Die Dosis macht das Gift!

Die Dosis macht das Gift. Oder anders gesagt: „Je wirksamer ein Medikament bei rechtem Gebrauch, desto gefährlicher ist es als Gift, wenn man es falsch anwendet!“ (Vgl.: E. Drewermann: Zwischen Staub und Sternen, München 1995, S. 194).

Recht angewandt kann ein Medikament dabei helfen zu heilen. Überdosiert kann es dem Menschen schaden, ihn vielleicht sogar töten.

Das gleiche Wirkungsspektrum haben Worte. Sie können helfen, wenn sie aufbauen; sie können aber auch schaden und vernichten, wenn sie den anderen klein machen.

Worte. Falsch angewandt können sie gefährlich sein. Oder sie können Angst machen. Auch religiöse Worte sind davor nicht gefeit. Ein Paradebeispiel für diese Gefahr liefert der heutige Predigttext:

[TEXT]

Manche charismatischen, freikirchlichen und manchmal auch sehr fromme Menschen leben in der Gefahr, sich und anderen immer wieder den Mut machenden Boden der Botschaft Jesu zu versagen. Lieber stürzen sie sich und andere in die Tiefe der unbarmherzigen Gewissheit, dass ihr Glaube nicht ausreicht. Trifft jemanden eine Krankheit, ein Unglück, geht etwas schief im Leben, klappt es hinten und vorne nicht, dann kann man in und aus diesen Kreisen oft hören: „All deine Schwierigkeiten entstehen daraus, dass du nicht genügend glaubst. Vertraue nur fest und das Unmögliche wird wahr. Gott kann alles, du musst dich nur auf ihn einlassen; Gott ist gut, er wird dir beistehen, verlass dich nur ganz fest darauf.“ (Vgl.: E. Drewermann, Ebd.)

Ich halte fest, das Gegenteil von gut ist gut gemeint! Und hinzukommt, dass die Menschen, die so argumentieren, Jesus an dieser Stelle völlig falsch verstehen. Entgegen aller Überfrachtung menschlicher Hoffnung ist mit dem Ausruf „stärke unseren Glauben!“ eben nicht auch der Aufruf zur Erschaffung eines „Klimas illusionärer Erwartungen“ erfolgt, in dem dann auch zwangsläufig bittere Enttäuschungen wachsen. (Vgl. E. Drewermann, a.a.O., S. 195).

„Stärke unseren Glauben“ ist – ganz im Gegenteil – der Versuch, einen nüchterneren Blick auf die Dinge anzuwenden. Alles andere wäre die Umkehrung dessen, was Jesus eigentlich will. Denn der Mann aus Nazareth überzeichnet mit seiner schroffen Antwort ja alle menschlichen, bisweilen über die Maßen phantastischen, Erwartungen und Vorstellungen.

[5] Stärke uns den Glauben! [6] Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

Wie soll das gehen? Einem störrischen Maulbeerbaum zu befehlen, dass er sich im Meer verwurzeln solle? Allein die Schwierigkeit, dass sich der Baum in den Wellen verwurzeln soll, führt dieses Bild, diese Aufforderung, ad absurdum.

Jesus macht das großartig, wie er sich den Erwartungen der Jünger mit einer gänzlich unerfüllbaren Erzählung über den Glauben in den Weg stellt. „Stärke unseren Glauben“ ist die Ausgangsbitte der Jünger und Jesus hört genau hin und malt sein Bild gegen alle Überladung und Überfrachtung der menschlichen Seele. Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker. Oder ihren Heiland, denn der hat gleich erkannt, auf welch dünnes Eis sich die Jünger da begeben.

In seiner Antwort steckt darum auch kein versteckter Lehrsatz. Die tiefe Wahrheit seiner Aussage vom Maulbeerbaum und vom Meer ist nicht begründet in der glaubenstechnischen Unzulänglichkeit oder in der mangelnden Qualität des Glaubens der Jünger. Wie könnte das auch sein? Wer glaubt, man habe durch irgendeine Handlung seiner selbst Einfluss auf den lieben Gott, der irrt sich sowieso. Gott ist Gott und nicht durch uns oder eine unserer Handlungen beeinflussbar.

Die Jünger aber quält diese Frage. Sie wollen Sicherheiten und sind damit gar nicht so weit entfernt von uns. Ihre etwas unbeholfene Ausdrucksweise nimmt Jesus auf und gibt in überzeichneter Form wider, was er gerade nicht unter einem starken oder – noch schlimmer – dem richtigen Glauben versteht.

Denn: Der Wunsch nach Sicherheit, nach Stärkung im Glauben ist gerade nicht Ergebnis „einer Haltung der Stärke, die immer noch mehr für sich fordert, um gegenüber allen Wechselfällen des Lebens gewappnet zu sein, sondern er ist der Ruf nach einem wirklichen Halt, an den wir uns klammern können, wenn um uns her alles wackelt oder uns der Boden unter den Füßen weg bricht.“ Ein Glaube, so verstanden, ist, „da die eigenen Beschränkungen so spürbar sind, die Sehnsucht nach Gott, der größer ist als unsere Grenzen und der die Macht der Angst und des Todes überwindet.“ (Vgl.: M. Hein, 15. Sonntag nach Trinitatis, Berlin 16.09.2007, Predigt über Lukas 17,5-6).

Und Jesus legt nach und schiebt den falschen Vorstellungen gegenüber der eigenen Leistung in Glaubensdingen einen Riegel vor, wenn er deutlich macht, dass es schon ganz gut wäre, hätten die Jünger Glauben wie in der Größe eines Senfkorns. „Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn …“ „Mehr wäre gar nicht nötig als dieses Grundvertrauen in die Allmacht und Barmherzigkeit Gottes. Alles andere: Im Glauben gestärkt zu werden, den Glauben zu mehren, ja selbst im Glauben zu wachsen ist dann zweitrangig.“ (Vgl. M. Hein, Ebd.).

Es geht also in diesem Gleichnis gar nicht darum, wer den größten, den besseren, den stärkeren Glauben hat. Und es geht auch nicht darum, wer richtig geglaubt hat oder wer nicht. All das sind keine Dimensionen in denen dieser Text denkt. Vielmehr geht es um die Ermutigung. Und die geschieht ganz nüchtern.

In die Geschichte um die Bitte „stärke unseren Glauben“ und der verhängnisvollen Auslegungstradition gerade in Zeiten menschlicher Not und Bedrängnis (du musst nur mehr Glauben, und dieses mehr und jenes mehr tun, dann wird das schon…) hat Jesus, sehr charmant, eine Bremse eingebaut. So lange ist er nun schon mit seinen Jüngern unterwegs und noch immer haben die nicht begriffen, dass es nicht darum geht, wie viel ich tue. Gottes Gnade und Barmherzigkeit, so hat er es doch jetzt schon so oft gesagt, liegen nicht an meinem Können. Darum vielleicht die etwas harsche Antwort: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen… aber den habt ihr ja nicht, so könnte der Satz weiter geschrieben werden. Ihr habt ja nicht mal Glauben wie ein Senfkorn!

Jesus macht das sehr geschickt: Seine nüchterne Antwort, seine Zurechtweisung, schützt die Fragenden. Er „weist einen erhöhten und nicht einlösbaren Selbstanspruch zurück“ und „verwehrt sogleich den Ausweg auf die bequeme Rückzugsposition – die gleichwohl ein wenig lamentierend ist – wenn man stärker im Glauben wäre, würde man auch Bemerkenswerteres vollbringen.“ (Vgl.: A. Albrecht-Heide, Assoziationen, Bd. V, Stuttgart 1982, S. 165).

So verstanden steckt in Jesu Worten keine Überforderung, kein kleinmachendes Element, kein Gift, sondern Ermutigung. Es ist also ein kraftspendendes Gleichnis, weit weg von allem, was Menschen einander so sagen, um sich klein zu halten.

„Jesus lobt nicht den großen Glauben, sondern den kleinen, der sich gar nichts auf sich einbilden kann. Dieser „kleine Glaube“ ist freilich kein „Kleinglaube“, der Gott überhaupt nichts mehr zutrauen würde. Im Gegenteil! Der kleine Glaube, nur so groß wie ein winziges Senfkorn, lebt aus dem Vertrauen und aus dem Wissen, tatsächlich alles von Gott erwarten zu können. Weil er klein ist, kann er auf Großes hoffen. Und die das in aller Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit tun, sind die wahren Glaubenshelden! „Stärke uns den Glauben“, das bedeutet also im Sinne Jesu: Wir bleiben auch als Christen stets darauf angewiesen, dass Gott uns erst überhaupt die Kraft zum Glauben schenkt und unsere aufgescheuchten Seelen und unruhigen Herzen mit seiner Nähe und seiner Verheißung erfüllt. Wenn wir bei all den Fragen, die das Leben uns vor die Füße legt, den Glauben an Gott bewahren, ist das kein Akt eigener menschlicher Stärke und Selbstbehauptung, sondern dann verdanken wir das allein der Liebe Gottes.“ (Vgl.: M. Hein, a.a.O.) Es heißt darum nicht, du glaubst nicht genug, sondern es heißt, dein Glaube darf vertrauen auf Gott.

Denn unser Glaube, das wird in vielen christlichen Kreisen gerne verdrängt, ist keine menschliche Leistung. „Immer ist er die Gabe eines wundervollen Vertrauens, dass wir in allem, was uns begegnen mag, von Gott gehalten sind – im Leben wie im Sterben. Dieses Vertrauen mag klein und zaghaft sein, und dennoch reicht es aus, das Unmögliche möglich werden zu lassen und mitten in aller Erschütterung einen festen Ort zu finden. Die kleine Kraft reicht aus für das große Wunder! „Sola fide“ – „Allein aus Glauben“: Das gilt auch hier.“ (Ebd.)

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