Vom gesund und heil machen …

Es könnte ja so ein schöner Traum sein. Mit Jesus durch Palästina wandern, ihm zuhören, ihn miterleben, von seiner Weisheit und Gotteserkenntnis zu profitieren. Aber vielleicht würde ich auch darunter leiden, dass sein Handeln mein Tun und Denken permanent in Frage stellen.

[TEXT]

Keine Namen, keine wirkliche Geschichte, es geschieht alles im Vorübergehen, weil andere Menschen einen Menschen zu Jesus bringen, ihn mit einer Bitte vor ihn bringen – im Gebet? Aber vielleicht liegt hier auch der Kern unserer Geschichte. Es geht nicht um das große Geschehen oder die großen Szenen und auch nicht um die großen Gesten. Es geht um den Alltag, das Beiläufige, das was getan wird, weil es gerade am Wege liegt.

In diesem Fall sehen Menschen den Blinden, der mitten unter ihnen lebt, und bringen ihn zu Jesus, dass er ihn berührt. Wir wissen nicht, was sie sich davon versprechen. Aber mit Sicherheit etwas Gutes. Und dieses Gute – und sei es auch noch so klein – wollen Sie ihm zu Gute kommen lassen. Eine minimale Chance, sein Schicksal zu bessern, wollen sie nutzen.

Das rührt Jesus so sehr, dass er sich intensiv ihm zuwendet, seine Spucke ihm auf die Augen legt, nachhört und nachbessert. Auch das bemerkenswert: Das Wunder ist kein strahlender Moment, sondern bedarf einzelner Schritte. Ich muss manchmal auch den Dingen Zeit lassen, sich zu entwickeln und darauf vertrauen, dass Gott seinen Segen auch auf den kleinen Schritt legen wird.

Danach schickt Jesus den vormals blinden Menschen zurück in sein Leben und nicht in das Dorf, das gerade in der Nähe liegt. Er soll mit seiner neuen Fähigkeit – dem Sehen – nach Hause gehen zu den Menschen, die ihn unterstützt haben und denen er nun auch eine Hilfe sein kann. Die Heilung ist erst einmal eine rein organische Geschichte. Sein Leben geht weiter, mit den Menschen um ihn herum, in seinem Alltag. Ob da noch mehr draus wird, das überlässt die Geschichte unserer Phantasie.

Jesus lässt die Krankheit, das Leid an sich herankommen. Er nimmt den Blinden bei der Hand – er wendet sich ihm zu, er nimmt ihn wahr als Mensch. Immer wieder fasst Jesus die Menschen an, zärtlich berührt er sie und sie werden heil, weil er sie liebt um ihrer selbst Willen. Und er stellt mich damit vor die Frage: Wie gehst du mit Menschen um, die dir begegnen, die vor deinen Füßen liegen.

Spucke reiben Eltern manchmal liebevoll auf Wunden ihrer Kinder, wenn nicht selbst darüber hygienische Bedenken siegen. Jesu geht so auf einen wildfremden Menschen zu, weil er Kind Gottes ist. Er behandelt den Fremden als wäre es sein Kind oder sein Partner. Und so macht er ihn heil.

Ob es mir jemals gelingt, Menschen gesund zu machen, weiß ich nicht. Aber es reicht vielleicht, wenn es mir gelingt, Menschen heil werden zu lassen, wenn ich Ängste vor körperlicher Berührung abbaue, wenn ich die Probleme anderer an mich ranlasse. Wenn ich mir von Jesus die Augen öffnen lasse.

Und auch das ist vielleicht ein Geschehen, das mehrere Schritte braucht. Der Kampf gegen Blindheit dauert ein Leben lang. Auch der Kampf gegen meine eigene Blindheit. Meine eigene Blindheit für den Willen Gottes in meinem Leben, meine eigenen Blindheit für das, was ich tun kann, damit Menschen geholfen wird.

Wenn mich Freunde und Freundinnen zu Jesus bringen würden und er würde mir so kommen mit seiner Spucke an seinen Fingern, würde ich mich drauf einlassen? Und wenn ja, würde das was ändern. Wäre ich bereit, mich verändern zu lassen. Neu zu sehen, was Gerechtigkeit ist, was der Wille Gottes ist?

Jesaja 42,3: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus. – Wochenspruch

Und er geht heim – in sein Dorf. Nun kann er sehen. Ob ihm damit wirklich geholfen ist oder ob er zum Glauben kommt, wird nicht gesagt. Das ist auch nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist: er ist Jesus begegnet und ihm ist geholfen worden. Er hatte Menschen, die sind mit ihm einen Weg gegangen, dass es ihm gut geht. Mit Erfolg. Nun muss er seinen Alltag neu sortieren und gestalten. Und vielleicht viel bewahren von dem Segen, den er erfahren hat.

Und ich will lernen, dankbar zu leben mit den Gaben, die der Herr mir gegeben hat, mit dem Segen, den er immer wieder neu auf mich legt. Und ich will leben mit der Verheißung, dass er und seine Mägde und Knechte niemanden verloren geben, keinen glimmenden Dochte auslöschen, keine geknickten Rohre oder Menschen zerbrechen.

Vielleicht kann mir die Verheißung helfen, es meinem Herrn gleichzutun.

drucken