D-Day

Liebe Gemeinde,

wenn „Sozialfälle“ jung sterben, dann spricht man von „sozialverträglichem Frühableben“. Dieser Ausdruck wurde zurecht zum Unwort des Jahres 1998 gekürt. Ich muss immer wieder einmal an dieses Unwort denken, wenn wir im Krematorium einem solch armen Menschen das letzte Geleit geben. Wir, das sind manchmal nur der Bestatter und ich. Schmucklos steht er da, der Sarg oder nur die Urne. Links und rechts die nachfüllbaren Plastikkerzen. Für mehr reicht es nicht, wenn der Staat die Kosten übernehmen muss. Das sind niederschmetternde Dienste, bei denen es nicht nur mich wirklich jammert. Bestatter sprechen heute ganz offen von einem „Trend zur Entsorgung“ auch und besonders da, wo eigentlich genug Geld da ist, eine angemessene Bestattung auszurichten.

„Arme sterben früher, Reiche leben länger“, las ich neulich in der Zeitung. Das sei wissenschaftlich erwiesen. Die Gründe hierfür seien vielfältig. Zu kurz denkt, wer meint, das liege nur an der Höhe von Hartz 4. Neulich hat mir jemand von einer Familie erzählt. Als der Mann entlassen wurde, hat sie zwei Jahre wie David gegen Goliath vor Gericht mit der ehemaligen Firma des Mannes über die Abfindung gestritten. Dann waren das Ansehen, die Nerven, die Kräfte der Familie verbraucht. Goliath und das Heer seiner Anwälte erwiesen sich als stärker. Die suchten so lange, bis sie etwas fanden, was man gegen ihn verwenden konnte. David gab klein bei. Die Frau erkrankte. Eine ganz alltägliche Geschichte des Abstiegs, die nicht selten mit einem Trauerzug endet und den Mitmenschen kein Wort, kein Nachdenken, keine Erinnerung wert ist. Wir leben in einem Rechtsstaat, gab der Sprecher der großen Firma kalt lächelnd zum Besten und das Recht hat gesiegt. Im Aufsichtsrat war Sektempfang. Das ist wirklich zum Heulen.

Zweifellos auch ein „Sozialfall“ ist diese Witwe, die ihren einzigen Sohn zu Grabe trägt. Hartz 4 gab es damals nicht. Mit dem einzigen Sohn hat sie auch ihre Altersversorgung verloren. Immerhin findet sich damals eine große Menge aus der Stadt Nain, die das auch zum Heulen findet. Immerhin ist das eine Beerdigung, die unter großer Anteilnahme ihren Lauf nimmt. Wenigstens verstehen diese Leute noch etwas von der letzten Solidarität, zu der jeder halbwegs zivilisierte Mensch fähig sein sollte: Die Solidarität im Angesicht des Todes. Wo die nicht mehr stattfindet, da ist es mit jeder anderen Solidarität, die in der Bibel Nächstenliebe heißt, erst recht schlecht bestellt.

„das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer

das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben im teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern

aber es kommt eine auferstehung
die anders ganz anders wird als wir dachten
es kommt eine auferstehung die ist
der aufstand gottes gegen die herren
und gegen den herrn aller herren:
den tod
(Kurt Marti, Leichenreden, Luchterhand, 1987, S.63)

So hat Kurt Marti kraftvoll gedichtet und der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass Gott sich die Herrschaft des Todes und seiner Handlanger auf Erden nicht gefallen lässt. Ihr Herren, erschreckt und nehmt euch in Acht! Diese endzeitliche Hoffnung auf den lebendigen Gott, der keine Rechnung offen lässt, ist im Handeln des Christus auf Erden begründet. Wir erleben es mit den Jüngern vor den Toren der Stadt Nain. Dort aus den Stadttoren kommt der Zug des Todes. Der prallt förmlich auf den Gegenzug, der sich als Protestzug gegen den Tod erweist. Der wird nicht angeführt von Ohnmacht, Trauer und Wut gegen ungerechte Verhältnisse und unerklärbares Unglück. Dieser Protestzug gegen den Tod wird angeführt von Jesus, dem Christus, der seine Macht als Herr über Leben und Tod unwiderstehlich demonstriert.

Darum, so Luther, ist dies „eine Predigt für elende Leute. Die sollen lernen, dass Christus ein Gott der Sterbenden, Toten, Armen, Elenden, Gefangenen und verdammten Sünder ist, die sich nicht helfen können.“ (Dr. Klaus Bümlein, GPM, 3/2007, Heft 4, S. 400) Wir lernen es mit den Menschen, die Jesus zum Stadtrand von Nain gefolgt sind. Und damit lernen wir, dass Christengemeinden auf dieser Welt nichts anderes als Protestzüge gegen den Tod und für das Leben sind (und sein können). In der Gemeinde Jesu Christi sind deshalb Menschen unterwegs, die sich um die Sterbenden, Toten, Armen, Elenden, Gefangenen und verdammten Sünder, die sich nicht helfen können, kümmern im Namen ihres Herrn, der vom Tod auferstanden und in Ewigkeit der Lebendige ist.

Deshalb können wir als Christenmenschen nicht sprach- und tatenlos zusehen, wie der Tod und seine Handlanger auf unserer Welt ihr Geschäft betreiben. Hier gilt, was der ehemalige Bischof von Berlin Martin Kruse schrieb: „Die Kirche darf sich im Namen Jesu dem Tod entgegenstellen. Sie darf ihm seine Macht bestreiten, gerade dort, wo er in seiner Lebenszerstörung und in seiner scheinbaren Endgültigkeit das Feld beherrscht.“ (Bümlein, a.a.O.) Kirche hat Gegenbewegung zum Leben zu sein. Hierhin gehört die Katastrophenhilfe, der Einsatz für den Frieden und die Verständigung unter Völkern, Kulturen und Religionen. Hierhin gehört der Einsatz für eine Kultur des guten Lebens im eigenen Land bis hin zur Bestattungskultur, und der Widerstand gegen jeden Trend zur Entsorgung des Lebens von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Hierhin gehört die Bildung, die Dummheit und Beschränktheit aufhebt und den Kopf und das Herz weitet für die Zusammenhänge, die Leben bedrohen oder auch fördern.

Hierhin gehört nicht die Betroffenheitskultur, die sich an Gräbern und sonntags in der Kirche beknirscht und anschließend zur Tagesordnung übergeht. Hierhin gehört nicht die Kultur des Schweigens, des Wegsehens und der Gleichgültigkeit. Hierhin gehört nicht die Kultur des sich Versteckens hinter der Legalität, hinter den Roben der Richter und Anwälte. Recht wird von Menschen gebraucht zum Guten oder zum Schlechten; um Gerechtigkeit und Freiheit zu verteidigen oder um sie zu nehmen, um Leben zu fördern oder zu zerstören. Weil wir das wissen, haben wir auf der Seite derer zu stehen, die ganz legal z.B. durch Prozeßhanselei in den sozialen oder durch Mobbing in den seelischen Tod getrieben werden.

Hoffentlich tun wir dies als Christenmenschen auch, weil sonst der Christus selbst und der Zug des Lebens, der ihm nachfolgt, uns früher oder später aufstöbern wird; auch aus der frommen Sofaecke, in der wir uns zuhause fühlen und eingerichtet haben; und in der wir gerne ungestört die Hände im Schoß falten. Damit wir erschreckt und hoffentlich irgendwann glücklich entdecken, dass unser Zuhause dort schon lang nicht mehr ist. Wir gehören dem, der aufstand gegen den Tod, damit wir ihm nachdenken und nachfolgen und bei ihm Zuhause sind in Zeit und Ewigkeit.

D-Day wurde der 6. Juni 1944, der Tag der Landung der alliierten Truppen in der Normandie genannt, mit dem das Ende der Naziherrschaft und damit des finstersten Kapitels deutscher Geschichte besiegelt war. D-Day hätte der Tag heißen können, an dem der Zug des Lebens, mit dem Christus an der Spitze, sich dem Zug des Todes aus der Stadt Nain in den Weg stellt. D-Day: Der Aufstand Gottes gegen die Herren und gegen den Herrn aller Herren, den Tod. D-Day: „Die Schöpfung wird frei von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“. (Römer 8/21) Eia, wärn wir da!

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