… dass Menschen eine Chance haben.

Die Geschichte, die uns Lukas erzählt, beginnt mit einem Pharisäer, der Jesus zu Tisch bittet. Er ist offen für dessen Botschaft, möchte hören und ausgerechnet bei ihm geschieht Unerhörtes.

‚Wer ist dieser Mensch?‘ – das ist die Frage, die im Hintergrund steht, für den Pharisäer, aber auch für Lukas, der seinen LeserInnen Lösungsangebote macht und gleichzeitig erklären muss, dass Jesus nicht festzunageln ist. Es gibt immer noch Überraschungen.

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Eigentlich ist diese Geschichte unvorstellbar: Für eine ehrbare Frau war es undenkbar mit aufgelöstem Haar Männern unter die Augen zu treten. Die Frau diskriminiert sich selbst, oder sie handelt nach dem Motto ‚ist der Ruf erst ruiniert …’. So oder so ist sie eigentlich außen vor – eine Person, mit der ‚man’ keinen Kontakt hat, von der man Abstand hält. Darum gibt es für die ‚Frommen’ auch keinen Weg zu Ihr. Aber sie betritt das Haus des frommen und lernbegierigen Pharisäers, der sich seinen Teil denkt. Dabei ‚erwischt‘ ihn Jesus und kontert mit einem Gleichnis.

Und das Gleichnis, das Jesus erzählt, ist eigentlich unglaublich: kein professioneller Geldverleiher wird so einfach Schulden erlassen. Und das Gleichnis passt auch nicht zur Situation – Die Größe von Vergebung ist nicht messbar. Ob mir 50 oder 500 oder 5000 € erlassen werden. Ich bin dankbar oder ich bin es eben nicht, auch wenn die eine Schuld bedrohlicher ist als die andere. Und doch verfehlt es seine Wirkung nicht, weil es einen wunden Punkt trifft.

Dieses Beispiel ist etwas an den Haaren herbeigezogen, aber es ist doch in sich logisch. Wir neigen schließlich auch bei Gefühlen gerne zum Gegenrechnen – als ginge es um Kredite. ‚Der hat sich derart schlimm benommen, da muss dann auch schon etwas mehr geschehen.‘ so formulieren wir dann gerne. Und diese Frau mit dem schlechten Ruf, da wäre doch etwas mehr Demut angebracht. Da müsste sie in Sack und Asche daher kommen und nicht derart provozierend sich wichtig machen.

Dabei lohnt sich genaueres Hinschauen durchaus: Die Geschichte wird gerne mit ‚die große Sünderin’ überschrieben. Da ist Zurückhaltung geboten. Sie wird dargestellt als stadtbekannte Sünderin. Aber nicht jede, die im Tratsch des Ortes gehandelt wird, muss auch so sein, wie die Leute sagen – und dann muss auch gefragt werden, warum ist sie geworden, was sie ist. Und was soll das heißen: Sie ist eine ‚Sünderin‘?

Trotzdem fällt auch der erotische Aspekt dieser Perikope auf. Das große Herz, die große Liebesfähigkeit dieser Frau, die sie vielleicht in Verruf gebracht haben. Unserer Phantasie wird hier viel Stoff angeboten.

Aber das interessiert Lukas nicht. Ihm geht es um die Zuwendung Jesu zu dem einzelnen Menschen, um die Aufnahme des konkreten Sünders / der konkreten Sünderin. Es geht in seiner Argumentation nicht gegen den Pharisäer, sondern für die Sünderin. Nicht niedermachen, aufbauen ist sein Ziel. Darum vergibt er ihr, was immer auch geschehen sein mag. Das was in diesem Moment geschieht, die aufmerksame und liebevolle Zuwendung, macht alles wett, was die Menschen beschäftigt.

Die Frau ist die im Ort Stigmatisierte. Mit der hat man keine Gemeinschaft, der reicht man noch nicht einmal einem Stückchen Brot – zumindest öffentlich. Die Geschichte erzählt eine ganze Menge auch darüber, wie Öffentlichkeit mit Menschen umgeht, die einmal durchs Raster gefallen sind.

Aber noch mehr erzählt sie darüber, wie Jesus mit Menschen umgeht, die wir vielleicht nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würden.

Jesus ist für Lukas immer wieder der, der sich den Verstoßenen zuwendet, dem Zöllner, dem Soldaten der Besatzungsmacht, auch dem Pharisäer, der eigentlich gegen ihn steht, wie auch dieser Frau, mit der ‚man‘ eigentlich nicht redet.

Jesus war derjenige, der zwar ‚nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegt‘ und trotzdem wurde er als ‚Fresser und Weinsäufer‘ kritisiert, weil er sich auf jeden Menschen einließ, sich von jedem einladen ließt, um ihm eine Chance zu geben. Sich selbst unmöglich machen, dass Menschen eine Chance haben.

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