Traum oder Wirklichkeit?

Jakob, das ist der mit dem schlechten Ruf, der Betrüger. Ein Muttersöhnchen, der seinen Vater und seinen Bruder mit Hilfe der Mutter betrogen hat. Der Enkel Abrahams, der Sohn Isaaks, der Bruder Esaus. Das berühmte Linsengericht, dass er seinem Bruder kochte, das Verkleidungsschauspiel für seinen sehbehinderten Vater. Wir kommen nicht drum herum. Dieser Jakob war kein Guter, auch wenn er zu den Stammvätern unseres Glaubens gehört. Aber vielleicht gehört das zu den Grundzügen unseres Glaubens, dass Menschen weder nur gut, noch nur böse sind. Wir sind halt noch nicht im Paradies. So richtig gut und erlöst ist die Menschheit noch nicht.

Aber diesem Flüchtigen passiert in der Wüste Folgendes:

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Ist es ein Traum? Oder ist es Wirklichkeit. Das lässt sich nicht genau sagen. Es ist vor Allem eine Offenbarung. Jakob sieht die Wirklichkeit Gottes, die ihm als demjenigen gilt, der mit dem Segen seines Vater gespielt hat, als demjenigen, der auch die Existenz der Verheißung Gottes leichtfertig aufs Spiel gesetzt hat. Auch für ihn ist der Himmel offen. Gerade ihm gegenüber werden Segen und Verheißung Gottes erneuert.

Das ist ein Wunder, das unter den Menschen selten ist: Dass gerade dem Übeltäter eine solche Begegnung ermöglicht wird. Dass gerade diesem Menschen, der vor der gerechten Strafe davon läuft der Himmel offen steht. Er hatte durch seinen Betrug den Schutz der Sippe, der Familie verloren, aber auch den Schutz Gottes und hier in der Wüste findet er ein neues Haus Gottes.

Vielleicht gibt es der Herr ja wirklich den Seinen im Schlaf. Auf jeden Fall aber gibt der Herr niemanden verloren, sondern er will jedem Menschen begegnen.

Das Erwachen aus dem Traum steht im Mittelpunkt. Die Bilder für sich genommen haben keinen hohen Stellenwert. Es sind Bilder, mehr nicht. Der Traum gewinnt erst dadurch seine lebenbejahende Kraft, dass Jakob aufsteht. Dieser Traum ist kein Phantasiegeschehen, sondern Offenbarung Gottes, die Leben verändert – auch dass Verpfuschte. Diese Offenbarung Gottes lebt davon, dass der Empfänger der Offenbarung reagiert. Er muss erwachen aus seinem Traum, aufstehen und das, was er gesehen hat annehmen. Dazu gehört erst einmal, dass aus diesem Ort ein Heiligtum wird: Bethel = Haus Gottes. Aber dazu gehört auch das Erstaunen: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!

Aber am Wichtigsten ist, dass er sich von diesem Erlebnis in einen neuen Lebensstil rufen lässt. Dass er lernt, dass Gott nicht ausrechenbar ist und dass auch er nach diesem verpfuschten Lebensabschnitt nicht verloren ist.

Da sieht er eine große Leiter, auf der Engel auf- und absteigen könne, ohne sich zu gegenseitig zu behindern. Da wäre vielleicht auch Platz für ihn. Aber Jakob verspürt keine Lust hochzusteigen. Er will Brot essen, Kleider anziehen und in Frieden sein Leben gestalten. Er hat den Ort gefunden, wo Himmel und Erde sich berühren. Und an diesem Ort spürt er, dass sein Leben neue Energie gewinnt. Nicht nur der Ort wird verändert durch Altar und neuen Namen. Jakob selber wird verändert, weil er sich von Gott verändern lässt.

Eigentlich passiert in der ganzen Geschichte ja nichts. Da hätte jemand direkt dabei stehen können. Es wäre ihm nichts aufgefallen. Jakob schläft, wird wach und baut einen Altar und zieht weiter.

Aber für Jakob ist doch so viel passiert: Der Himmel ist geerdet. Gott hat eine Verbindung eröffnet. Und mit dieser Verbindung kann er sein Leben gestalten, auch als Mensch, der gesündigt hat. Er findet einen neuen Zugang zu Gott in Bethel, weil Gott sich finden lassen will. Die Bewegung geht von Gott aus. Jakob kann sie sich nur gefallen lassen. Und von dieser Begegnung her sein Leben neu gestalten lassen. Bethel ist erst einmal kein Ort, wo der Mensch Gott sucht, sondern wo Gott den Menschen sucht, um seine Verheißung, trotz allem was geschehen ist, zu erneuern. Das Haus Gottes kann mitten in der Gottesferne stehen, da wo ich nur noch fortlaufen möchte, da öffnet mir Gott eine neue Sicht und lässt mich neu den Problemen meines Alltags begegnen: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht.

Nach dem Verlassen des Vaterhauses bietet ihm allerdings auch das ‚Haus Gottes‘ keinen dauerhaften Ort. Einen Altar baut er, nicht Haus und Hof. Wie es in der Jahreslosung heißt: Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.

Er geht weiter, aber nun weiß er sich von Gott begleitet und ist auf dem Weg, sein Leben als Gesegneter Gottes zu führen. Über Bethel steht der Himmel offen. Aus ihm kommt der Segen: ‚Ich bin mit dir’! auch auf Um- und Abwegen

Er brauchte diesen Traum, um sich bewusst zu werden, dass dieser Gott, dem schon seine Vorfahren gehorcht haben immer bei ihm ist, auch wenn er untreu wird. Und Gott braucht ihn, um die Abraham-Verheißung zu erneuern. Gott ist frei genug auch die gefallenen Sünder zu berufen, das heiß aber nicht umgekehrt: mach, was du willst, Gott beruft dich.

Heilige Orte als solche gibt es nicht, aber Orte wo man sich Gott besonders nahe fühlt. Ein heiliger Ort ist der Ort, wo ich Gott nahe bin, wo ich Gottes Zuspruch und Anspruch spüre. Ein heiliger Ort ist für mich darum auch nicht diese Kirche. Aber die Versammlung von Schwestern und Brüder, die miteinander Gott loben und danken und für die Menschen beten und handeln. Das ist ein heiliger Ort in diesem Gebäude aus Stein.

An diesem Gebäude dürfen wir bauen. Der Himmel steht uns offen. Und die Erde ist unser Feld.

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