Heilwerden an Körper und Seele

„Mami, Mami, mir tut der Bauch so weh“, ruft die kleine Simone ihrer Mutter zu. „Ach du Arme“, bemitleidet die Mutter ihre Tochter, „was können wir denn da machen?“
Und entgegen ihren Worten macht sie wirklich etwas. Sie nimmt sie in den Arm und führt sie zum Sofa. Dann holt sie ein Wärmekissen und legt es Simone auf den Bauch. Und wieder nimmt sie das Mädchen in den Arm, spricht leise und tröstend zu ihr. Und Simone wird langsam ruhiger. „Es tut schon gar nicht mehr so weh“, sagt sie schließlich. Dann macht die Mutter ihr einen Tee, den Simone in kleinen Schlucken trinkt. Und nach einer Stunde ist sie wieder ganz die alte: Vom Bauchweh geheilt.

Liebe Gemeinde,
so oder so ähnlich haben wir alle unsere Kindheit in Erinnerung. Wenn’s wehtat, dann war da die Mama, die uns tröstete und für Linderung sorgte. Auf sie konnten wir uns verlassen. Mit ihrer Hilfe waren wir wieder schnell auf dem Damm.
Als wir erwachsen wurden, war das nicht mehr so leicht. Die Mama gab es vielleicht noch, aber so leicht konnte sie uns nicht mehr von unseren Krankheiten und Schmerzen heilen. Dabei wünschen wir uns das doch: Schnell wieder gesund zu werden. Denn Gesundheit steht bei uns im hohen Ansehen, und offen gefragt: Wer unter uns ist schon gerne krank?
Manch einer hat sich schon arrangiert mit seinen Krankheiten. Denn immer mehr Menschen sind in Deutschland chronisch krank. Ich denke an die vielen Allergiekranken, an Rheuma- und Artrosekranke, an Blinde oder im Sehvermögen Eingeschränkte, an Taube oder Schwerhörige. Sie alle wissen, dass ihr Leiden nicht besser werden wird, sie haben sich damit abgefunden. Doch tief in ihrem innersten Herzen hoffen sie trotzdem auf Besserung. Sie hoffen auf einen Arzt, der ihnen helfen kann, auf alternative Heilmethoden, auf einen Wunderheiler. So einen wie Jesus. Und wenn ich sage: Alle haben ihre Einschränkungen, dann gilt das auch für Konfirmanden oder sogar für unseren Täufling. Wie oft fühlt er sich nicht wohl, schreit aus dem ein oder anderen Grund, und manchmal wissen Sie, die Eltern gar nicht so genau, was ihm eigentlich fehlt.
In der Geschichte, die wir gerade gehört haben, trägt es sich so zu wie in meinen kühnsten Vorstellungen. Ein Blinder – wir erfahren nicht, wie lange er schon blind ist, ob von Geburt oder erst blind geworden – ein Blinder also wird zu Jesus gebracht. Die ihn führen, haben eine klare Erwartung: Jesus möge ihn anrühren, d.h. segnen. Und insgeheim hegen sie die Hoffnung: Vielleicht wird der Mensch durch den Segen auch wieder sehen können?
Jesus lässt sich nicht lange bitten. Wie die Mutter für ihr Kind da ist, so kümmert er sich liebevoll um den Blinden. Er nutzt ein Hausmittel – Spucke – und legt ihm die Hände auf. Wie bei Simone wird das Leiden schnell besser. Der Blinde kann nun sehen, aber wohl nur verschwommen und unklar. Und so legt Jesus noch einmal die Hände auf ihn, so dass er vollständig geheilt wird: Der ehemals Blinde kann nun klar und deutlich sehen.

Liebe Gemeinde, einen solchen Wunderheiler hätte ich heute auch gerne. Denn mich zwickt und zwackt es hier und dort. Es sind Einschränkungen, mit denen ich leben kann, ja leben muss, die ich aber noch viel lieber loshätte.

Wenn man sich die Geschichte genauer anschaut und auch unsere Geschichten, als wir noch Kinder waren, dann fällt auf: Da geht es nicht nur um das Körperliche und Pillen und Medikamente, sondern vor allem um das Seelische. Unsere Mutter hat sich ja nicht nur um unser Bauchweh gekümmert. Da hätte auch ein Schmerzmittel allein gereicht. Nein, das Trösten, das mit-dem-Kind-Sprechen, die Nähe waren wichtig. Sie haben den Heilungsprozess so sehr beschleunigt.
Ähnlich ist das mit dem Blinden und Jesus in der Geschichte. Jesus gibt nicht irgendein Medikament; er schickt nicht einen Jünger, der das auch machen könnte, er geht nicht schnell darüber hinweg so in der Art: Jetzt heile ich dich schnell mal und dann gehe ich weiter. Nein! Jesus geht auf den Blinden ein. Er spricht mit ihm, er erkundigt sich, wie es geht. Er gibt ihm weitere Anweisungen. Er bleibt bei ihm.

Liebe Gemeinde,
blind sind die meisten von uns nicht. Doch die eine oder andere Krankheit oder Einschränkung hat jeder von uns. Wir sind verspannt, die Augen und Ohren wollen nicht mehr so wie früher, trotz des schönen Wetters befällt uns eine unerklärliche Traurigkeit. Da wünschen wir uns unsere Mutter zurück, die uns tröstet und heilmacht. Oder eben – weil sie uns leider auch nicht von allen Problemen befreien kann – Jesus. Der soll zu uns kommen wie zu dem Blinden von Bethsaida. Und wenn er uns dann fragt, was wir wünschen, dann wollen wir, dass er uns die Hand auflegt und heilmacht.
Und wissen Sie, was das Tolle ist? Auch wenn wir ihn nicht sehen können, Jesus ist trotzdem da. Jetzt, in diesem Moment, ist er mitten unter uns. Er wendet sich uns zu jetzt und unser ganzes Leben lang. Wir können spüren, dass Gott unsere Wege, unser Leben so annimmt. Unser Leben, das ja nicht geradlinig verläuft, sondern manche Umwege und Irrwege beinhaltet und deshalb unheilig ist. Doch trotz all dem, was ich Umwege oder Irrwege nennen, trotz alle unserer Fehler und Probleme spüren wir, dass Gott uns liebt. So, wie die Mutter ihr Kind, wie die Mutter Simone liebt.

„Bitte mach uns gesund!“ Diese Bitte an Jesus um die körperliche, viel mehr aber noch seelische und geistliche Gesundheit steht im Raum. Und ich bin sicher, sie verhallt bei Gott nicht ungehört. Er geht auf uns ein, er legt uns die Hand auf:
Bei der Taufe, wie wir eben gerade bei der Taufe von XXX gesehen haben
Bei der Konfirmation
Bei jedem Gottesdienst
Bei jedem Segen, den wir empfangen, bei jedem „Grüß Gott“ bei jedem „Adieu“ – zu Gott.

„Und jetzt?“ werden Sie mich fragen. „Meine Krankheit, meine Einschränkungen, die sind ja immer noch da!“
Hier, in der Geschichte, finden wir die Antwort dazu. Als Jesus dem Blinden die Hand auflegt, da bewegt sich bei dem etwas. Er kann plötzlich verschwommen sehen. Er sieht Menschen, als sähe er Bäume umhergehen. Die Heilung ist noch nicht vollkommen, sie ist noch nicht beendet. Ähnlich geht es uns: Wir spüren, dass sich Jesus uns zugewandt hat. Doch wir warten noch auf unsere vollständige Genesung. Vielleicht erkennen wir sogar, wie durch Gottes Segen unser Leben etwas besser wird. Dass wir durch den Glauben neuen Lebensmut, neue Lebenshoffnung erfahren.
Jesus bleibt uns zugewandt, dessen bin ich mir sicher. Auch, wenn es vielleicht noch etwas braucht mit unserer Heilung, das Heil ist für uns bestimmt. Denn Gott will das Gute für uns, wie schon der Prophet Jesaja erkennt: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ (Jes.42,3).

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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