Ich sehe was, was du nicht siehst….

Seit drei Stunden fuhren sie nun schon auf der Autobahn immer geradeaus Richtung Süden, den Ferien entgegen. Wenn sie doch nur schon da wären…
Die Kinder auf den Rücksitzen waren unruhig, alle Benjamin Blümchen Kassetten mindestens einmal gehört, geschlafen hatten die Kinder auch schon und so viel zu sehen gab es während der Autofahrt auch nicht. Und immer, wenn der Verkehr ein wenig stockte, kam von hinten das quengelnde „Wann sind wir denn endlich da…“
Dann versuchte es Mama wieder einmal mit: „Ich sehe, was, was du nicht siehst, und das ist…. rot!“ – „Na, das Auto da vor uns, ich bin dran“ So verging wenigstens ein bisschen Zeit und sie kamen dem Ziel ein bisschen näher.
Drollig, immer wenn die Kinder sich dabei die Augen zuhielten, kicherten sei hinterher, weil sie zunächst einmal gar keine Farben sahen, wenn sie die Augen wieder aufmachten, sondern nur schwarze Umrisse…

Donnerstag Nachmittag, wieder einmal trifft sich der Seniorenkreis in der Winterkirche, die Kaffeekannen stehen auf dem Tisch, der selbstgebackene Kuchen ist mitgebracht und lacht die Senioren an, die wieder einmal beim Backen alles gegeben haben, aber erst soll noch gesungen werden. Da tönt mindestens die Hälfte: ach, ich kann heute nicht mitsingen, ich habe meine Brille zu Hause liegen lassen… Komisch, denke ich, es sind immer die gleichen, die ohne Brille kommen und sie nur zum Seniorenkreis regelmäßig vergessen… Ob das am Singen liegt und sie eigentlich gar nicht singen wollen, weil sie meinen, es mit den brüchigen Stimmen nicht mehr zu können? Ein Schelm, wer Arges dabei denkt. Ich sehe, was ich sehen will oder ich kann es einfach nicht mehr…
In der Stadt liegt das Seniorenzentrum herrlich am Wasser gelegen und die Angehörigen, die schweren Herzens nun doch einen Wohnplatz für Vater suchen, sind begeistert von dem Blick über den See. Hier könnte es ihm vielleicht doch gefallen Nur ein bisschen wundern sie sich, dass die Bewohner an diesem sommerlichen Tag meist nicht hinten auf der Terrasse im Schatten sitzen, sondern vorne an der Straße und den Passanten und Autos nachschauen. Als sie nachfragen, erfahren sie: da ist wenigstens Leben und Abwechselung, Idylle haben sie den Tag über genug…

Liebe Gemeinde, Ähnlichkeiten mit lebenden oder anwesenden Personen sind nicht zufällig und ganz und gar beabsichtigt, wie sie sich denken können.

Augen sind etwas wunderbares, sonderbares, selbstverständliches oder eben auch nicht (!), im Alter manchmal getrübtes, etwas, was uns Tor und Tür zur Welt öffnet, oder mit denen wir uns auch vor Dingen verschließen können, um sie nicht an uns heranzulassen. Kinder verstecken sich vor der Welt, in dem sie die Augen zu halten und meinen nun nicht mehr gesehen werden zu können…
Aber trübe und blind gewordene oder gebliebene Augen schließen uns auch ein Stück weit aus von dem, was anderes so selbstverständlich ist:
Wie will ich mich zurechtfinden, wenn ich den Ort nicht kenne und nichts mehr erkennen kann, noch nicht einmal Umrisse oder Schemen ?
Was meinen die Leute, wenn sie von der Farbenpracht der Gartenschau erzählen, wenn ich noch nie in meinem Leben eine Blume gesehen habe und nur der Duft meine Phantasie anregt?
Wie soll ich mein Gegenüber anlächeln, ihm tief in die Augen schauen und nur grenzenloses Vertrauen entdecken, wenn ich bis über beide Ohren verliebt bin, aber nichts sehen kann?
Dann müssen die Hände sehen und eine Sprache sprechen, die ansonsten wortlos die Augen übernehmen.
Und das ist es, was mich an der Geschichte, die wir als Predigttext gehört haben, am meisten fasziniert: die Sprache der Hände und die auch diesen Ort hier zu hören ist.
Gar nicht so sehr, das Wunder der wieder geöffneten Augen lässt mich staunen. Da erleben wir dank der modernen Medizin so viele Wunder, da können wir heute mit so wenigen Mitteln so viele Menschen reich beschenken und ihnen mit dem Augenlicht ein Stück Leben wieder geben, mit Hilfe von Medikamenten oder Operationen, mit Sehhilfen wie Brillen oder Kontaktlinsen und dabei sogar noch etwas für das gute Aussehen tun – vorbei ist schließlich die Zeit der uniformen Hornbrillen, dem Kassengestell Marke „hübsch hässlich“!
Nein, haben sie gehört, was Jesus mit seinen Händen alles tut?
Vielmehr als er mit Worten sagt:
Seine Hand ergreift die Hand des Blinden und führt ihn aus dem Dorf heraus. Sie berührt den Hilflosen und führt ihn einen Weg, den er alleine nicht gehen könnte, den er zu gehen alleine gar nicht wagen würde.
Sie berühren die Augen des Blinden mit einer uns sicher fremd anmutenden Heilungsgeste, aber sie legen die Finger auf den wunden Punkt: die Augen, die dem Licht verschlossen sind und sich nun einen Spalt weit zumindest für Umrisse wieder öffnen – Menschen wie Bäume in Bewegung; Ja, ich sehe Leben. Es bewegt sich !
Hände, die sich behutsam auf die Augen legen, Haut auf Haut, Wärme, Berührung, Körperkontakt: ich werde wahrgenommen, angefasst und ernst genommen, da fallen alle Berührungsängste und Schranken und was für ein Wunder: der Blinde sieht
Ich gebe gerne zu, dass Berührung und Körperkontakt etwas sehr persönliches und sehr nahes ist, was ich nicht immer will. Aber sie sind auch etwas ausgesprochen Heilendes, weil sie deutlich machen, dass jemand wahrgenommen und ernst genommen wird, dass sein Schicksal so berührt, dass ich ihn berühren und in den Arm nehmen möchte, um ihm meine Nähe und mein Mitgefühl zu zeigen.
Das ist für mich das eigentliche Wunder jenseits aller körperlichen Heilung und das scheint mir die herausragende Mission Jesu zu sein, dass er Menschen wahrnimmt mit ihrer Geschichte und ihrem Schicksal. Das er sie darin ernst nimmt – ohne immer zu sagen oder zu wissen, was man davon zu halten hat im Sinne von: selber schuld, da sieht man wieder, so einer gehört nun mal nicht dazu.
Da sagt einer nicht nur, da zeigt einer, da lebt einer: ich sehe dich, ich spüre dich, ich habe buchstäblich ein Auge auf dich geworfen und ich verstehe dich und deine Lage auch ohne Worte. „Ich biete dir meine Hand an, ich führe dich einen Weg aus deiner ausweglosen Lage in ein Licht, in dem du klarer siehst, was vor dir liegt. Ich öffne dir die Augen für das Leben und für den Weg, von dem ich möchte , dass du ihn gehst, auf eigenen Füßen und mit offenen Augen! Und nimm wahr, was du unterwegs siehst und was dir oder besser noch: wer dir begegnet.
Warum ich das tue? Damit du es endlich glaubst: entscheidend ist nicht, was die Menschen in dir sehen und was du von den Menschen an Äußerlichkeiten siehst. Wenn ich dich anschaue, dann schaut dich Gott an…“
Ich sehe was, was du nicht siehst – Gottes Liebe und in ihrem Licht einen Mensch von ihm angenommen , aufrecht und schön, egal, wie jung oder alt, wie gerade oder gebeugt vom Leben.
Davon will ich singen, ebenso wie von der Schönheit der Welt, in der mir diese Liebe aufblüht, egal ob ich meine Brille dabei habe oder nicht, denn dieses Lied kann ich auswendig, singe es mit dem Herzen und da darf meine Stimme auch kratzig klingen, denn auch sie erzählt ja davon: ich atme, ich lebe, darum singe ich: Gott sei Dank! Amen

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