Mein Handeln ist Predigt

Als Uli Hoeneß dem Fußball-Manager vorgeworfen wurde, Steuern in großem Stil hinterzogen zu haben, hat er sich gerechtfertigt, wie viel Gutes er getan hat, wie viel Organisationen er unterstützt hat, wie viel Hilfen er selber angekurbelt hat. Und der hat Recht. Er hat viel Gutes getan, dafür auch viel Geld ausgegeben, vielleicht sogar mehr als er hinterzogen hat. Und trotzdem war er auf dem Holzweg. Das eine hat nämlich nichts mit dem Anderen zu tun. Entweder man tut Gutes um zu helfen, oder man lässt es. Seine schlechten Taten aber kann man mit den guten nicht ausgleichen. Davon erzählt schon Jesus in der Bergpredigt.

[TEXT]

Es fällt auf, dass Martin Luther den griechischen Begriff dikaiosyne in diesem Zusammenhang mit Frömmigkeit übersetzt. Man kann ihn auch mit Gerechtigkeit übersetzen. Das hat auch etwas mit Schwerpunkten zu tun. Klar ist: Gerechtigkeit hat auch etwas mit Hilfe an Bedürftigen zu tun. Und die hat etwas mit der Frage zu tun: ‚Was haben mein Verhältnis zu Gott und mein Verhältnis zu den Menschen miteinander zu tun. Frömmigkeit und Gerechtigkeit sind fast deckungsgleich.

Ein Ziel in der Bergpredigt ist die ‚bessere Gerechtigkeit‘. Gerechtigkeit, die nicht sich selbst gefallen will, sondern da ist, wo sie Ungerechtigkeit sieht. Die bessere Gerechtigkeit ist die gelebte Frömmigkeit, die nicht nur in den Himmel starrt und auf Gottes Eingreifen wartet, sondern die heute und hier tut, was nötig ist, damit Menschen in Frieden und Gerechtigkeit leben können.

Arme und notleidende Menschen sind Geschöpfe Gottes und dürfen darum nicht beschämt werden. Hilfe muss helfen. Sie darf keinen Selbstzweck verfolgen und sie darf nicht bloß stellen. Das gilt gegenüber allen Menschen, die Hilfe brauchen, aber auch für die Menschen, die helfen können. Es ist nicht mein Verdienst, wenn ich helfen kann, es ist meine Chance. Ich darf helfen, dass diese Welt ein bisschen besser wird. Dabei brauche ich keine Reklame, keine Wahlplakate. Da brauche ich nur meine Dankbarkeit. Die Dankbarkeit dafür, dass ich etwas leisten kann.

Natürlich: Die Gleichsetzung von Frömmigkeit und Gerechtigkeit provoziert mich: Wenn mich Menschen gerecht nennen, gefällt mir das, schmeichelt mir, wertet mich auf. Frömmigkeit dagegen macht Menschen verdächtig – der Spinnerei und anderer seltsamer Eigenheiten – und ist doch – so sagt es Jesus nach der Übersetzung von Martin Luther – ein genauso hohes Gut, auf das ich Acht haben muss. Das ich pflegen muss – bei mir uns Anderen. Fromm sein heißt eigentlich nichts Anderes als das ich zu Gott gehöre, dass ich mit seinen Verheißungen und seinem Willen und seinem heiligen Geist leben will.

‚Da weiß die rechte Hand nicht, was die Linke tut‘ – was wir damit beschreiben ist eigentlich das Chaos, wenn Verwaltung nicht funktioniert, der Laden nicht läuft. Vielleicht ist es allerdings manchmal auch der Wille Gottes, dass nicht alles rund läuft, wenn es dem Leben dient. Es ist nicht das Verkehrteste, wenn die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Und ich habe auch noch nie jemanden gehört, der sich beschwert hat, dass sein Strafmandat in der Versenkung verschwunden ist, weil die Linke nicht weiß, was die rechte tut. Dann ist Ungerechtigkeit willkommen.

Und sie könnte genauso willkommen sein, wo sie dem Leben dient, wo Armen geholfen wird, obwohl sie es nicht verdient haben. Wo Menschen frei werden, obwohl sie etwas Anderes verdient hätten. Wo Menschen geholfen wird, die man eigentlich lieber hätte auflaufen lassen.

Was ist denn wohl wichtiger im Leben: Das Prinzip, dass alles gerecht zugehen soll, oder der Wunsch, dass jeder hat, was er braucht? Dass eine Gerechtigkeit lebt unter uns, die mehr ist als das Aufrechnen nach dem Motto: wer hat was verdient?

Das Gegenbild zum frommen und gerechten Menschen ist der Heuchler: Heuchler sind Menschen, die eine Rolle spielen, Schauspieler. Wie oft in meinem Leben spiele ich eigentlich eine Rolle? Und wie oft bin ich authentisch? Heuchler sind Schauspieler, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, die nicht die ihre ist.

Heuchler sind oft Opfer ihres eigenen geringen Selbstwertgefühls. Deswegen sollten wir sie nicht verurteilen. Aber uns schon fragen: Woher kommt mein Selbstwertgefühl? Vielleicht auch aus dem Bewusstsein dass ich diesem Herrn so viel wert bin, dass er in seinem Sohn Mensch wird, mir begegnen will.

Wenn ich also Gutes tu um mein Selbstwertgefühl aufzupolieren, dann ist das in Ordnung – solange ich weiß warum ich es tu und nicht meine, ich hätte damit etwas ganz tolles getan. Ich habe Menschen geholfen und mir selbst damit etwas Gutes getan. Das hat auch seinen Wert, den man nicht verachten muss.

Hauptsache ist, dass ich authentisch bleibe in dem, was ich tu – mir selber treu.

Das Gegenbild des von Jesus gezeichneten Bildes lautet: ‚Tu Gutes und rede darüber‘ – Das muss ja auch nicht falsch sein. Wir erleben in der Politik und erst recht im Wahlkampf wie wichtig es ist, über das Getane auch zu reden. Aber dann hat man entweder Versprechen eingehalten oder etwas gut gemacht, weil man dafür gewählt wurde.

Jesus geht es um etwas Anderes, um mein ganz persönlich individuelles Verhalten, um meine Lebenseinstellung, dass ich im Grunde gar nicht merke, was ich so tagtäglich an Gutem tu. Hilfe stand gerade in den Kulturen des palästinischen Raums immer besonders hoch im Kurs, es war eine Gnade, den Armen geben zu können. Es geht dieser Frömmigkeit aber nicht um das eigene Ego, sondern um den Hinweis auf Gott.

Die Nähe der Herrschaft Gottes, verweist uns eben auch auf die Nähe des Nächsten. Und mein Handeln für ihn kann auch eine Form der Predigt sein.

Ein trostreiches Wort: Gott hält nicht Ausschau nach dem, was zu ahnden ist, sondern dem, was zu belohnen ist. Er schaut nicht auf das, womit wir uns bei ihm einschmeicheln wollen, er schaut nach dem, was aus uns fließt.

drucken