Geh unter der Gnade

Er spürte die Blicke, mit denen sie ihm nachschauten und er konnte ihre Gedanken förmlich hören. Schließlich hatten sie oft genug – zwar hinter vorgehaltener Hand, aber dennoch unüberhörbar – gesagt, was sie von ihm hielten.
„Ein richtiger Säufer ist aus ihm geworden, schaut ihn euch doch an, er hat sich überhaupt nicht mehr im Griff. Wie kann man nur so tief sinken. So schwer kann es doch nicht sein, sich zusammenzureißen. Aber er hatte ja noch nie einen starken Willen. Andere haben doch auch Probleme und lassen sich nicht so gehen….“
„Wenn die wüssten“, dachte er bei sich, „wie ich die letzten Monate und Jahre gekämpft und immer wieder verloren habe…; als ob Alkoholismus nur eine ausgeprägte Form von Willensschwäche sei. Habt ihr eine Ahnung, wie ich mich gefühlt habe, wenn wieder einmal der Drang zur Flasche stärker war, als der Wunsch, endlich trocken zu werden? Ihr wisst gar nicht, wie tief ein Mensch wirklich sinken kann, ja manchmal sinken muss, bis er begreift, dass es jetzt wirklich darauf ankommt.“
Er hätte es ihnen gerne persönlich gesagt, wenn sie ihn angesehen und mit ihm geredet hätten. Aber sie haben nur über ihn geredet.
„Er hätte lieber arbeiten gehen sollen, dann wäre er nicht auf dumme Gedanken gekommen und hätte weniger Zeit und weniger Gelegenheit zum Trinken gehabt. Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit…“ Das haben sie ihm einmal hinterher gerufen, ohne zu ahnen, wie sehr ihn das traf. Er wusste schon gar nicht mehr,wie viele Bewerbungen und Gespräche er auf der Suche nach einer Arbeit hinter sich hatte, fast alles hätte er angenommen. Aber keiner wollte ihm wirklich noch eine Chance geben. Wahrscheinlich eilte ihm sein Ruf doch schon überall voraus und keiner traute ihm zu, es diesmal zu schaffen.
„Kein Wunder, dass die Frau irgendwann mit den Kindern abgehauen ist, war ja nicht mehr zum Aushalten. Was er denen angetan hat, ist unglaublich. Ich wäre ja schon viel früher gegangen, war doch zu sehen, dass da nichts zu machen ist.“
Aber das hat er sich selber oft genug vorgeworfen. Er wusste, wie lange seine Frau gehofft hatte, ihn mit ihrer Liebe retten zu können und wie sehr sie unter ihrer Niederlage gelitten hat. Aber er wusste auch, wie es hinter den Fassaden bei den Nachbarn aussah. Was da zu Hause hinter der heilen Fassade, hinter der anständigen Moral, passierte, war ja nicht zu überhören und auch dort konnten die Kinder ihre verstörten Blicke und irritierten Gesichter nicht wirklich verbergen.
Aber er wollte sich nicht entschuldigen, weil er wusste, dass er die Verantwortung dafür trug, dass seine Familie kaputt und seine Ehe zerbrochen war. Er wusste, wie tief man im Leben fallen kann. Sie zeigten es ihm jeden Tag, aber dass hätte es gar nicht mehr gebraucht. Er spürte es auch so.
Trinker, arbeitslos, zerrüttete Familie – das waren die noch freundlichen Umschreibungen seiner Person in der öffentlichen Meinung der Nachbarn und ehemaligen Freunde, und dann wussten in der Umgebung alle, wer gemeint war !
Eine Sünderin – so beschrieben die Zeitgenossen Jesu die Frau, die einfach in das Haus des Pharisäers kam, als Jesus dort zu Gast war, sich zu seinen Füßen ausweinte, seine Füße mit ihren Tränen benetzte, mit den Haaren trocknete und mit Öl salbte – ohne Rücksicht auf die öffentliche Meinung. Die war nämlich klar. Und die Frau war anscheinend stadtbekannt. Ihre Person hat die Phantasie der Menschen immer schon angeregt ( so ist das nämlich mit den Schlechtigkeiten…). Ob es daran lag, dass alle wissen wollten, worin ihre Schuld bestand oder weil persönliche Tragödien eine außerordentliche Faszination ausüben, wenn ich sie aus dem nötigen inneren Abstand betrachten kann, weil es gar befriedigend ist, über das Schicksal und die Abgründe anderer nicht zu reden, sondern sich zu empören? Egal !
Im Laufe der Zeit ist das Bild dieser Frau verschmolzen mit anderen Geschichten, die man sich auch in der Bibel erzählte. Da gab es die Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte, da gab es Frauengestalten, denen man Prostitution nachsagte, oder der sie auch nachgingen und da gab es diese geheimnisvolle Gestalt der Maria Magdalena, die man immer wieder ganz nah bei Jesus fand, und der man eine Liebesbeziehung zu Jesus in den vielen Geschichten, die bis heute geschrieben werden, durchaus zutraute. Sicher Phantasie, scheinbar das Gegenteil oder anders als die überlieferte öffentliche Meinung: die braucht keine Einzelheiten, keine Details, da reicht das Urteil: Sünderin, wussten wir es doch immer schon.
Beide Gestalten haben etwas gemeinsam. In den Abgründen, die das Leben kennt, werden Menschen mit ihren ganz persönlichen Tragödien und Tiefen sichtbar und erkennbar. Selbst wenn ich keinen Namen kenne und sie in ihrer Gestalt nicht beschreiben kann, haben sie für mich (im übertragenen Sinne) ein Gesicht, sind anders als die Zuschauer, Gaffer oder die öffentliche Meinung greifbar. Sie haben ihre Geschichten, die sie ganz runter zogen, und sie haben einen Weg aus der Tiefe heraus gefunden.
Irgendwann hat er nämlich begriffen, dass seine Sucht keine Willensschwäche, sondern eine Krankheit ist, und dass er sich auf Dauer das Leben nicht schöner trinken kann, als es ist. Er musste allerdings erst vor einem Scherbenhaufen stehen, um das zu begreifen und er hat dann viel geweint, gerungen, aber endlich auch an der richtigen Stelle gekämpft, ehe er es geschafft hatte, nach Entgiftung und Entwöhnung dank einer Selbsthilfegruppe trocken zu bleiben. Er hat noch einmal eine Chance bekommen in einer geschütztem Umgebung mit Arbeit und damit einer Aufgabe, und er hat heute eine neue Partnerin, die um seine Geschichte weiß und nichts aus falsch verstandener Liebe zudeckt.
Er lebt sein Leben und für ihn ist das ein Wunder, wie eine Auferstehung.Er feiert den Jahrestag seiner Abstinenz wie einen Geburtstag.
Die Frau zu Jesu Füßen konnte sich auch nicht weiter erniedrigen, als vor ihm in die Knie zu gehen, mit ihren Tränen die ganze Tragödie ihres Lebens und ihres Weges zu offenbaren und abzulegen. Sie wurde ehrlich und damit angreifbar, verletzbar, sie stand mit ihrem Leben gewissermaßen völlig nackt da und bekam doch eine neue Chance auf Leben: dir sind deine Sünden vergeben.
Das heißt doch nichts anderes als: fange jetzt so an zu leben, wie du es jetzt endlich auch kannst. Sei endlich die, die du in Gottes Augen eigentlich schon warst und hättest sein können.
Reduziere dich nicht länger auf das Bild, das andere von dir haben, bedien nicht ständig ihre gierigen Erwartungen, dich im Sumpf versinken zu sehen, sondern zeige, dass Tiefpunkte im Leben auch Wendepunkte zu neuem Leben und zu besserem Leben werden können.
Gott traut dir diesen Neuanfang und spricht dir diesen Neuanfang zu – ohne Wenn und Aber.
Und vielmehr noch: mit diesem „ohne wenn und aber“ mutet Gott ihn dir auch zu – indem er dich auf deine eigenen Füße stellt und losschickt, hier und jetzt. Dir sind deine Sünden vergeben: steh auf und geh!
Das Versagen und die Fehler der Vergangenheit werden nicht ungeschehen dadurch, aber Versöhnung mit ihnen und mit den Menschen, die verletzt und enttäuscht zurückgeblieben sind, gelingt nur auf diesem Weg zurück ins Leben. Und das es diesen Weg als Angebot immer und für jeden gibt, das ist im biblischen Sinne Gnade.
Die eigentlich tragischen Gestalten sind die, die in ihrer Meinung und ihrem Urteil über andere gefangen bleiben.
Tragische Gestalten sind nicht die begnadeten Sünder, die den Weg aus der Tiefe heraus geschenkt bekommen haben, vielleicht noch nicht einmal die, die es versucht haben, aber dennoch daran gescheitert sind, denn auch sie gibt es, die nicht aus der Sucht, Verzweiflung oder Verirrung ihres Lebens herausfinden. Tragisch sind vor allem die, die bei ihrer vorgefassten Meinung über andere bleiben und ihnen nicht zutrauen, auch ganz anders sein und leben zu können, weil sie für sich nie entdecken werden und entdecken können, dass Gott auch ihnen anderes zutraut, sich für sie anderes wünscht und es auch immer wieder anbietet. Gott sieht in jedem Möglichkeiten, aber nicht jeder kann und/oder will sie für sich entdecken. Mancher braucht einen Tiefpunkt, damit ihm die Augen geöffnet werden. Manchem hilft vielleicht schon der Spiegel, den die Bibel uns vorhält oder die Zeichen, mit denen uns Gott immer wieder hören, spüren, sogar schmecken lässt: dir sind deine Sünden vergeben.
Was für ein Geschenk, dass Gott mir immer wieder eine zweite Chance und damit Leben anbietet, was für eine Gnade. Ich will sie ergreifen!
Amen

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