… fromm zu sein dagegen sehr!

Sie hatte ihr Leben lang hart gearbeitet. Allerdings hatte sie dabei nie die Zeit, sich wirklich über das Alter Gedanken zu machen.
In den ersten Jahren war sie froh, wenn sie die Mäuler der Kinder gestopft bekam. Schließlich hatte sie niemanden, der ihr dabei zur Seite stand, ihr Mann war aus dem Krieg nicht zurückgekommen und oft arbeitete sie nur für das Brot, das sie abends mitbekam. Aber das ging vielen anderen ja auch so. An Kleben für die Rente war dabei gar nicht zu denken. Später reichte es gerade so, um die über die Runden zu kommen, so waren die Zeiten eben, und sie war froh, dass sie allen Kindern eine Schul- und Berufsausbildung ermöglichen konnte, sie sollten es wenigstens besser haben. Aber an das Alter konnte und wollte sie immer noch nicht denken. Als es dann so weit war reichte es wieder vorn und hinten nicht, aber immer wenn die Kinder anfingen, davon zu erzählen, dass sie doch ein Recht auf Unterstützung, auf Befreiung von den Rundfunkgebühren oder auf Wohngeld hätte, gerade nach so einem entbehrungsreichem Leben, erwiderte sie immer wieder zornig: ich brauch und ich will keine Almosen.
Bloß nicht abhängig sein, bloß nicht geschenkt bekommen…
Almosen, das waren in ihren Augen milde Gaben, gnädig und damit von oben herab gewährt, für die man dankbar zu sein hatte und auf die es kein Anrecht gab – und sie hatte ein Leben lang alles mit ihrer Hände Arbeit erarbeitet.
Wenn am Sonntag im Dorf Gottesdienst war, hatte sie dennoch immer etwas für die Kollekte in der Jackentasche. Aber ihr war es immer sehr wichtig, in welches Körbchen sie ihre Gaben legte. Da gab es eines für die sogenannte amtliche Kollekte. Mancher Kollektenzweck leuchtete ihr durchaus ein, manches war ihr sehr fremd und sehr fern, da fiel es dann schwer, leichten Herzens den Opfergroschen hineinzulegen. Aber beim zweiten Körbchen wusste sie immer, dass hier für die eigene Gemeinde, die eigene Kirche im Dorf gesammelt wurde. Da gab sie gerne und leicht. Manchmal ist man sich selbst eben doch der oder die Nächste und an den Kollekte merkte sie, dass es anderen ähnlich ging und sie lieber für hier als für dort, nämlich für die Fremden oder für die Fremde, zu sammeln.
Aber sie tat es immer mit ganzem und freiem Herzen, dem es leicht fiel von dem wenigen gerne abzugeben.
Nichts ärgerte sie mehr als dieses theatralische Gehabe, wenn einer so ein Gewese darum machte, was für einen schönen Schein er gleich für alle sichtbar in das Körbchen legte. Als ob es sie wirklich beeindrucken könnte…. ärgern ja, aber beeindrucken?
Sie die kein Almosen haben wollte, weil sie sich unabhängig fühlte und immer alles alleine meinte bewältigen zu müssen, gab gerne und freizügig und wollte die Hilfe doch lieber in ihrer Nähe wissen, aber wollte auch keinen Aufstand darum machen, was sie gab und was sie tat.
Sie war eine rechtschaffene und im besten Sinne des Wortes fromme Frau. Sicher hätte ich über manches in ihrem Leben und in ihrem Verhalten auch gerne einmal ernsthaft geredet: Ist Unterstützung nicht ein verbrieftes Recht und nicht gewährte Gnade, kann ich wirklich für mich, nur für mich gerne sammeln, ist Kollekte dann nicht doch Liebesgabe für andere ?
Sie hätte gar nicht von ihrer Frömmigkeit gesprochen, sie war einfach fromm, nur so konnte sie überleben und sie vertraute in allem auf die Weisheit und den Ratschluss Gottes und dem fügte sie sich und fühlte sich so geborgen und gehalten in ihrem wahrlich nicht leichten Leben. Dafür wollte sie aber auch nicht geehrt und besonders gewürdigt werden.

Für manche ist es leichter zu geben als zu nehmen und sie wollen dabei unbemerkt bleiben, leben überhaupt nicht nach der Devise : tue Gutes und rede möglichst darüber.
Andere verstehen sich sehr wohl werbe- und imagewirksam ins Szene zu setzen – auch mit ihrem sozialen Engagement nach dem Motto: wenn sie schon reden, sollen sie wenigstens über mich reden.

Da Jesus schon dagegen an predigte, scheinen wir hier einen zeitlos gültigen Blick in die unveränderliche Beschaffenheit des menschlichen Gemütes zu werfen und viel über Menschen und ihre Beweggründe zu lernen.
Zeitlos, aber nicht gedanken- und nicht absichtslos.
Er kennt eine Frömmigkeit, die eine nach außen zugewandte, von Menschen wahrnehmbare Dimension hat.
Frömmigkeit geschieht nicht nur in der Herzenskammer, nach innen und verborgen, sondern ist auf Gott und die Welt bezogen.
Glaube ist buchstäblich Beziehungsarbeit, mindestens in einem Beziehungsdreieck zwischen Gott , Mensch und der restlichen Welt, die direkt vor der Haustür anfängt.. Und das Wort sagt es schon: Beziehung macht Arbeit, darum muss man sich kümmern, sorgen und dafür muss man sich einsetzen. Das kostest Zeit, Kraft und Mühe.
Gott kostet Zeit, Kraft und Mühe – aber ich bekomme es hundertfach und mehr wieder zurück, wenn ich mich auf diese Beziehungen und nicht auf die öffentliche Wahrnehmung, auf das Medien- oder Bewunderungsecho konzentriere. Kein himmlischer Lohn, der erst am Ende der Lebenslaufzeit als Zinsertrag und Gewinnausschüttung beglichen wird, sondern etwas, was mein Leben heute und hier bereichert, weil es ein Leben mit Gott ist und damit ein Leben mit Wurzeln und Standhaftigkeit ist, was kein Gold der Welt aufwiegen kann und dennoch so manchem Sturm standhält.
Aber Beziehungen machen nicht einfach nur Arbeit, sie wollen auch sorgsam gepflegt und gehütet werden und sie brauchen regelmäßige Kontakte.
Sicher gibt es Freundschaften, die funktionieren auch über große räumliche und zeitliche Abstände wunderbar und selbst wenn man sich Monate und Jahre nicht gesehen kann,kann man immer nahtlos an die gemeinsame Geschichte und das gegenseitige Verständnis anknüpfen. Aber es gibt auch Beziehungen, bei denen ich spüre, dass ich mich um sie kümmern muss, damit sie nicht im Sand verlaufen, gerade weil sie mir wichtig sind.
Sie fallen nicht einfach in den Schoß und sie sind nicht pflegeleicht, was aber überhaupt keine Aussage über ihren Wert ist. Fange ich aber erst einmal an, mich darauf zu versteifen, dass doch jetzt der oder die andere endlich dran ist, sich wieder zu melden, was vorzuschlagen, die Initiative zu ergreifen, dann kann das zum Anfang vom Ende werden.
Und die Beziehung zu Gott?
Wenn er sich darauf beschränken würde, nur noch auf unsere Initiativen und Reaktionen zu warten…. Welche Beziehungen hätten dann wohl noch eine Zukunft?
Also, auch das habe ich von ihr, der im besten Sinne frommen Frau, damals gelernt: Frömmigkeit ist etwas wunderbares und für den Glauben lebensnotwendiges.
Aber wenn es um die Beziehungspflege zu Gott geht, dann kann sie nie berechnend und gewinnorientiert sein, das wäre ein Widerspruch in sich. Sie ist selbstlos, darin aber direkt und ehrlich und offen.
Und sie hat eine Innenseite, eine ganz persönlich-private Intimsphäre wie das Gebet, das Fragen, Zweifeln, Glauben ,Hoffen und auch Ringen und da lass ich auch nur vertraute Personen Anteil daran haben.
Aber sie hat natürlich auch die öffentliche Außenseite, die dann zum Gespräch werden kann: am Arbeitsplatz, in der Schule, im Freundes- und Bekanntenkreis: Politik und Religion geht das, oder geht das bei manchem überhaupt ohne? Sie würden staunen, wie viele Politiker und Politikerinnen sich in ihrem Engagement durchaus über ihren Glauben definieren; Sport und Religion, manchmal sprechen Fußballprofis über ihre Gottesbeziehung und machen das Kreuzesszeichen nicht nur, weil sie es nett finden, so wie damals Jan Ulrich, der damit eigentlich wohl gar nichts anfangen konnte, aber diesen Gestus beeindruckend fand.
Die Frage ist nur, ob ich diese Außendimension als selbstverständlichen Bestandteil meines Lebens lebe oder ihn für andere inszeniere, ihn spiele wie eine Rolle, selbst wenn es die Rolle meines Lebens ist.
Wir hier heute morgen versuchen beide Seiten miteinander im Einklang zu leben. Gottesdienst ist ein Angebot Gottes für die fromme Seele, er ist Beziehungspflege im guten Sinne des Wortes mit Wort, Musik und Gesten, er ist nach innen bezogen und führt in die Stille, er macht mich aber auch neugierig und sensibel für das Umfeld, in dem ich lebe und zu Hause bin. Genauso kommt Gott zur Welt! Genauso verschwendet er sich nun einmal an seine Welt.
Und das ist kein Almosen, allerdings wenn auch im übertragenen Sinne wohl von oben herab,und vor allem eine Liebesgabe!
Und vielen macht das Mut zum Alltag, der auf jeden Sonntag folgt.
Und sie leben im Alltag aus den Begegnungen des Sonntages.
Und das ist ein wunderbares Geschenk! Amen

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