Der Schmetterlings-Effekt

Gnade sei mit und euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde, ich möchte mit einer Geschichte beginnen.
Im Mittelpunkt steht der kleine Trevor aus Boston. Obwohl: So klein ist er eigentlich gar nicht. Er ist immerhin schon elf, fast sogar zwölf. Da ist man eigentlich schon fast erwachsen. Zumindest meint man das manchmal. Aber Trevor ist ein zartes Kind, körperlich eher zu klein für sein Alter. Für Jungs wie ihn ist die Pubertät kein Zuckerschlecken.
Trevor ist elf Jahre alt, als der Sozialkundelehrer seiner Klasse eine Hausaufgabe gibt: „Überlegt euch, wie ihr die Welt verändern könnt und setzt es in die Tat um.“ Er ist neu an der Schule, er meint es gut. Er will seine Schüler Verantwortungsbewusstsein lehren. Aber er rechnet nicht damit, wie ernst ausgerechnet Trevor diese Aufgabe nimmt.
Der Elfjährige setzt mit dem „Glücksprinzip“ eine Bewegung in Gang, die ohne sein weiteres Zutun groß und größer wird.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht bei Lukas im 17. Kapitel:
Und die Apostel sprachen zu Jesus: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer! – und er würde euch gehorchen.

Relativ weit hinten steht diese Geschichte im Lukasevangelium, eingebettet in eine lange Rede Jesu. Unvermittelt erscheint zunächst auch im Zusammenhang die Bitte der Jünger, Jesu möge doch ihren Glauben stärken. Ob sie ahnen, was kommt? Oder haben sie das Gefühl, dass da doch noch was kommen müsste, ein Mehr für sie? Oder sind sie regelrecht „glaubensehrgeizig“ geworden? Wollen sie gerne Glaubenshelden, Vorbilder oder gar Propheten sein? Vielleicht möchten sie, dass Gott durch sie leuchtet, vielleicht wären sie gerne Licht für die Welt. Aber Jesus geht im Grunde gar nicht auf sie ein. Wenn ihr nur Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn – dann könntet ihr die Welt aus den Fugen heben, sagt er. Dann wäre euch nichts unmöglich.

An diesem Punkt begegnen sich die Geschichten von Trevor und die der Jünger. Trevor ist noch ein Kind, was möglich ist oder nicht, das lernt er im Ausprobieren.
Er geht an die Tafel, und die Augen der Mitschüler sind auf ihn gerichtet. „Das bin ich“, sagt er und zeichnet ein Strichmännchen. Und dann folgen drei weitere Strichmännchen direkt da drunter. „Und das sind drei Menschen, denen ich helfen werde“, erklärt er. Und dann malt er zu jedem von den dreien drei weitere. Das ist das Glückprinzip: Gib es nicht zurück, gib es weiter.

Ein simples Schneeball-Prinzip, werden Sie denken. Wir kennen das von unzähligen Aufrufen: Wenn du diese Karte innerhalb von acht Tagen an acht Menschen verschickst, bekommst du innerhalb von sechs Wochen 364 Karten zurück. Hat nie funktioniert. Was Trevor versucht, gleicht aber eher dem Schmetterlings-Effekt, der von einem Forscher namens Edward Lorenz entdeckt wurde. „Kann ein Schmetterling in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“, das war die Frage, die er aufwarf. Yes, he can, war die Antwort. Der Metereologe wies 1972 nach, dass bei bestimmten Systemen winzige Unterschiede in den Anfangsbedingungen im Laufe der Zeit zu starken Unterschieden im System führen können. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann eine Kettenreaktion in Gang setzen, die am Ende Ursache für einen Tornado in Texas ist.

Kleine Ursache, große Wirkung – das ist der Schmetterlings-Effekt. Dass es ihn tatsächlich gibt, wurde 1972 wissenschaftlich nachgewiesen. Und damit sind wir wieder beim Predigttext:
Der Glaube, und ist er auch klein wie ein Senfkorn, kann einen Maulbeerbaum in Bewegung setzen, sagt Jesus. Im Matthäus-Evangelium ist es sogar ein Berg, der sich auf Geheiß des Glaubenden ins Meer versenken würde.
Kann der Glaube wirklich Berge versetzen? Yes, he can, sagt Jesus. Er muss nicht einmal besonders groß sein, dieser Glaube. Klein wie ein Senfkorn, das reicht, zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Wenn euer Glaube auch nur wie ein Senfkorn wäre, dann könntet ihr die Welt verändern.
Ich stelle mir vor, dass er dabei lächelt. Wissend und ein bisschen traurig. Weil er weiß, wie schwer das manchmal ist mit dem Glauben. Weil er ahnt, wie sehr uns das Vertrauen in die eigene und in Gottes Kraft oft fehlt. Weil es zum Mäusemelken ist, wenn wir nicht einmal den Glauben so groß wie ein Senfkorn aufbringen. Weil die Welt bleiben wird wie sie ist, weil wir es einfach nicht auf die Reihe kriegen.

In meiner Geschichte hat auch der elfjährige Trevor zunächst nur mäßigen Erfolg. Er versucht, einem Obdachlosen in eine neue Zukunft zu helfen. Aber Sucht und Verzweiflung lassen ihn schon bald wieder in alte Verhaltensmuster fallen. Seine Mam ist alleine, er versucht, ihr einen neuen Partner zuzuspielen. Aber er muss feststellen, dass Liebe nicht machbar und nicht kalkulierbar ist. Bei seinem dritten Glücksversuch scheitert er an seiner eigenen Angst: Er schafft es nicht, dem gemobbten Mitschüler beizustehen. Er hat das Gefühl, versagt zu haben.

Ich kenn das. Versagen, das fühlt sich für ein Kind noch anders an als für uns Große. Als ich etwa so alt wie Trevor war, erlebte ich dieses Gefühl auch. Meine Familie hatte in der Bordelumer Kirche ihren Platz unter dem Krüzifix im Seitenschiff. Und wenn mir langweilig war im Gottesdienst – und mir war oft langweilig – dann schaute ich hoch zu dem Gekreuzigten. Ich kannte damals das Wort von dem Senfkorn schon und ich malte mir aus wie das wäre, wenn ich mehr glauben könnte. Dann könnte es mir doch sicher gelingen, dass eben dieser Jesus lebend vom Kreuz herabstiege. Es war einerseits ein Spiel: Ich versuchte, ganz doll zu glauben, wenigstens einen Moment lang. Aber es gelang mir nie. Aber andererseits fühlte ich das Versagen, und die Worte Jesu wurden in meinem Herzen zu einem Vorwurf: „Wenn euer Glaube nur so groß wie ein Senfkorn wäre……“
Aber ich glaube: So hat Jesus das Gleichnis nie gemeint. Er wollte uns nicht zu Glaubensleistungen anspornen, er wollte uns Mut machen. Denn nicht immer sehen wir die Wirkung dessen, was wir auslösen:

Vier Monate nach dieser denkwürdigen Sozialkundestunde wird 3000 Meilen entfernt in Los Angeles ein Journalist Glied der Kette, die Trevor in Gang gesetzt hat. Er erfährt völlig überraschend total selbstlos scheinende Hilfe in einer schwierigen Situation. Und wie Journalisten so sind: Er gibt keine Ruhe, er nörgelt und quengelt, er forscht. Er begegnet Menschen, die ein Wunder erlebt hatten und es getreulich weitergaben. Er bleibt am Ball, bis er herausfindet, wo die Bewegung ihren Anfang nahm, bis er zu Trevor findet und ihm erzählen kann von dem Wunder, das er ausgelöst hat.

„Stärke uns den Glauben“ – das ist die Bitte der Jünger. Und Jesus erzählt ihnen im Grunde von nichts anderem als dem Schmetterlingseffekt, der erst 2000 Jahre später entdeckt werden soll. Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer! – und er würde euch gehorchen. Kleine Ursache, klein wie ein Senfkorn, große Wirkung, groß wie ein Wunder. Er meint nicht: Nun strengt euch mal ein bisschen an! Mein Kinder-Ich hatte das Gleichnis völlig falsch verstanden. Was Jesus sagt, ist dies: Ihr braucht nicht Lichtgestalten des Glaubens zu werden. Ihr müsstet nur an einer Stelle einfach mal anfangen. Es braucht nicht mehr Glaubensgröße als die eines Senfkorns. Ihr könntet Berge versetzen mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings.

Ich gebe es zu: Die Geschichte von Trevor ist eine Fiktion, vom Kinofilm „Das Glücksprinzip“ ganz zauberhaft mit Helen Hunt und Kevin Spacey in Szene gesetzt. Dass Glaube Berge versetzen kann, das sagen wir manchmal so daher und denken an die kleinen Wunder des Alltags. Aber dass Menschen wie du und ich die Welt verändern könnten, das ist doch „nur“ eine Utopie, ein Traum, eine Unmöglichkeit, oder?
Kann der Glaube unsere Welt verändern?

„Yes, he can“, würde Jesus sagen. Euer Glaube kann jener berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings werden. Wenn er hier wäre, würde er seine Worte vielleicht ergänzen: Ihr habt es doch schon getan! Das soziale System, das ihr habt, ist unter anderem Frucht jahrhundertelanger Arbeit engagierter Christen. Der Glaube hat Berge von Knechtschaft und Gewalt versetzt, er wird auch das faschistische Geröll noch beseitigen – ihr seid auf einem guten Weg.
Es ist alles da, sagt Jesus. Ihr braucht nur Mut und Gottvertrauen. Euer Glaube kann die Welt verändern, ihr müsst es nur versuchen.

Kann mein Glaube, kann dein Glaube die Welt verändern?
Yes he can, sagt Jesus. Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Orkan in Texas auslösen. Und dein Glaube oder meiner kann – und sei er noch so klein – Berge versetzen. Denn: Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt, da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in unsere Welt.
Amen.

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