Blindes Vertrauen

Liebe Gemeinde,

es gibt offensichtlich biblische Geschichten, die ganz und gar ohne Theologie auskommen. Von Gott wird in unserer Geschichte nichts erzählt und von dem Glauben irgendeines Beteiligten auch nicht. So wirkt unser heutiger Predigttext auf den ersten Blick wie ein Kapitel aus einem Lehrbuch für Heilpraktiker mit der Überschrift: Methoden zur Wiederherstellung der Sehkraft bei Blinden. Man nehme… . Deshalb ist es kein Wunder, dass ein Ausleger fragt: „Welcher Teufel hat denn den Markus geritten, der uns eine solch profane Geschichte als Evangelium zu predigen wagt?!“(Dr. Martin Nicol, GPM 3/1995, Heft 4, S.339) Damit hat dieser Ausleger das Wagnis der heutigen Predigt treffend umrissen.

Sollen wir es eingehen, oder doch lieber einen anderen Text nehmen, wie das nicht wenige Prediger heute tun? Ich denke, wir sollten dieses Wagnis eingehen und die Angst zur Kenntnis nehmen, die wir haben, wenn wir uns auf das Gebiet einer so profanen Geschichte begeben, ohne auf eine sichere Pointe zusteuern zu können; ohne in den sicheren Hafen einer Glaubensweisheit oder einer Glaubenswahrheit einlaufen zu können.

So ist das nun Mal im Leben. So ist das nun mal jeden Tag, den man bekanntlich nicht vor dem Abend loben soll. Wer kommt da schon immer dort an, wo er hinwollte? Wer erreicht immer sein Ziel? Wer findet die Pointe seines Lebens und kann dann sagen, das war es gewesen, so und nicht anders war ich und mein Leben gemeint? Wo sind schon sichere Häfen? Und selbst, wenn wir meinen, dorthin unterwegs zu sein: Von einem Tag auf den andern ist die Reise zu Ende, weit vor dem Ziel. Er hatte noch so viel vor, war noch so voller Pläne, so höre ich’s oft bei Gesprächen vor der Beerdigung.

Wissen wir denn wirklich, wo’s hingeht und wo wir noch hinsollen? Tappt nicht jeder auf seine Weise in seinem Leben herum? Von einem Glück zur nächsten Enttäuschung, ängstlich geklammert an vertraute Geländer, wie Wohlstand und sichere Arbeit und die Lebensversicherung? So wie Blinde sich eben fortbewegen.

Und Jesus nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf. Weg vom vertrauten Geländer. Weg von den Randsteinen und Hauswänden, die ihm bekannt sind. So etwas muss man zumindest mal gespielt haben. Sich der sicheren Führung eines anderen anvertrauen. Sich einmal entführen lassen aus dem bekannten Trubel mit seiner Lust und seiner Last. Von selbst trauen wir uns ja nicht. Von selbst bleiben wir ja lieber in der vertrauten Umgebung, auch wenn wir sie beklagenswert finden. Aber an der Hand von jemand, dem man blind vertrauen kann… .

Solche Führung tut gut. Ach, wenn wir sie jeden Tag hätten, hätten wir nichts dagegen. Und wenn Gott es selbst wäre, wenn der Christus es selbst wäre, der uns führt. Wir hätten doch nichts dagegen. Denn was könnte da dann noch schief gehen?

Und er tat Speichel auf seine Augen und legte seine Hände auf ihn. So wie Mütter das mit ihren kleinen Kindern tun, wenn sie sich weh getan haben. Da wird das weinende Kind erst einmal in den Arm genommen und auf den aufgeschlagenen Arm kommt ein Kuss oder es wird einmal zärtlich drübergeleckt. Heile, heile Segen, morgen gibt es Regen … Nichts gibt mehr das Gefühl, beschützt und geborgen zu sein, als vertrauter Körperkontakt. Der Trost der Berührung ist stärker als Worte. Jesus sieht das nicht anders.

Und der Blinde wohl auch nicht. Was kann man sich eigentlich noch mehr wünschen, als so geführt und so getröstet zu sein. Und ist es nicht das, wonach wir auch in unserem Glauben immer wieder streben? Ist es nicht das, was wir hier in der Kirche gemeinsam und im Gebet im stillen Kämmerlein alleine suchen? Und Jesus verwehrt es uns nicht. Aber die Geschichte geht weiter. Sie ist noch nicht am Ziel.

Ob wir weiter wollen? Ob der Blinde noch weiter will? Wer so geführt und geborgen sein kann, muss und will der noch mehr, auch noch sehen vielleicht? Reicht es denn nicht, dass Jesus für ihn sieht? Wenn Gott uns führt, reicht es dann nicht, wenn Gott für uns sieht? Es gibt viele, die eine solche Frage gerne mit „Ja“ beantworten. Und der Seelsorger, der Sektenführer, der Guru, der im Namen Gottes zu sprechen vorgibt, sieht es gerne. Manchmal ist nichts so sicher, manchmal ist nichts so schön, manchmal macht nichts so geborgen, wie blinder Gehorsam. Und deshalb ist es ja fast unmöglich, die Selbstsicherheit zum Beispiel eines Zeugen Jehovas auch nur anzukratzen. Dem reicht’s, wenn der Wachturm für ihn hört, denkt und sieht. Da kann er seine Sinne getrost verschlossen halten. So kann er nicht vom rechten Weg abkommen und Gott wird’s ihm lohnen. Nicht anders sieht das jeder aufrechte Fundamentalist, ob er sich nun christlich oder islamisch begründet und statt des Wachturms, die Bibel oder den Koran hochhält.

Jesus freilich sieht das anders. Er mag keine blinden Jünger. Er mag keinen blinden Gehorsam. Er mag keine, die sich selbst und anderen das Denken, Hören und Sehen verbieten. Und auch die Blindheit als Zuflucht lässt Jesus nicht gelten. „Alle psychisch bedingten Erkrankungen, schreibt der Theologe Eugen Drewermann, lassen sich lesen als verzweifelte Selbstheilungsversuche, und speziell die seelisch ausgelöste Blindheit wird man als einen Versuch verstehen müssen, unter dem Druck eines ständigen Erlebens der Ungeborgenheit, in den Zustand vor der Geburt zurückzukehren. Man braucht nur die Augen zu schließen, und es umgibt uns Dunkelheit, wie sie in den Tagen vor der Geburt herrschte. Nur die Blindheit vermag diese heilende Illusion zu erzeugen.“ (Nicol, a.a.O. S.343)

Ob das auf den Blinden in unserer Geschichte zutrifft, wissen wir nicht. Aber fest steht, dass Jesus den Menschen, denen er die Liebe und Geborgenheit Gottes zukommen lässt, zutraut und zumutet, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Fest steht, dass Jesus seinen Jüngern zutraut und zumutet, scharf zu sehen, mit dem Verstand und mit dem Herzen. Gottes Liebe macht alles andere als blind.

Sie macht sehend! Und Jesus fragte ihn: Siehst du etwas? Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen umhergehen, als sähe ich Bäume.

Nein, die Art der Wahrnehmung anderer Menschen reicht Jesus nicht. Denn schließlich sind Menschen nicht aus Holz. Nicht so grob und auch nicht so harmlos. Nicht so widerstandsfähig und auch nicht so einfach. Auch wenn ich denke: Wenigstens sieht er Bäume. Ich kenne Menschen, die nicht einmal merken, wenn ein Baum eines Morgens nicht mehr da ist, ein Baum der schon dort stand, bevor sie geboren wurden. Menschen, deren Wahrnehmung schon die Bäume entfliehen. Wie dann erst die Menschen, die mit ihnen leben. Und erst eine Todesanzeige bringt sie eines Morgens ins Bewusstsein zurück. Erst ihr Tod macht sie für einen Moment noch einmal zum Teil des eigenen Lebens …

Wie würde es uns gefallen, wenn Gott solche Augen für uns hätte? Wenn er ein Gott wäre, der die Augen zu hätte, hinter seinen Lidern versunken in die Betrachtung seiner herrlichen Innenwelten? Und deshalb genügt auch dem Christus die allgemeine Sehschärfe unserer Welt nicht. Es ist nicht gut, wenn unserer Wahrnehmung die Bäume entgehen, die Tiere und Pflanzen. Und es ist erst recht nicht gut, wenn unserer Wahrnehmung die Menschen entgehen.

Da legte Jesus abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und konnte alles scharf sehen.

Alles scharf sehen ist nicht immer erfreulich. Es kann auch sehr weh tun. Man sieht, was getäuscht hat. Enttäuschung macht traurig und holt uns sehr schmerzlich aus den schönen inneren Bildern heraus. Und vielleicht ist das manchmal wirklich wie eine zweite Geburt, wie eine Menschwerdung. Da der Christus, ein Gott, der ein Mensch für die Welt wird. Dort der Blinde, ein Mensch, der ein Mensch für die Welt wird.

So hat uns der Evangelist Markus heute eine ganz profane Geschichte über das erzählt, was die Bibel Heilung nennt. Ein Mensch bekommt scharfe Augen. Er wird ein Mensch, der offen ist für seine Welt und für andere. Das Evangelium geschieht oft, ohne dass es sein eigenes Aushängeschild vor die Tür hängt. Ein Mensch wird heil, weil ein anderer sich ihm zugewandt hat, bedächtig und zärtlich und aufmerksam. Nicht mehr und nicht weniger. Ich denke, der Evangelist Markus hat keinerlei Zweifel, dass da, wo Menschen heil werden, Gott am Werk ist. Deshalb hat er diese Geschichte als Evangelium erzählt. Hinter mancher ganz normalen, alltäglichen, profanen Begebenheit, in der ein Mensch wieder zum Leben findet, steckt ein Wunder des Christus. Und mancher sucht Führung, sichere Führung und hat sie doch längst schon erfahren… .

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