Blindheit ist nicht gleich Blindheit

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen!

Liebe Gemeinde!
Ich erzähle Ihnen von einem blinden Mann. Er ist schon älter und ist erst in den letzten Jahren blind geworden. Er ist sehr auf die feste Ordnung in seinem Haus angewiesen. Da weiß er, wo die Möbel stehen und wo die Türen und Wände sind. So kann er sich orientieren. Wenn seine Kinder mit den kleinen Enkelkindern zu Besuch kommen, freut er sich, aber er ist auch verunsichert, weil er nicht weiß, wo die kleinen Kinder sich gerade bewegen. So geht es ihm auch mit dem Hund seiner Kinder. Der ist für ihn in seiner Bewegung unberechenbar. Er hat Angst, darüber zu stolpern.
Dieser Mann musste sich sein Leben mit der Blindheit vollkommen neu einrichten. Er hatte immer viel gelesen. Nun hört er Hörbücher und Musik-CDs. Seine Frau und gute Freunde kommen auch zum Vorlesen. Sie lesen aus der Zeitung vor und aus Büchern, die für ihn interessant sind.
Der blinde Mann leidet sehr unter seiner Erblindung. Er würde so gerne wieder sehen können.

Ich lese den Predigttext aus dem Markusevangelium Kapitel 8, 22-26.

[Text]

Erst vor drei Wochen hatte ich über eine Blindenheilung zu predigen. Vielleicht war jemand von Ihnen in dem Gottesdienst in den Ferien, in dem auch ein Kind getauft wurde. Die Predigttexte sind ja vorgegeben. Letztesmal ging es um die Frage, ob Krankheit irgendetwas mit unserem Verhalten zu tun hat. Da gab es Leute, die meinten: Der Blinde hätte gesündigt und sei deshalb krank geworden. Das hat Jesus allerdings vehement abgewiesen. Man solle nicht nach dem Warum fragen, sondern nach dem Wozu- also danach, was man aus einer Situation machen könne und erst recht: Was Gott aus einer Situation machen kann, die uns aussichtslos erscheint. Wir sollten nach vorne gucken und Gott vertrauen.

Heute steht alles unter dem Wochenspruch: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Das heißt: Selbst, wenn wir schon innerlich geknickt sind, sollen wir nicht an unseren Sorgen zerbrechen. Selbst wenn wir uns fühlen wie ein glimmender Docht, also kraftlos, soll das nicht das Ende bedeuten. Sogar derjenige, der scheinbar aussichtslos blind ist, wird von Jesus geheilt.

Ich nehme an, Ihnen fallen Situationen ein, in denen Sie diese Bilder vom geknickten Rohr und dem glimmenden Docht auf sich übertragen konnten oder können. Das sind Situationen, in denen Sie sich angegriffen fühlten oder fühlen. Situationen, in denen man nicht aufrecht gehen kann, in denen einem das Rückgrat fehlt. Situationen, die einen geknickt sein lassen. Das gibt es ja sogar noch im Sprachgebrauch. Man sagt oder sagte: Ich bin geknickt, wenn man enttäuscht ist oder traurig. Wer Probleme mit dem Sehen hat, der fühlt sich oft auch wie geknickt- sehr beeinträchtigt.

Neulich war ein Bekannter ganz glücklich, dass er nach einer Star-Operation wieder so gut sehen konnte. Wie ein Adler- sagte er. Er brauchte nicht einmal mehr eine Brille. Das neue Sehen-Können ließ ihn richtig wieder aufblühen. Das Leben machte wieder Spaß. Autofahren war wieder möglich, was vorher eine zeitlang nicht ging. Sogar beim Tennisspiel traf er sehr gut. Diese Erfahrung wünscht sich mancher Sehbehinderter.

Die Erzählung im Markusevangelium ist für alle geschrieben, die sich in irgendeiner Weise eingeschränkt fühlen. Für alle, die sich geknickt fühlen, fast schon zerbrochen. Für alle, die sich verletzt fühlen. Nicht nur für Sehbehinderte ist diese Geschichte geschrieben, aber eben auch für sie.
Die Geschichte soll allen vermitteln: Es gibt Hoffnung. Gott kann auch in scheinbar aussichtslosen Situationen etwas zum Guten verändern. Gott kann Kranke heil machen. Er kann auch seelische Verwundungen heilen. Auch wenn das Rohr fast zu zerbrechen droht, auch wenn der Docht fast erlischt, auch wenn ein Mensch aussichtslos krank ist und blind- Bei Gott gibt es eine Perspektive, die darüber hinaus sieht.

An unserer Predigtgeschichte beeindruckt mich die schrittweise Heilung. Jesus tut Speichel auf die Augen des Blinden. Er legt ihm die Hände auf und fragt: Siehst du etwas? Der Blinde bzw. nicht mehr Blinde antwortet: Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umher gehen. Erst nach dem zweiten Hände-Auflegen sieht der ehemals Blinde ganz scharf.
Es ist also nicht alles von einem Moment zum anderen gut. Es geht nicht so schnell. Da gibt es einen Zwischenschritt.

Das könnte uns doch zu denken geben. Wir denken ja oft in Gegensätzen: krank und gesund, traurig und fröhlich, schlecht und gut. Aber eigentlich besteht unser Leben doch oft in Zwischenschritten: Ja, es geht mir besser- aber noch nicht gut. Ich kann etwas wieder, was ich vorher nicht konnte. Ich kann aber noch nicht wieder das volle Programm schaffen. Mein Empfinden ist mal so und mal so. Manchmal leide ich sehr unter irgendetwas. Dann fühle ich mich besser. Und hinterher ist es wieder schlecht. Es gibt viele Zwischenstufen. Es gibt nicht nur schwarz-weiß in unserem Leben. Es gibt Auf und Ab. Davon deutet die Geschichte aus dem Markusevangelium etwas an. Der Blinde kann nicht von jetzt auf gleich wieder sehen. Erst sieht er die Menschen wie Bäume.

Das Zweite, was ich aus dieser Geschichte mitnehme: Sie ist ja nicht nur für Blinde erzählt worden, sondern für jeden, der Einschränkungen und Geknickt-Sein in seinem Leben erfährt.
Ich möchte das Blind-Sein auch im übertragenen Sinne verstehen. Da, wo wir uns in irgend einer Weise in unserem Leben eingeschränkt fühlen, da sind wir ja manchmal auch ein blind. Wir sehen nur unsere Probleme und können einfach nicht darüber hinaus blicken. Wir sind blind für eventuelle andere Möglichkeiten und Wege. Wir sind blind für andere Menschen.

Die Nachrichten bringen uns leider im Moment reihenweise Beispiele dafür. In Ägypten gibt es so fanatische Auseinandersetzungen. Die Menschen sind blind für die Sichtweise der anderen Seite oder der anderen Seiten. Sie können und wollen nicht wahr nehmen, was die anderen wollen. Und wenn sie es wahr nehmen, dann wollen sie keine Wege für ein Miteinander suchen. Das ist eine Blindheit, für die Gottes Heilung unbedingt nötig ist. Wir wollen ihn darum bitten. Die Geschichte aus dem Markusevangelium macht uns Hoffnung, dass Gott auch diese Blindheit heilen kann.

Einen Aspekt zum Schluss: Blindheit ist nicht gleich Blindheit. Menschen können äußerlich blind sein und auf andere Weise ganz viel wahr nehmen.
In Frauenarztpraxen sind zunehmend blinde Frauen angestellt zur Tastuntersuchung für die Krebs-Früherkennung. Sie haben schon oft Knoten in der Brust von Frauen gefunden, die sonst nicht entdeckt worden wären. Sie sind blind und auf der anderen Seite eben gerade nicht blind.

Wo sind wir selber blind? Gott kann unsere Blindheit heilen. Amen.

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