Wer glauben kann ist klar im Vorteil

Liebe Gemeinde,
sie kennen das: Es rutscht einem ein blöder Rechenfehler in die Gedanken – vielleicht sogar beim kleinen Einmaleins (so im Stil von 3 x 8 = 16) und man bekommt zu hören: „Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil!“. Auch beim Schreiben oder lesen kann es passieren. Da liest man aus Versehen Biss statt Riss oder Kuss statt Nuss oder jeweils umgekehrt und wieder hat man sich anzuhören: „Wer lesen kann ist klar im Vorteil!“. Oder aber man sagt es gleich selbst: leicht humorvoll und mit ein bisschen Selbstironie. Im Blick auf unser heutiges Bibelwort möchte man sagen: „Wer glauben kann, ist entscheidend im Vorteil. Darum geht es jedenfalls. Um den Glauben. In einem superkurzen nur zwei Verse langen Text. Akteure sind die Jünger auf der einen und Jesus auf der anderen Seite. Die Jünger stellen eine Frage – Jesus antwortet darauf. Formal klingt das alles recht übersichtlich – inhaltlich ist die Sache aber ziemlich komplex. Hinzu kommt, dass die Übersetzung eine ganz wesentliche Rolle spielt. Erstaunlicherweise heißt es in den meisten Übersetzungen so wie bei Luther, was ich gerade vorgelesen habe: Die Jünger bitten Jesus, dass er ihren Glauben stärkt, also vermehrt, vergrößert, intensiver, hartnäckiger, widerstandsfähiger und so weiter macht. Und Jesus antwortet darauf auch fast überall sinngemäß wie bei Luther: Wenn ihr Glauben hättet, so groß wie ein Senfkorn… – also im Konjunktiv: „hättet“. Mit anderen Worten und zusammengefasst: Die Jünger gehen davon aus, dass sie einen Glaubensgrundstock haben, der vergrößert werden soll und Jesus bestreitet ihnen das: „Wenn ihr hättet…“ – das heißt: Ihr habt ja gar nichts. Und was soll daran bitteschön vergrößert werden. Vergrößern kann man nur etwas, was schon da ist – aber nicht nichts. Die Frage der Jünger verstehen wir: Mehre unseren Glauben… – das haben wir vielleicht oder gar sicher auch schon selbst gebetet. Aber wieso antwortet Jesus im Konjunktiv und bestreitet den Jüngern jegliches Mindestmaß an Glauben? Schon am Anfang der Woche hat mich das beschäftigt – bis ich am Freitag in einem Theologischen Kommentar darauf gestoßen bin, dass alles ganz anders ist. Die Stelle muss anders übersetzt werden: Ich trage Ihnen nun die dort präsentierte Übersetzung vor: 5) Und die Apostel sprachen zum Herrn: Verleih uns Glauben. 6) Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, sagtet ihr zu diesem Maulbeerbaum: Entwurzele dich und pflanze dich ins Meer, und er gehorchte euch. Haben Sie den Unterschied herausgehört? Jetzt ist es gerade umgekehrt: Die Jünger bitten pauschal um Glauben, weil sie davon ausgehen, dass sie noch gar keinen haben. Und Jesus antwortet: Ihr habt doch schon Glauben: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn. Also nicht „hättet“, sondern „habt“. Wenn euer Glaube so groß ist wie ein Senfkorn, dann könnt ihr damit bereits ganz Unglaubliches anfangen. Jesus bestreitet also nicht den Glauben der Jünger, er setzt ihn voraus. Zwar mikroskopisch klein, aber immerhin. Die Basis ist da. Möglicherweise hat Jesus hier an den Samen des schwarzen Senfes gedacht. Von dem ergeben etwa 700 Körner das sagenhafte Gewicht von 1 Gramm.

Nachdem nun das geklärt ist, haben wir uns der Frage zuzuwenden, um was es bei dem Begriff „Glaube“ überhaupt geht. Es ist ein ganz zentraler Begriff: Im NT, in der Kirche und natürlich in der Theologie. Ganze Regalwände voll Literatur gibt es darüber Erbaulich und dogmatisch. Dickste Wälzer sind darunter. Zumindest hier bei unserem Text ist die Sache so kompliziert aber nicht. Grundsätzlich lässt sich der Glaube unterscheiden nach Vertrauensglauben und inhaltlichem Glauben. Für den Letzteren ist natürlich jede Form von Glaubensbekenntnis typisch: Ich glaube, dass… …Gott die Welt geschaffen hat, dass Jesus Christus sein Sohn ist, dass der Auferstandene wiederkommen wird, dass jeder sich am Ende vor Gott verantworten muss… usw. Der Vertrauensglaube hat mit dem Sich-auf-Gott-einlassen, ihm vertrauen, ihm sich anvertrauen zu tun. Also in dem Sinn: Ich traue Gott zu, dass er mich in dieser schlimmen Krise nicht verlässt, dass er mich wieder gesund werden lässt, dass er die Ungerechtigkeit, die mir gerade widerfahren ist, sieht und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht, dass Gottes Hand über und unter mir ist, dass er mir immer, wenn nötig einen Schutzengel schickt… usw. Sie kennen das.

Um dieses Letztere geht es den Jüngern in der kurzen Episode, die uns heute vorgegeben ist. Sie vertrauen Jesus. Sie trauen ihm zu, dass er ihnen einen solchen Glauben gibt, der sie befähigt, die bevorstehenden ganz schweren Zeiten und Krisen. Prüfungen und Herausforderungen zu bewältigen und zu überstehen. Denn genau über das lässt sich Jesus im Vorfeld ausgiebig aus. Zuerst erzählt er ihnen am Ende von Kapitel 16 die Geschichte vom armen Lazarus und dem erbarmungslosen Reichen und wie dieser nach dem Tod in der Hölle leidet und dann unmittelbar vor unserem Text prophezeit er den Jüngern bereits für dieses Leben heftigste Anfechtungen, krasseste Verführungen und extreme Erwartungen an sie. Z.B. sollen sie ihren Nächsten vergeben. Nicht nur den Pipifax, sondern auch die ganz großkalibrigen Verfehlungen und Gemeinheiten und das , wenn nötig sieben Mal am Tag – also immer – immer und immer wieder. Die Bitte der Jünger verstehe ich darum wirklich sehr gut: Herr, gib uns Glauben! Gib uns einen Glauben, der unlösbar mit dir verschweißt. Gib uns einen Glauben, der dir zutraut, was wir uns nicht zutrauen. Einen Glauben, der uns gelingen lässt, was du von uns erwartest. Wie gesagt, ich verstehe die Jünger, die diesen Wunsch an Jesus haben, gut. Das Problem liegt nun aber darin, dass sie damit in ein Schwarz-Weiß-Denken geraten: Gib uns den Glauben. So als hätte man ihn oder hätte man ihn nicht. Als gäbe es nur zwei Zustände: Glaube da – oder nicht da. Licht an oder aus. Weiß oder schwarz. Das aber korrigiert Jesus. Das kann er nicht so stehen lassen: „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann könnt ihr Bäume versetzen“. In der Parallelstelle bei Matthäus heißt es sogar: „Dann könnt ihr Berge versetzen“. – Eine Formel, die es sogar bis zur heute noch gebräuchlichen Redensart gebracht hat: „Der Glaube kann Berge versetzen“. Aber, wie gesagt, hier sind es nur Bäume – doch immerhin. Jesus will sagen: Beim Glauben gibt es nicht bloß schwarz weiß, sondern unterschiedliche Grautöne dazwischen. „Es reicht schon ganz wenig – also schon dunkelgrau – und ihr könnt Gewaltiges damit bewirken. Ein wenig erinnert das an den Pareto – Effekt oder die 80/20 Regel, wie man auch dazu sagt. Sie wurde vor gut 100 Jahren von dem italienischen Volkswirtschaftler Vilfredo Pareto entdeckt und besagt, dass in fast jedem Lebensbereich und in vielerlei Hinsicht eine Relation 20 / 80 wahrzunehmen ist. Eine Firma erreicht mit 20 % Aufwand 80 % ihres Umsatzes und muss für die fehlenden 20 % Umsatz 80 % Aufwand betreiben. Und auch im privaten Alltag: 80 % der Abnutzung eines Teppichs findet sich auf 20 % seiner Fläche; 20 % unserer Kleider im Schrank tragen wir zu 80 %… Überprüfen Sie das mal bei sich. Sie werden feststellen, dass das erstaunlich oft hinkommt und sich so verhält. Jesus spricht zwar hier nicht von 20 % Glaube, sondern eigentlich von viel weniger. Doch es geht in die gleiche Richtung: Kleine Ursache große Wirkung! Es reicht schon ganz wenig Glaube, wenn es richtiger Glaube ist, es reicht schon ganz wenig Gottvertrauen und Unglaubliches wird möglich – und wenn es mehr Glaube ist, umso besser! „Wer glauben kann, ist klar im Vorteil“. Das war auch so bei den Überlebenden jenes berühmten Flugzeugabsturzes im Oktober 1972 in Südamerika – auch bekannt als das „Wunder der Anden“. Es war eine kleinere Propellermaschine. An Bord sind 45 Menschen. 5 Besatzungsmitglieder und 40 Passagiere, bei denen es sich um eine sehr erfolgreiche argentinische Rugby-Mannschaft handelt. Sie sind auf dem Weg nach Santiago in Chile, zu einem Freundschaftsspiel. Dazu müssen sie die Anden überqueren, die dort bis zu 6000 m hoch sind. Durch einen katastrophalen und nie erklärten Navigationsfehler des Piloten wird der Sinkflug zu früh eingeleitet, die Maschine kollidiert mit einem Berggipfel und stürzt ab. Dabei und in der ersten Nacht sterben 17 Menschen. Einen Teil des Flugzeugrumpfes können sie als notdürftigen Unterschlupf nutzen. Aber sie müssen extrem kämpfen. Nach 8 Tagen hören sie im Radio, dass die Suche nach ihnen eingestellt worden ist, weil keinerlei Hoffnung mehr besteht. Zwei Lawinen gehen auf sie nieder. Sie haben kaum etwas zu essen. Schließlich machen sich die zwei körperlich fittesten auf, um das Unmögliche zu versuchen, nämlich das lebensfeindliche Hochgebirge ohne passende Ausrüstung zu Fuß zu überqueren, was ihnen schließlich gelingt. Nach 10 Tagen erreichen sie die Zivilisation. Und nach insgesamt 72 Tagen werden die 14 beim Wrack zurückgebliebenen Überlebenden gerettet. Am Ort des Absturzes wurde schließlich ein Kreuz mit der Aufschrift „Näher, mein Gott, zu dir“ als Gedenkmal aufgestellt. Das Unglück und die 72 extremen Tage haben die Überlebenden einander näher gebracht. Aber sie haben sie auch Gott näher gebracht.
Es gibt viele Beispiele dafür, dass Extremsituationen nicht nur die Betroffenen zusammenschweißen, sondern auch das Zutrauen in die eigenen Kräfte, Fähigkeiten und Möglichkeiten geradezu explodieren lassen. Und ganz oft machen Menschen in Extremsituationen auch religiöse Erfahrungen. Sie entdecken und entwickeln ihren Glauben: „Näher, mein Gott, zu dir“. Gottes Wort lädt uns heute ein, diesen Glauben zu entdecken, zu entwickeln, zu fördern, mit ihm zu leben, ihn einzubeziehen – nicht bloß oder erst, wenn es extrem wird, sondern einfach so. Heute Mittag, morgen früh, am Dienstag und immer weiter. Von Eugen Roth stammen folgende Zeilen: Ein Mensch denkt logisch, Schritt für Schritt.
Jedoch er kommt nicht weit damit.
Ein andrer Mensch ist besser dran:
Er fängt ganz schlicht zu glauben an.
Im Staube bleibt Verstand oft liegen –
Der Glaube aber kann auch fliegen!
Ja, liebe Gemeinde, das kann er, der Glaube. Er kann fliegen und verleiht Flügel – und dazu muss man nicht einmal klebrige Brause aus Österreich trinken. AMEN.

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