Authentizität und Sponsoring

Das ist das Ende allen Sponsorings. Wenn du also eine Tat der Barmherzigkeit tust, so lass sie nicht vor dir her posaunen.
Telecom, Adidas, Allianz, Monsanto, Vattenfall – alle, die spenden, um ihren Namen groß am Spielfeldrand zu sehen und am Abend im Fernsehen zu erscheinen, dürfen das gern weiter tun. Aber ohne Logo und Firmennamen. Gespendet wird nicht, um groß rauszukommen, sondern um der Sache willen.Versicherungen und Banken unterstützen die Schulen mit Arbeitsheften für Mathe und Sozialkunde, ohne daß den Kindern suggeriert wird, ein Sparkonto bei der Bank oder der frühzeitige Abschluß einer Renten- oder Lebensversicherung sei völlig selbstverständlich, trendy und tauche ihre Zukunft in strahlendes Sonnenlicht.
Die Bundeswehr, wenn sie sich am Projekttag beteiligen darf, rückt ohne ihre tolle Technik mit den vielen Knöpfen und Hebeln an. Stattdessen zeigt sie Bilder zerstörter Städte, spricht mit den Jugendlichen über posttraumatische Belastungsstörungen und bringt einen Scheck mit, damit in der nächsten Stunde Friedensgruppen über Möglichkeiten der gewaltfreien Konfliktbearbeitung referieren und ein Antiaggressionstraining anbieten können.
Und dann sind da die Werbepsychologen, die daran tüfteln, wie eine Marke schon bei Kleinkindern im Krippenalter positiv besetzt werden kann, auf daß sich die Produktbindung früh und tief im Unbewußten verankere und fortan ein Leben lang halte. Sie alle verlieren ihr Aufgabenfeld und stehen fortan als Therapeut_nnen zur Verfügung für Kinder in Kitas, für Supervision der Erzieher_nnen und Arbeit mit den Eltern. Das Geld kommt von ihren bisherigen Arbeitgebern, von Haribo, Microsoft, Vodafone, Wrangler und Levis.

Klingt utopisch und Sie schütteln die Köpfe? Das zeigt, wie uns in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß es Spenden ohne Gegenleistung nicht gibt. Summen fließen nicht uneigennützig in Kultur, Sport, gemeinnützige Projekte oder für soziale Zwecke. Sondern sie dienen der Imagepflege, sollen neue Kund_nnen gewinnen und die Bindung zu den bisherigen stabilisieren. Sie helfen, in der Öffentlichkeit ein gutes Klima für umstrittene Vorhaben zu bereiten und lenken geschickt die Aufmerksamkeit weg von den Schattenseiten des Unternehmens.
Aus dem gleichen Grund wollen manche ihren Namen gerade nicht so gerne in der Zeitung sehen, wenn erhebliche Geldsummen fließen für ein angeblich unabhängige Gutachten oder an eine Partei, die dann die Steuern für Hoteliers senkt.

Spenden sollen um ihrer selbst willen gegeben werden, um Menschen in Not tatsächlich zu unterstützen, und nicht, um sie zu instrumentalisieren. Es geht um die Sache, nicht darum, gut dazustehen. Auch im Kleinen. „Lass deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte macht, damit dein barmherziges Tun unauffällig bleibt.“

Um die Zeitenwende, als Jesus lebte, gab es in Israel keine großen Unternehmen. Die Sorge um das Image kannten die Leute sehr wohl, und wir kennen sie auch. Wie stehe ich in der Öffentlichkeit da? Was denken andere über mich? Diese Frage beschäftigt die meisten Menschen – vielleicht sogar mehr, als wir uns klarmachen. Das Bild, das sich andere von uns machen, ist uns wichtig. Jugendliche orientieren sich oft an Gleichaltrigen, denn für die meisten käme es einer Katastrophe gleich, wenn sie in ihrer Schulkasse unten durch sind. Und auch den Erwachsenen ist sehr daran gelegen, daß sie einen guten Eindruck hinterlassen: auf der Arbeit kompetent, in der Nachbarschaft ordentlich, bei den Bekannten umgänglich, interessiert, bewandert, lässig oder technisch bewandert – je nachdem, in welchen Kreisen sie sich bewegen und welche Werte dort eine Rolle spielen.
Wer traut sich schon, nicht perfekt zu sein und (vermeintliche) Schwachstellen zu zeigen? Das macht verletzlich.
Kein Wunder, daß wir gern in angenehmem Licht erscheinen wollen. Die Befürchtung, nicht gut dazustehen, macht unsicher und unfrei.

Doch einige polieren ihr Bild tatsächlich auch bewußt auf: Sie spenden, damit es die richtigen Leute sehen. Sie engagieren sich in Vereinen oder Ausschüssen und wollen im Hintergrund Macht ausüben und ihre Position ausbauen. Jemand übernimmt effektvoll den Vorsitz und läßt andere die ganze Arbeit machen. Oder spielt sehr geschickt eine Rolle als sozial engagiert, besonders religiös oder integer und entpuppt sich zu Hause als kleinlich, egoistisch oder sogar gewalttätig.

„Achtet darauf, daß euer gerechtes Handeln nicht mit der Absicht öffentlich erfolgt, euch zur Schau zu stellen. Sonst habt ihr keinen Lohn bei Gott.“
Bei der Scheinheiligkeit, die Jesus anspricht, geht es im Grunde darum, ob wir uns aufwerten müssen und wie sehr wir abhängig davon sind, was andere von uns denken. Dahinter steckt die Frage: Welchen Halt habe ich als Person in mir? Wie sehr bin ich in meinem Inneren bei mir selbst? Wie tief reichen meine Wurzeln? Wenn ich Grund habe in mir, brauche ich auch nicht auf allen Hochzeiten zu tanzen und mir dadurch selbst zu versichern, wie wichtig und unersetzlich ich bin.

Bei der Taufe sagt Gott zu uns: Du bist meine Tochter. Du bist mein Sohn. Jeder Mensch ist kostbar und einzigartig. Wir müssen uns Annahme und Liebe nicht täglich mühsam erarbeiten, indem wir eine glanzvolle Nummer abziehen. Sondern wir können es – hoffentlich – erfahren, durch Eltern, durch Freund_nnen und Weggefährt_nnen; und wir können unserer Umgebung mit solcher Wertschätzung begegnen.

Die Worte von Jesus können ein Anstoß sein, daß wir uns immer wieder einmal selbst hinterfragen: Wie sehr orientiere ich mich an dem Eindruck, den ich bei anderen hinterlasse? Und, zum zweiten, welche Motive treiben mich an, in meinem Beziehungen, wenn ich mich engagiere, bei dem, was ich jeden Tag tue?Gott will uns helfen, daß wir frei werden – und daß wir uns einbringen für eine Welt, in der alle Menschen Freiheit und Glück erleben können.

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