Auf dem Heimtrainer des Glaubens

Bei der Begrüßung wurde auf den Heimtrainer neben der Kanzel (Fahrrad oder Stepper) hingewiesen und das Thema: Den Glauben Stärken.

1. Einstieg auf Heimtrainer, angestrengt radelnd

Um stärkeren Glauben geht es also heute.
Da gibt’s ja wohl nur eins: Trainieren, trainieren, trainieren. Oder?
Ich meine, was für Muskeln und Kreislauf gut ist, das kann ja wohl für unseren Glauben nicht schlecht sein.
Deshalb hab ich heute diesen Heimtrainer mitgebracht. Um uns in Trainingsstimmung zu bringen und zu überlegen, was das für den Glauben bedeuten könnte.

Wer wollte das nicht,
– einen stärkeren Glauben haben
– weniger Glaubens-Zweifel

Das gilt ja nicht nur in religiösen Dingen! Das haben wir ja inzwischen gelernt, dass Glauben in jeder Hinsicht wichtig ist.

– Man muss an sich glauben, wenn man etwas schaffen will
– “The power of positive thinking ” heist das in Coaching-Seminaren
– Die Macht der positiven Denkens – Bücher darüber stehen Meterweise in den Buchhandlungen

(Hört auf zu radeln)
Ich meine, für normal reicht es ja. Aber es gibt Situationen, wo man schweres verkraften muss. Rückschläge, Sackgassen, Krankheit.
Gerade dann wird mancher auch noch von Glaubenszweifeln gepackt. Vielleicht nicht sie, aber andere. Freunde. Was sagt man da?

(radelt wieder, zunehmend angestrengt)
Na was soll man schon sagen? Du musst da durch!. Du musst Stark sein im Glauben. Du darfst dem Zweifel keinen Raum geben.
Sagt das nicht auch unser Predigttext? Der hat doch genau unser Thema: „Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben!“

Und die Antwort Jesu: – ich hab sie mir aufgeschrieben. (hält an, kramt Zettel aus der Tasche und liest vor)

Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben. Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

(Radelt wieder.) Sie haben es gehört! Wenn unser Glaube nur so groß wäre wie ein winziges Senfkorn! Das würde schon reichen, dann könnten wir damit Bäume ausreißen. So schwer kann das doch nicht sein. (radelt weiter bis:) Puh ist das anstrengend. Ich kann nicht mehr.

2. Den Bibeltext bedenken (Wechsel auf Kanzel / Pult)

Puh! Das fühlt sich ziemlich anstrengend an, so zu leben.
Und wahrlich, über manche Strecken ist das Leben ja wirklich anstrengend. Manch einer von Ihnen weiß auch, dass das ganz schön lange Strecken sein können.
„Das Leben ist kein Ponyhof“, wie man so humorvoll sagt.

Aber ob das in Glaubensdingen so richtig ist? Dass man sich so anstrengen muss? Wie stärken wir unseren Glauben?
Ich hoffe, das ist deutlich geworden: So jedenfalls besser nicht.
Und doch machen wir das oft so – und zwar in allen Bereichen des Lebens. Nach dem Motto: Wenn es schwierig wird, dann muss man sich eben mehr anstrengen. Ohne Fleiß kein Preis. So wurden wir erzogen.
Der Psychologe Watzlawick sagt dazu. Diese Einstellung ist ein sehr sicheres Mittel, um sich unglücklich zu machen. Er nennt dieses Mittel: „Mehr von demselben.“
Damit will er sagen: Manchmal aber ist es viel besser, aufzuhören, sich anzustrengen und sich mal entspannt zurück zu lehnen und zu überlegen, geht die ganze Anstrengung eigentlich in eine sinnvolle Richtung? Oder kann ich im Grunde schon wissen, dass ich so nicht glücklich werde?

Zum Beispiel, wenn jemand Glaubensstärkung braucht, weil er Zweifel fürchtet. Mancher müht sich, die Zweifel immer klein zu halten.
Warum nicht die Zweifel einmal ganz anders sehen: Positiv.
Vielleicht sind ja zum Teil berechtigt. Vielleicht können sie helfen, einen Irrtum zu erkennen und gerade dadurch im Glauben zu wachsen!

Früher etwa, da war es doch für viele ein Problem zu erkennen, dass die Bibel nicht vom Himmel gefallen, sondern ganz menschlich entstanden ist. Dabei kann gerade dieses Wissen um die menschliche Entstehungsgeschichte sehr hilfreich sein.
Unser Bibeltext ist da ein schönes Beispiel.

Dieses „wenn ihr Glaube hättet …“ das sagt ja im Grunde in Klammern dazu: „habt ihr aber eben nicht!“ Das klingt ziemlich negativ. So als wäre wirklich die einzige Lösung, sich mehr anzustrengen. Wie aber soll das gehen? Man kann Glauben nicht befehlen. Auch nicht sich selber.
Gerade diese nicht so tolle Formulierung stammt aber vermutlich vom Schreiber Lukas, als er sein Evangelium schrieb – ca. 50 Jahre nach Jesu Tod. Mit diesem Satz wollte er Antwort geben auf eine Frage seiner Zeit: Nämlich die Frage „Warum können wir nicht solche Wunder tun wie Jesus und die ersten Christen?“ Antwort: Euer Glaube ist zu klein. Wenn Euer Glaube nur so groß wie ein Senfkorn wäre, dann könntet ihr.

Dieser Satz ist in dieser Situation also in gewisser Weise vernünftig.
Er formuliert dadurch aber nicht mehr die Ermutigung, die Jesus ursprünglich meinte.
Denn die lesen wir wohl eher da, wo Matthäus in seinem Evangelium die Worte Jesu wiedergibt:

(Mt 17,20) Wenn euer Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein.

Kleine Unterschiede nur, aber doch bedeutsam: Seine Betonung: Ihr braucht nur einen kleinen Glauben, dann werdet ihr… dann könnt ihr…. Und das Beispiel des Berges ist so übertrieben, dass klar ist, das ist nicht wörtlich gemeint.
Und gerade in dieser symbolischen Übertreibung drückt dieser Satz so viel Wahrheit aus, dass er zu einem Sprichwort geworden ist.
Glaube versetzt Berge.

Das ist Jesus, wie wir ihn auch aus den konkreten Geschichten kennen. Einer der ermutigt. Einer, der die Menschen nicht ins Glaubens-Fitness-Studio schickt, sondern im Gegenteil.
Wenn er Menschen geholfen hat, dann hat er nachher nicht gesagt, „JA, ich bin eben so ein toller Wundertäter“, sondern hat auf den Glauben gezeigt, den die Menschen schon mitgebracht hatten, als sie zu ihm kamen:
Dein Glaube hat dir geholfen.
Dein Glaube, so wie er war. Jesus hat nicht den Glaubens-Zollstock rausgeholt und nachgemessen, ob der Glaube auch groß genug ist, oder vom Inhalt her richtig. Es reichte sogar, wenn es gerade dazu reichte, sich an Jesus wie an einen letzten Strohalm zu klammern:
Ja, es reichte zu sagen: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben. (Mk 9,24)

Was bedeutet das für unsere Frage nach der Stärkung des Glaubens? Ich gehe mal wieder auf den Heimtrainer.

3. Glauben stärken (Wechsel auf Trainer, gemütlich radelnd)

Wenn Jesus vom Bergeversetzen redet, oder von mir aus vom Bäumeversetzen. Dann meint er das nicht als religiösen Leistungssport, sondern wollte die Menschen ermutigen, ihren kleinen Glauben ernst zu nehmen. Und ihr Leben dann auch wirklich aus der Kraft dieses kleinen Glaubens zu leben.

Ich hab mich wieder auf den Trainer gesetzt, weil ich trotz dem, was ich gesagt habe, meine, dass das manchmal auch richtig üben bedeuten kann.
Wir wünschen uns natürlich, dass Glauben so (Schnipp) ging; eine angeborene Fähigkeit wie Atmen. Einfach immer im vollen Gottvertrauen leben.
Und erfreulicher weise ist das bei vielen über weite Strecken auch so.
Aber es kann Momente geben, wo einem deutlich wird, nein, ich möchte, ich muss da jetzt was dran tun.

Zum Beispiel, wenn einem aufgeht: Bei näherem Hinsehen lebe ich in dieser oder jener Hinsicht eigentlich doch so, als wenn es Gott gar nicht gäbe. Ich vertraue da nicht, dass Gott mich schon trägt.
Wenn das so ist, dann überlegen sie doch gleich bei der Orgelmeditation mal: Wo ist in ihrem Leben so ein Punkt, wo mehr Gottvertrauen gut sein könnte. Wo sie Gottvertrauen probieren, üben sollten, um leichter zu leben.

Oder manchmal gerät der sanfte Strom des Glaubens ins Stocken, weil sich bestimmte Zweifel immer wieder melden. Ich bin der Meinung, dass es gut ist, diese Zweifel ernst zu nehmen. Weil gerade an diesen Punkten der Glauben wachsen kann, wenn man sich damit beschäftigt. Weil der Glaube an diesen Punkten vielleicht bisher zu simpel gestrickt war. Dann heißt es, da mal drüber nachdenken. Das geht manchmal alleine, häufig aber besser mit einem Gesprächspartner. Da finden sie bestimmt jemanden. Sprechen sie mich an, es wäre mir eine große Freude.

Zum Dritten aber bin ich wieder auf den Trainer gegangen, um vorzumachen: Wir müssen aus unserem Glauben keinen Hochleistungssport machen.
Wir können ja alle sozusagen bereits Fahrrad fahren, glauben. Das reicht. Es gibt keinen perfekten Glauben, den wir uns erstrampeln müssen. Auch Zweifel dürfen dazu gehören, weil es doch wirklich schwer ist, zu erkennen, was ist denn nun wahr und was nicht.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, das genügt.
Ein Glaube, der nicht größer ist, als ein winziges Senfkorn.
Und der dennoch durchs Leben trägt.

Amen.

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