es war ein wunderbarer Sommer, in dem dann allerdings auch hier und da mal eine Träne geflossen ist. Das kann bei solchen Entwicklungsphasen und Häutungen wohl auch nicht anders sein!
Warum ich das erzähle?
Weil mich der Blindgeborene und von Jesus geheilte mit seinem Schicksal und der unseligen Reaktion der Mitmenschen daran erinnert hat. Denn so ist das manchmal, wenn einem die Augen geöffnet werden.
Entscheidend ist nicht, was andere denken, sagen oder tun.
Entscheidend ist, was ich erkenne, annehme und für mein Leben bewahre an Erfahrungen, Eindrücken, Anregungen und Worten.
Entscheidend ist, dass ich mein von Gott gewolltes Leben lebe, nicht dass die anderen in ihren Erwartungen und Ansprüchen an mich zu ihrem Recht kommen und ich so nach ihren Vorstellungen funktioniere.
Entscheidend ist, dass mir die Augen geöffnet werden und bleiben für mein Leben und die Welt um mich herum. Das will Gott. Dazu ist Jesus Christus in die Welt gekommen. Deswegen haben sich die Wege des Blindgeborenen, der uns in diesem Predigtjahr schon einmal begegnet ist, und Jesu Wege vor den Augen der hörenden und lesenden Welt gekreuzt.
Natürlich schmerzen mitunter die Reaktionen der Umwelt, wenn sich bei mir und in meinem Leben mit einem Mal etwas ändert. Aber darauf kann ich und kann das Leben, darauf will Gott nicht immer Rücksicht nehmen. Ich muss meinen Weg gehen und mein Leben leben.

Ich habe jetzt nicht gezählt, wie oft ich das Wort „Ich“ benutzt habe.
Aber ich habe es bewusst getan.
Das ist (noch) kein Egoismus, auch keine Egozentrik, so als drehe sich alles nur um mich, sondern die Notwendigkeit, dass jeder und jede in seinem Leben lernen darf und lernen muss, „ich“ zu sagen.
Nur wer mit den Beinen fest auf dem Boden steht, wer Gestalt und Profil gewinnt, wer Selbstvertrauen lernt und anfängt, Ja zu sich zu sagen, wird fähig, Beziehungen zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt aufzubauen, wird so auch erst glaubensfähig. Denn auch Gott will aufrechte Menschen, die ihr Leben wahrnehmen und spüren, dabei durchaus auch an ihre Grenzen stoßen und dennoch den Horizont weiten lassen, wenn sie diese Grenzen überschreiten oder überwinden, die ihre Augen und Ohren benutzen, nicht um wegzuschauen oder wegzuhören, sondern um wahrzunehmen und mit den sichtbaren und hörbaren Spuren Gottes im Herzen zu glauben und tatfreudig zu leben.
Ich mag nicht auf eine Weise glauben, in der das Ich nicht mehr vorkommt.
Ich mag nicht so glauben, dass der Einzelne verschwindet, damit vermeintlich Gott ganz groß wird.
Wenn der Blindgeborene und Sehendgewordene nach seinem Glauben gefragt wird, dann ist es sein Blick auf diesen Jesus von Nazareth, der bleibt. Aber an diesem Jesus scheiden sich die Geister , und das heißt nichts anderes als: alles entscheidet sich. Wer ihm begegnet, kann nicht gleichgültig an ihm vorübergehen. Selbst wenn alle Menschen in seinen Augen gleichgültig sind, in Gottes Augen also alle den gleichen Wert haben, so kann uns diese Haltung nicht gleichgültig bleiben, sondern fordert uns dazu heraus Stellung zu beziehen: – wie willst du dein Leben leben, wie hältst du es mit deiner Zeit?
– gedankenlos in den Tag hinein?
– planlos darauf, warten was überraschend kommt?
– Dann die Verantwortung immer anderen zuschieben?
– Ansonsten aber Gott einen guten Mann sein lassen und ignorieren?
Das kann man machen, vielleicht sogar ganz unangefochten durchs Leben kommen, überzeugt, doch eigentlich ein schönes Leben zu haben, zumindest zu funktionieren, bis irgendwann Sand ins Getriebe kommt und Gott für alle Vorwürfe und Anwürfe herhalten muss.
Oder wir entdecken, hören oder sehen, wie Gott uns vom ersten Atemzug an angeschaut und gemeint hat, wie er uns mit seinem ganz persönlichen Du anspricht, damit wir Ich sagen lernen, uns so die Augen für seine Gegenwart, seine Welt, die Not der Menschen in ihr und die Freude derjenigen, denen aufgeholfen wurde, öffnen lassen.
Diese Entscheidung, die manche von jetzt auf gleich fällen, die in anderen unmerklich heranwächst und reift, die aber irgendwann bei jedem bewusst oder unbewusst fällt, hat Konsequenzen für ein ganzes Leben. Sie ist keine Garantie für Unversehrtheit von Gut oder Leben, keine Versicherung auf viele Lebensjahre, aber Chance auf eine ganz neue und wunderbare Lebenstiefe und damit unbezahlbaren Lebensreichtum.
Und damit ist sie so etwas wie der Punkt, an dem die Weichen gestellt oder gar das Urteil gefällt wird. Gericht, sagt Jesus, aber nicht Gericht, das über mich gehalten wird, sondern das allein bei mir, in meiner Verantwortung liegt, wo ich Herr meiner Entscheidungen und meines Lebensweges bin.
Gottes Wege kreuzen meine Lebenswege immer wieder so, wie Jesus dem Blindgeborenen begegnete.
Wir halten dann bewusst oder unbewusst einen Augenblick inne,
es kann etwas geschehen, es kann sich etwas verändern… denn ich glaube unverändert an die zweite und dritte und immer wiederkehrende Chance…
und hoffe, dass Gott mir meine Augen für sich, das Leben und meine Verantwortung, für diese Welt und die Möglichkeiten und Aufgaben in ihr, immer wieder öffnet.
Wir haben die Wahl….
und das meine ich durchaus an diesem Wahlsonntag doppelsinnig…
Wählen sie oder lassen sie sich wie von Gott angeboten zum Leben einladen und wählen sie Verantwortung, in dem sie mit offenen Augen ihren Wert entdecken, und den Menschen, den Gott an unsere Seite stellt aus nah und fern, mir mal mehr , mal weniger, Gott aber allezeit gleich lieb und wert.
Glaube ist Sehen und Hören, Glaube ist Mut und Ja zum Ich und zum Leben, Glaube ist Verantwortung und Tat, Glaube ist Frieden und Entschlossenheit zur Gerechtigkeit, Glaube ist Liebe zu Gott und zur Welt.
Glaube macht ein weites, offenes Herz.
Amen

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