Der Himmel will leuchten!

Liebe Gemeinde,

als ich unseren heutigen Predigttext zum ersten Mal las, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Endlich! Endlich habe ich die Bibelstelle gefunden, die eindeutig beweist, dass man mit der Bergpredigt doch Politik machen und ein Gemeinwesen, ja sogar Großkonzerne führen kann. Nehmt die Bundesregierung, das Finanzamt, die Stadtverwaltung, das Kirchengemeindeamt, das Postamt und besonders die Deutsche Telekom. Ist euch da noch nie aufgefallen, dass dort gar nicht selten genau das passiert, was Jesus in den Versen der Bergpredigt fordert? Da weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut. Oder noch besser: Wie oft hat man den Eindruck, dass dort so mancher zwei linke Hände hat, die beide herzlich wenig wissen?

Scherz beiseite. Selbstverständlich sollten wir auch als Christenmenschen darauf bestehen, dass für alle, die ein weltliches oder kirchliches Amt ausüben, gilt: Er oder sie sollte wissen, was er oder sie tut und zwar beidhändig. Wer Gutes tut oder etwas gut macht, sollte darüber reden dürfen. Es könnte ja eine Hilfe sein für all die, die immer das Richtige tun, nachdem sie alles Falsche ausprobiert haben. Womit ein Problem angesprochen ist, unter dem wir alle manchmal leiden: Dass wir so richtig gut aufgestellt sind und so richtig Gutes denken, reden und tun – und keiner merkt’s. Statt dass es den anderen wie ein Evangelium durchs Herz geht, sie sich vor mir niederwerfen und geloben, Buße zu tun und forthin genau das gleich Gute zu machen, erscheint ein mickriger Artikel in der Zeitung, gleich neben der Meldung über die phantastischen Zuchterfolge des Kleintierzüchtervereins. Ist es da ein Wunder, dass auch der Gutmensch dann und wann von Selbstmordgedanken geplagt wird?

Wieder Scherz beiseite. Aber warum eigentlich? Zumindest an dieser Stelle kann man Jesus den Kabarettisten nachweisen. Natürlich wurden in jüdischen Synagogen und auf jüdischen Gassen größere Spenden nicht vom Posaunenchor bekannt gegeben – auch wenn ich höre, dass das heute wieder vorgeschlagen wird. Die deutschen Christen in der Nazizeit hatten bekanntlich keinen Humor und haben das für antijüdische Propaganda benutzt und sich damit nicht nur lächerlich gemacht, sondern schwer versündigt. In dieser Gefahr stehen übrigens alle, die keinen Humor haben und nicht so dann und wann auch über sich selbst lachen können.

Jesus von Nazareth, der Bergprediger und Jude, kann das. Tue Gutes und rede darüber. Jesus verbietet es nicht. Er gibt es der Lächerlichkeit preis. Er gibt die der Lächerlichkeit preis, die statt in den Himmel, lieber ins Fernsehen kommen wollen. Das ist hoffentlich ein befreiendes Lachen für all die, die so verzweifelt um die Lufthoheit vom Stammtisch über die Medien, bis in die Gremien der Kirche kämpfen, mit gute Figur machen, bis zum Kuschen und Stiefellecken, und vielleicht – nein bestimmt – irgendwann daran zerbrechen. Keiner hört’s, keiner sieht’s, keiner merkt‘s.

Falsch, sagt der Christus, Gott sieht’s. Und wir sehen ihn im Markusevangelium Kapitel 12 im Tempel. Psst!, ruft er seine Jünger herbei und zeigt auf eine arme Witwe, die gerade einen Cent in den Gotteskasten wirft, unter all den anderen markengekleideten Besuchern, die schon ein paar Euro übrig haben. Neben allem anderen, sagt diese Geschichte den Jüngern: Der Christus sieht’s. Gott sieht’s.

Wenn einer am Bett eines Sterbenden in der Nacht ausharrt; wenn einer Zeit übrig hat, um sich mit offenen Ohren einem Besorgten und Beladenen zuzuwenden; immer wenn etwas geschieht, was hilfreich und heilsam ist, ohne dass es dem Fernsehen oder der Zeitung eine Meldung wert wäre, dann können wir uns darauf verlassen, dass Gott im Himmel Psst! sagt und die Engel herbeiruft, damit sie mit gucken, bis ein Nicken und Leuchten vom einen Ende des Himmels bis zum anderen geht.

Ich warte schon drauf, dass jetzt einer sagt: Ha, das ist Werkgerechtigkeit! Da können wir ganz gelassen bleiben. Denn das Nicken und Leuchten von einem Ende des Himmels bis zum anderen hat mit einer verdienten Gerechtigkeit nicht das Geringste zu tun. Denn die Aufmerksamkeit Gottes, seine Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit (Epheser 5,9), die hat die Witwe schon, bevor sie ihr Scherflein in den Gotteskasten wirft. Wie anders könnte der Christus sie zum Vorbild für seine Jünger machen? So viel Gottvertrauen und Freigiebigkeit, wie sie an dieser armen Frau sichtbar wird, ist nicht der Grund, sondern die Folge der Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit Gottes. Gut und gerecht werden und sind wir durch die liebevolle Zuwendung Gottes. Er wendet uns seine Gerechtigkeit zu. Was im Vertrauen darauf im Großen und Kleinen durch uns auf dieser Welt geschieht, hat den Beifall der Engel und unseres himmlischen Vaters, der in das Verborgene sieht. Kann es schöneren Lohn geben?

Darum achtet auf eure Frömmigkeit, übersetzt Luther. „Dikaiosyne“ steht da im griechischen Text. Achtet auf eure Gerechtigkeit. Achtet darauf, dass eure Gerechtigkeit nicht wieder in die falschen Zusammenhänge kommt! In die Zusammenhänge der Selbstrechtfertigung und Selbstgerechtigkeit, in der die rechte Hand der linken erzählt, wie gute und große Dinge sie getan hat. In die Zusammenhänge der Rechtfertigung vor dem verehrten Publikum und den Großkopferden dieser Welt. Ja, nicht einmal in die Zusammenhänge des weltlichen und kirchlichen Rechts und seiner Gerichtsbarkeit.

Die Frauen und Männer der Bekennenden Kirche haben vor dem Hintergrund drohender böser Geschichte in der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 in der These 2 festgehalten: „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.“

Hier geht es um den letzten Horizont, den tiefsten Anker unseres Lebens als Christenmenschen. Es geht um unser Vertrauen zu Gott in allen Dingen. Ihn sollen wir, so Martin Luther, über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Das ist keine Abwertung all dessen, was in unserer Welt selbstverständlich gut, heilsam, wohltätig und gerecht zu nennen ist. Ja, Gottes Anspruch an unser Leben ermuntert uns, all das im Sinne des Evangeliums noch besser, noch heilsamer, noch wohltätiger und gerechter zu machen. Wer wollte behaupten, dass das nicht nötig wäre?

Seinen Bestand aber hat alles, was wir sind und tun, allein in Gott. Für das Almosengeben bedeutet das, dass die linke Hand gar nicht wissen muss, was die rechte tut. Beide Hände dürfen herzlich uninteressiert daran sein, ob ihnen die andere Hand oder andere Hände Beifall klatschen, ob sie nun ins Fernsehen kommen oder ihnen die Benachrichtigung über die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes aus dem Briefkasten flattert.

Auf solchen Jubelfeiern, wie sie auch bei Kirchens zu Zwecken der Werbung und Wertschätzung in immer kürzeren Abständen und aus immer weniger triftigen Gründen stattfinden, macht sich der Gott, der ins Verborgene sieht, eher rar. Denn dort können die Menschen besser ohne ihn ihren Spaß haben. Und danach sind sie quitt, der Lohn ist dahin und der Käse gegessen.

Unseren himmlischen Vater interessieren offensichtlich andere Dinge: Zum Beispiel, wie seine zur Welt gekommene Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit Frucht bringt in Form von Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Und so schläft und schlummert er nicht, sondern sieht mit seinen Engeln fern – und zwar in die fernsten und verborgenen Winkel der Welt. Und sieht, was das Fernsehen nicht interessiert und der Frankenpost keine Meldung wert ist. Sieht, wie da einer am Bett eines Sterbenden sitzt über Nacht – der gar nicht weiß, dass da mit ihm die himmlischen Heerscharen sitzen und schauen. Und ein Nicken geht durch die Reihen der Engel und ein Leuchten von – ja, das sagten wir schon. Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, der Himmel will leuchten!

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