Unscheinbar, klein, einfach!

Worüber darf ich ihnen heute etwas erzählen, liebe Gemeinde? Soll ich ihnen von einer wunderbaren Heilung berichten, die einem kranken Menschen zu einem neuen Leben verholfen hat? Oder von mehreren deportierten und unterdrückten Sklaven, die ausgerechnet denjenigen, der sie gefangen hält, wieder gesellschaftsfähig gemacht haben? Ich könnte ihnen aber auch etwas über Spenden, Käuflichkeit und die Arroganz von Machthabern erzählen, ein Thema, mit dem wir uns ja gerade in den letzten Wochen in Deutschland sehr intensiv befassen müssen. Oder möchten Sie lieber davon hören, dass es doch noch Menschen gibt, die sich nicht für einen Gott, sich nicht für unfehlbar und nicht alles für machbar halten?

Das alles – und noch viel mehr – steckt in der Geschichte, die uns heute Morgen erzählt wird und über die wir nachdenken sollen. Zugegeben: sie ist, was Predigttexte angeht, ungewöhnlich lang. Aber es lohnt sich, kein Stück davon auszulassen. Wir finden sie im Alten Testament, im zweiten Buch der Könige, Kapitel 5:

[TEXT]

Jeder Mensch bleibt ja beim Hören einer solchen Geschichte an einer anderen Stelle hängen. Das liegt auch in der Absicht der Autoren und hat damit zu tun, welche Themen uns gerade beschäftigen, was um uns herum aktuell passiert, welche Erfahrungen wir im Leben schon gemacht haben. Jeder und jedem unter uns wird diese Erzählung also etwas anderes bedeuten und am liebsten würde ich jetzt eine lockere Runde bilden und mich mit ihnen bei einer Tasse Tee oder Kaffee über das unterhalten, was sie an dieser Geschichte berührt oder vielleicht sogar bewegt, welche Erinnerungen sie weckt, welche Hoffungen, welche Fragen.

Leider kann man hier in der Kirche aber sehr schlecht im Kreis sitzen und Sie jetzt aufzufordern, nach drüben ins Gemeindehaus zu gehen, möchte ich auch nicht. Aber ich darf Sie schon jetzt darauf aufmerksam machen und einladen, dass wir uns während der Bibelwoche im Februar an vier Abenden gemeinsam Texte vornehmen wollen und uns Zeit nehmen werden, darüber miteinander ins Gespräch zu kommen.

Für heute soll es also noch einmal klassisch zugehen und ich möchte ihnen mitteilen, welche Gedanken mir an dieser Erzählung zurzeit wichtig sind. Vielleicht treffen sich ja sogar Ihre und meine Beobachtungen in dem ein oder anderen Punkt.

Wenn ich mir den Naaman anschaue, dann fällt mir zunächst auf, mit welchen Vorstellungen und Ansprüchen er sich an den Propheten wendet. Er hat ja eine ganz bestimmte Idee im Kopf, wie seine Heilung vonstatten gehen soll: irgendwelche magischen Formeln sollen gesprochen und dazu ein geheimnisvolles Ritual vollzogen werden. So ist er es wohl von den Wundermännern seines Landes gewöhnt. Und er ist sehr enttäuscht und zurückweisend, als Elisa ihm durch seinen Boten eine ganz einfache Anweisung gibt: er solle im Jordan baden. Davon verspricht sich Naaman nun wirklich nichts. Das ist zu alltäglich, zu einfach, zu banal.

Er erinnert mich sehr an Menschen unserer Zeit, die nach einer religiösen Heimat suchen und von vornherein schon wissen, wie sie auszusehen hat. Es muss schon etwas besonderes sein, geheimnisvoll, ein wenig verrückt vielleicht, man sollte etwas von sich abverlangen müssen. Wir leben ja heutzutage in einer Show-Welt und es kann nicht spektakulär genug zugehen, um Aufmerksamkeit zu erregen und Erfolg zu garantieren. Und so verwundert es nicht, wenn im religiösen Bereich ähnliche Erwartungen vorherrschen. Wer davon im wahrsten Sinne des Wortes profitiert, nämlich Profit macht, das sind Sekten und selbsternannte Wunderheiler, Show-Menschen, die nichts anderes im Kopf haben als Quote zu machen.

Christen, und wir als evangelische vielleicht im Besonderen, können da wenig entgegensetzen. Es gibt zwar eine Menge Leute, die in irgendwelchen Stuben hocken, viel grübeln und unseren Glauben sehr kompliziert erscheinen lassen. Aber im Grunde bleibt er schlicht und das, was wir zu bieten und zu sagen haben, ist unspektakulär: "Mensch, Du bist geliebt und in unserer Gemeinschaft herzlich willkommen. Wenn du Lust hast, bei uns mitzumachen, dann gehörst dazu, so, wie du bist." Vielleicht ist diese Botschaft in unserer komplizierter werdenden Welt zu einfach, als dass man ihr Glauben schenken will.

Aber so ist das nun einmal bei unserem Gott: Immer wieder erinnert er uns daran, dass das Große im Kleinen steckt und das Wichtige im Unscheinbaren. Und auch das macht die Erzählung deutlich: wie wichtig doch Menschen sein können, die wir für machtlos und wenig einflussreich halten und die in unserer Gesellschaft oft nur am Rande vorkommen.

Ich denke dabei an die junge Frau, die ein besonders hartes Schicksal erdulden muss. Bei irgendeinem der vielen Raubzüge vagabundierender Soldaten wurde sie verschleppt und muss seither der Frau des Feldherrn Naaman zur Hand gehen. Immerhin hat er sie nicht zu seiner Nebenfrau gemacht, das ist ihr erspart geblieben. Aber – schlimm genug! – sie ist entwurzelt, hat ihre Heimat verloren, die Menschen, mit denen sie großgeworden ist und die ihr vertrautes Umfeld waren, sie wird sie wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen. Alles in allem hätte sie Grund genug gehabt, sich an der Krankheit ihres Herren zu erfreuen.

Und dann sind da noch die Sklaven, die Naaman auf seiner Reise begleiten, Menschen, die nur dazu da sind, es dem großen Strategen an Nichts fehlen zu lassen, die man aber sonst nicht beachtet und sie mehr als Mobiliar oder Küchengerät denn als Menschen ansieht.

Auch in unserer Geschichte scheinen sie zunächst ja nur Beiwerk zu sein, alles konzentriert sich auf die beiden Hauptpersonen, Elisa und vor allem Naaman, den Feldherrn. Ein guter Regisseur, der aus diesem Stoff ein Drehbuch machen sollte, würde allerdings sofort bemerken, wie wichtig gerade die Nebendarsteller für den Fortgang der Handlung sind. Ohne die israelische Sklavin hätte Naeman nie etwas von dem Propheten in Israel gehört. Und ohne seine beiden Diener wäre er nach einer kurzen Begegnung mit dem Schüler Elisas unverzüglich wieder abgereist – ohne Hoffnung auf Heilung.

Beide Szenen, das Gespräch mit der Küchengehilfin und die Unterhaltung mit den Lastträgern sind Schlüsselszenen, ohne sie würde die Handlung ins Stocken geraten. Es ist nicht der große und übermächtige Stratege, der seinen Untergebenen den Weg weist, sondern hier ist es gerade umgekehrt: die Unscheinbaren, die sonst nur im Hintergrund stehen und kuschen müssen, sie sagen dem Großen, wo es langgeht.

Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn die Israelitin aus Rache geschwiegen hätte? Oder Naamans Bedienstete nicht den Mut gehabt hätten, ihren Mund aufzutun, um ihn umzustimmen? Das Schicksal des kranken Mannes hätte sich nicht geändert, er wäre dem Aussatz, der ihn gesellschaftlich zu ei-ner Unperson machte, weiterhin ausgeliefert gewesen.

In den biblischen Geschichten, die Menschen erzählt haben und aufgeschrieben wurden, weil sie etwas über die Beziehung zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch aussagen, spielen immer wieder Randfiguren eine wichtige Rolle, ja wachsen sogar zu Hauptdarstellern heran. Während wir es gewohnt sind, auf die mächtigen, einflussreichen und glänzenden Stars unserer Gesellschaft zu schauen und uns dann wundern, wenn der Schein getrogen hat und wir enttäuscht werden, achten Geschichtenerzähler, die uns Gottes Art zu sehen näher bringen wollen, auf die Menschen, die niemand beachtet und kehren die Verhältnisse um: die wirklich Große in dieser Erzählung, weil großmütig und barmherzig, ist die Sklavin und nicht der vielgepriesene Prophet Elisa, der sich ja auch deshalb um Naeman kümmert, um sein Volk vor einem Krieg zu bewahren. Die junge Frau dagegen hat nichts von ihrem Mitleid.

Und die wirklich Mutigen, das sind die Diener Naemans, die es wagen ihrem Herrn zu wiedersprechen und ihm gute Ratschläge zu erteilen – und nicht der hochgeehrte und gefürchtete Feldherr. Der kämpft nämlich für seinen Ruhm und sein Vaterland, die anderen haben nichts, wofür sie sich und ihr Leben einsetzen könnten.

Ich frage mich, wo es in meinem Leben Menschen gibt, die ich übersehe, deren Anwesenheit mir so selbstverständlich geworden ist, dass ich ihre Nähe und das, was sie für mich tun, nicht mehr zu schätzen weiß oder die ich nicht für voll nehme, weil sie einem gewissen gesellschaftlichen Standard nicht entsprechen. Diese alte Geschichte von Naeman und Elisa lehrt mich, darauf gefasst zu sein, dass gerade sie es sein könnten, die mir einmal den Weg weisen werden, ja vielleicht sogar mein Leben entscheidend ändern und zum Guten wenden.

Vielleicht ist das ja ein Wesenszug Gottes: dass er die Menschen nicht nach dem behandelt, was sie schon vollbracht haben, sondern danach, welche ungeahnten Möglichkeiten in ihnen stecken. Wenn auch wir in den Menschen mehr das sehen würden, was an Fähigkeiten und Hoffnungen in ihnen stecken, als ihren Wert nur danach zu bemessen, was sie bisher schon geleistet haben, dann würde sich unser Verhalten sicher dem ein oder der anderen gegenüber erheblich ändern und unser Handeln könnte ein wenig gerechter ausfallen.

Das Mögliche und Gute in den Menschen suchen und sehen – und nicht das Unmögliche und Unvollkommene! Das, worum sie sich bemühen schätzen lernen – und sie nicht auf das festnageln, woran sie scheitern. Ich glaube, nicht nur unsere Gesellschaft würde wesentlich liebenswerter und toleranter werden, wenn wir so den Menschen begegneten, sondern gerade auch unser eigener Glaube würde sich ein wenig entkrampfen, mehr der Freiheit des Evangeliums als der Engstirnigkeit des Gesetzes folgen.

Auch dafür bietet unsere Geschichte zum Schluss ein sehr schönes Beispiel. Naaman entschuldigt sich bei Elisa schon im Voraus dafür, dass er wegen seiner Funktion als Feldherr dem ersten und wichtigsten Gebot, nachdem man keine andere Götter neben dem einzig wahren anbeten soll, nicht im vollen Sinne wird entsprechen können. Er riskiert schon viel, weil er Erde mitschleppen möchte, um den Boden des von Gott auserwählten Volkes unter den Füßen zu haben, wenn er sich seinem neuen Glauben widmet. Aber den totalen Bruch vollzieht er nicht.

Und der Prophet? Er verabschiedet ihn mit einem Friedensgruß. Keine Verurteilung, keine Rücknahme der Heilung, keine Bedingungen. Elisa zwingt ihm keine endgültige Entscheidung auf, sondern er entlässt ihn in seine eigene Verantwortung. Wie Menschen ihren Glauben leben, das ist eine sehr intime und persönliche Angelegenheit und geht nur sie und Gott etwas an. Letztlich ist er ist, der entscheidet, ob ich ihm gerecht werden muss, oder ob er nicht vielmehr mir gerecht werden will.

Es wäre schön und täte unserer Kirche gut, wenn wir ein wenig mehr von dieser Gelassenheit und Toleranz leben würden. Mancher fauler Kompromiss, den Synoden beschließen, bliebe uns dann erspart und wir könnten über das Christentum – ohne irgendwelche Papiere fernsehgerecht unterschreiben zu müssen – wirklich von einer Einheit in der Vielfalt sprechen.

Die Geschichte von Naeman und Elisa ist alt. Doch wovon sie handelt bleibt immer noch aktuell. Und wozu sie uns aufruft bedarf noch der Verwirklichung.

drucken