Es ist genug

Liebe Gemeinde!
Die Jünger von Jesus hatten das Gefühl, dass ihr Glaube zu klein wäre. Sie waren unzufrieden mit sich und ihrem Glauben.
So heißt es in unserem heutigen Predigttext im Lukasevangelium im
17. Kapitel:
Die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Das Bild mit dem Maulbeerbaum ist nicht ganz so bekannt. Eher kennt man die Redewendung: Glaube kann Berge versetzen. Auch bei uns in Deutschland gibt es Maulbeerbäume. Auf den Gartenseiten im Internet kann man Tipps zur Pflege lesen. Aber damals in Israel waren sie wohl deutlich mehr verbreitet als bei uns.
Für Maulbeerbäume ist es typisch, dass sie sehr hoch werden, sogar bis zu 20 Metern und dass sie eine große Baumkrone haben, bis zu 10 Meter breit. Das bedeutet aber auch, dass sie in der Erde fest verwurzelt sein müssen. Vor allem müssen sie sehr tief verwurzelt sein. Je tiefer und verflochtener das Wurzelwerk ist, um so höher können sie wachsen.
Um so einen großen Maulbeerbaum aus der Erde reißen zu können, braucht es wohl sehr viel Kraft und Aufwand.

Das Bild im Lukasevangelium ist eigentlich ein bisschen verrückt: Dass jemand zu einem Maulbeerbaum spricht: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer. Und der Maulbeerbaum gehorcht.
Wer würde denn so etwas zu einem Maulbeerbaum sagen? Allenfalls würde jemand seinen Maulbeerbaum umsetzen. Das täte aber kein Baum von selber. Schon gar nicht würde der Baum ins Meer wandern.
Das ist also alles ein bisschen wunderlich und weit her geholt.
Wahrscheinlich soll es so sein. Lukas will damit sagen: Wenn ihr Glauben habt, so klein wie ein Senfkorn, dann könnt ihr scheinbar Unmögliches bewirken. Dann ist es so, als würdet ihr mit einem Maulbeerbaum sprechen und der tut das, was ihr sagt. Es ist so, als würde der Glaube Berge versetzen.

Bei einer Apotheke findet sich folgender Satz im Schaufenster: „Unmöglich, sagt die Tatsache. Versuch es, flüstert der Traum.“
Hier sind es also die Träume, die Kraft geben, eine Situation zu verändern. Das ist bestimmt auch wahr so. Träume lassen uns über die Gegenwart hinaus sehen. Durch Träume entwickeln wir innere Bilder, die uns motivieren. Träume bringen uns auf Ideen. Sie sind manchmal wie Visionen. Sie zeigen uns, was werden könnte.
Ein Blinder hat mir erzählt, dass er manchmal den Eindruck hätte, er hätte etwas gesehen, was er aber theoretisch von seiner Sehfähigkeit her gar nicht gesehen haben könnte. Manchmal meint er genau zu wissen, welche Frisur ein Mensch hat, dabei könne er es gar nicht wissen, weil er gar nicht andere Menschen sehen könne.
So muss es wohl mit dem Glauben sein. Der Glaube ist manchmal unverständlich. Aus ihm kann etwas entstehen, was vorher unmöglich schien. Der Glaube ist immer auch ein Wunder. Deswegen ist das verrückte Bild mit dem Maulbeerbaum irgendwie faszinierend. Sogar ein großer starker Maulbeerbaum würde reagieren und sich umsetzen, wenn wir das durch unseren Glauben von ihm erwarten würden.
Glaube ist ja etwas, was noch über Träume hinaus geht. Gut, vielleicht spricht Gott auch mal durch Träume zu uns. Aber als evangelische Christin würde ich sagen: Diese Träume müssten sich immer an Gottes Wort messen lassen. Unser Glaube ist ausgerichtet auf Gottes Wort, auf das, was er zu uns sagt.
Glaube ist nicht: Ich halte dieses oder jenes für möglich. Glaube ist nicht: Ich glaube, dass das eventuell wahr sein könnte. Christlicher Glaube ist: Ich vertraue Gott. Ich halte an ihm fest. Ich will verbunden mit ihm leben, auf ihn hören und nach seinen Geboten leben. Ich bin bezogen auf Jesus Christus.
Glaube ist Sache unseres Willens, und gleichzeitig ist Glauben-Können Geschenk und Gnade Gottes. Durch unseren Glauben können Wunder geschehen. Und das sogar, wenn unser Glaube nur groß ist wie ein Senfkorn.

Ich verteile einmal die Senfkörner, die ich mit gebracht habe. Sie sind wirklich nicht gerade groß. Aber die Senfkörner zur Zeit des Neuen Testamentes sollen noch 10mal kleiner gewesen sein als diese Senfkörner hier. Und die Pflanzen, die daraus erwuchsen, sollen so groß gewesen sein wie Bäume- also auch anders als Senfpflanzen bei uns heute.
Wenn unser Glaube nur so groß sein braucht wie ein Senfkorn- was heißt das?
Das bedeutet: es ist genug- so, wie du glaubst. Du brauchst nicht denken: Das reicht nicht. Das ist viel zu wenig. Es ist gut so. Auch bei allen Zweifeln, die du hast- ein bisschen Glaube ist da, und damit wirst du etwas bewirken.

Kennen Sie/kennt Ihr die Erfahrung, dass jemand sagt: Es ist genug? Nur ein bisschen reicht? Ein bisschen Zeit? Ein bisschen Kraft? Ein bisschen Einsatz?
Eher kennen wir wohl das Umgekehrte: Streng dich mehr an! Setz mehr Zeit ein! Tu mehr!
Es ist wohltuend, wenn jemand zu uns sagt: So ist es gut. Das reicht, was du machst. Es ist vollkommen ausreichend, was du mit bringst.

Beim Sport sagte unsere Trainerin diese Woche: Ihr müsst nicht gleich in dieser Sportstunde den Pokal holen. Ihr habt noch viele Sportstunden vor euch. Sie stellt die Sportübungen immer in verschiedenen Varianten vor: leicht, mittelschwer, schwerer. Jeder kann dann aussuchen, in welcher Stufe er die Übungen machen will.

Eine Frau, die lange nicht in der Kirche war, sagte zu mir: Ich habe innerlich großen Abstand zum Glauben gewonnen. Aber ich will mich wieder ran pirschen. Ich will mal wieder zur Kirche gehen und es austesten, ob der Gottesdienst mir etwas gibt.

Das sind zwei Beispiele für die kleinen Schritte, die schon so viel verändern, auch wenn sie klein sind.

Ein bisschen Glauben kann schon große Auswirkungen haben. Glaube so klein wie ein Senfkorn.

Es gibt Situationen, wo wir uns schwer tun mit dem Glauben. Wenn Sorgen uns bedrücken, dann ist unser Glaube manchmal ganz klein.
Wenn wir den Unfrieden in dieser Welt sehen, besonders das große Leid zur Zeit in Syrien, dann können wir fast nicht glauben, dass es anders wird.

Aber es kann anders werden- bei uns und in der Welt. Mit einem senfkorngroßen Glauben wollen wir auf Gott vertrauen. Erstaunliches wird geschehen- Als wenn wir einem Maulbeerbaum sagen würden: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer. Und er würde es tun.

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