Kann man im ALDI fromm werden?

Liebe Gemeinde,

I. Wortlos können wir nicht lange leben
Glaube wird nicht wortlos weiter gegeben. Aber manchmal im Leben werden wir wortlos. Funktionieren nur noch. „Wozu das alles?“, stöhnen unsere Gedanken auf. „Ich kann nicht mehr,“ pflichtet die Seele bei.

Eine Frau schleppt sich den Berg hinauf. Wasser holen.

Wenn wir nur noch funktionieren, funktionieren müssen, wird das Leben unerträglich.

Glaube braucht das Gespräch. Aber wie soll man da hinein finden?

Glaube entsteht, wo uns Christus anspricht. In evangelischer Tradition ist dieses Gespräch Gottes mit uns sehr stark auf die Predigt konzentriert. Die Predigt ist – wenn wir es mit einem Telefonat vergleichen – sozusagen „Gottes Anruf“. Zum Gespräch wird eine Predigt dann, wenn ich den „Anruf“ entgegen nehme. Glaube wächst, wenn ich spüre: Das Gespräch hat etwas mit meinem Leben zu tun.

Jesus lässt sich an einem Brunnen nieder.

Wenn wir Gottes Anruf annehmen. Was da geschieht, geschehen kann: Davon handelt unsere heute Predigt. Ihr Thema ist ein Gespräch, das Jesus mit einer Frau geführt hat.

Glaube entsteht, wenn wir hinter die Oberfläche der alltäglichen Dinge schauen. Glaube entsteht und bleibt lebendig, wenn wir mit Gottes Wort im Ohr hinter die Dinge des Alltags schauen können. Das ist ein Blick, ein Tiefenblick, den wir kaum noch üben.

Aus diesem Blick kommt uns das zu, was in den wortlosen Situationen fehlt: Geist. Wahrheit. Innere Lebendigkeit.
Wenn wir nur noch funktionieren sind wir auf reine Körperlichkeit reduziert. Das kann ein Mensch nicht lange aushalten. Geistlose Existenz ist für uns wie Blumen ohne Wasser.
Wortlos, geistlos können wir nicht lange leben.

Wenn sie so wollen, können sie die heute Predigt auch als kleine Meditationsanleitung für den Alltag verstehen.

II. Begegnung
Wir besuchen einen Ort, den sie bis heute mit Sicherheit in keinerlei Weise mit Glaube und religiösen Themen in Verbindung bringen würden. Danach mag es anders sein.

Im Johannes-Evangelium treffen wir im 4. Kapitel auf die Begegnung zwischen Jesus und einer Frau aus Samarien. Samarien ist der Teil des heutigen Israels nördlich von Jerusalem. Die dort lebenden Menschen bildeten so etwas wie eine mit dem Judentum verwandte Konfession, die sich weder am Tempel noch an Jerusalem orientierte. Und so, wie einst die Grenze zwischen dem katholischen Bamberg und dem evangelischen Kulmbach war, so auch die zwischen Israel und Samarien. Die Konfession trennte die Menschen in gegenseitiger Verachtung.

Jesus hatte sich ermüdet an einem Brunnen niedergelassen. Eine Frau kommt, Wasser zu schöpfen. Jesus spricht diese Frau, deren Namen wir nicht erfahren, an und bittet sie um Wasser. „Wie, ein Jude fragt eine wie mich wegen Wasser?“. Sie gibt es ihm mit erstauntem Gesicht. „Wasser kann viel bedeuten“, sagt Jesus dann sinngemäß. Und verwickelt sie ein Gespräch über die Symbolkraft von Wasser.

III. Beim ALDI fromm werden?
Ganz im Sinne einer modernen Wagner-Inszenierung verändern wir jetzt die Bühne. Wo würde das Gespräch zwischen Jesus und der Frau, die ja zum Einkaufen gegangen ist, heute stattfinden?

Gehen wir los. Wir betreten einen Discounter. Wir gehen einkaufen. Da wir sparsam sind, Qualität aber nicht gänzlich entbehren wollen und weil wir uns nicht für besser als andere halten, gehen wir zum ALDI.

Vor uns der erste, lange Gang. Menschen eilen an uns vorbei. Wir haben Zeit. Wir bleiben stehen und versuchen einmal, dass, was wir von unserem Glauben wissen, mit dem, was wir sehen, in Verbindung zu bringen. Dazu brauchen wir kein Studium. Uns reichen die Stücke, Bruchstücke, Erinnerungsstücke unseres Glaubens.

Rechts sehen wir das verlockende Angebot: Schokolade. Kekse. Gebäck. Links beginnt die Riehe mit Schnaps und endet mit Wein. Was wird einem Christenmenschen einfallen? Etwa diese Zeile aus dem Vater-Unser „Und führe mich nicht in Versuchung“.

Was ist Religion für sie, liebe Gemeinde? Ist Glaube für sie mit Warnung, Verbot und Vorschrift verbunden? Erwarten sie von Gottes Anruf klare Vorschriften?

In gewisser Weise leidet unsere protestantische Form des Glaubens unter der Reduktion – oder sagen wir ruhig heftiger – unter der Engführung des Glaubens hin auf Ethik, Verhaltensregeln, Vorschriften und dgl. mehr.

Was spräche dagegen, fiele uns beim Eingang des Discounters dieser Vers ein: …dass der Wein erfreue des Menschen Herz (Psalm 15). Evangelium heißt „frohe Botschaft“. Glaube ist Einladung zum Leben.

Rechts, beim Schokoladenregal könnten wir darüber nachdenken, wie oft wir diese „Seelentröster“ brauchen. Nur sie wissen, wie sie Schokolade essen: Stück für Stück genießend? Mancher stopft sie wahrlich in sich rein.

Wenn unser Jakobsbrunnen-Gespräch beim ALDI stattfinden würde, fragte Jesus vielleicht: Frau, warum kaufst du so viel Schokolade. Und sie würde ihn irritiert anschauen. „Hab ja kaum was, was schön ist.“ Nein, noch ist sie bereitet, tiefer zu gehen mit ihren Gedanken.

Ich habe nun keine platte Konsumkritik vor, die in etwa besagen würde: Bete und du musst keine Schokolade mehr essen… Anders hielte ich es für besser: Ich genieße Schokolade und mach mir ab und zu bewusst, was meinem Leben Süßigkeit gibt. Und wem ich sie geben könnte. Glaube, und darauf zielt das Gespräch Jesu ab, hebt uns aus der bloßen Existenz heraus.

Unsere Samariterin schiebt ihren Wagen schnell weiter. Fast, als wollte sie flüchten. Am Ende des ersten Ganges stehen die Putzmittel. Da kann er ja wohl nichts dagegen haben, wenn eine Hausfrau Putzmittel kauft.

Sie ahnen es, liebe Gemeinde, natürlich könnten wir nun angesichts der meterlang aufgetürmten Reinigungsmittel über unser Bedürfnis nach Reinheit sprechen.

In der Bibel nimmt Jesus den Wasserkrug in die Hand:
„Warum holst du Wasser“?
„Sollen wir verdursten? Wir trinken es. Wir waschen uns damit“.
„Ist das alles. Lebst du nur, dass du trinkst und dich wäschst?“

„Hat er etwa meine stille Klage gehört: Ich kann nicht mehr?“ Die Frau läuft nicht weg.

Sie lässt sich beim Einkaufen Jesu Frage nach dem Grundsinn ihres Lebens gefallen. Sie läuft nicht davon. Sie ahnt das Tor zur Freiheit, das in dieser Frage liegt. Endlich stellt sie mir jemand. Erste Wassertropfen benetzen den vertrockneten Geist.

So beginnt Glaube. Du musst vor der Frage, warum du lebst, nicht davon laufen. Das ist die evangelische, die ermutigende Botschaft, die in dieser kleinen Szene von damals liegt. Wenn du dich dieser Frage stellst, wirst du nicht ohne Antwort bleiben.

In unserer Geschichte ist es Jesus, der spricht:
„Es gibt etwas, dass dich wirklich rein macht. Es gibt ein lebendiges Wasser, das deiner Seele gut tut. Ein Wasser, das in dir zur Quelle wird und dein Leben in Ordnung bringt.“ In unserer Geschichte, wie Johannes sie erzählt, ist es Gott, der sich der Frau zuwendet. Sie ahnt es. Das ist der Anfang.

Wir könnten nun den ganzen Laden durchschreiten. Bei den Konserven mag uns der Gedanke kommen: Was weiß ich eigentlich noch von meinem Glauben? Hatte der Pfarrer damals nicht immer gesagt im Konfirmanden-Unterricht: Wir lernen auf Vorrat? Aber wo ist dieser Vorrat geblieben? Konserven haben ein Verfallsdatum. In Sachen Glauben ist das bei vielen Menschen schon längst überschritten.

Vor der Tiefkühltruhe mag uns der Gedanke kommen: Kann man Leben wirklich einfrieren? Können wir der Verwesung, die allem lebendigen innewohnt, wirklich Einhalt gebieten? Mehr als verzögern, mehr als verlängern können wir nicht.

Das Wurst- und Käseregal zur Rechten könnte uns Anlass geben, über unsern Umgang mit den Geschöpfen nachzudenken.
Vor dem Obst- und Gemüsestand – und hier kommen wir der Realität wohl am nächsten – blitzen immer mehr auch tatsächlich ethische Überlegungen in uns auf. „Bio“ soll darauf stehen und natürlich soll es auch „fair“ gehandelt sein

Kann man beim ALDI fromm werden? Das will zumindest nicht ausschließen.

Nun habe ich den Discounter noch aus einem anderen Grund als Bühne für unsere biblische Szene gewählt. Jesus trägt in dieser Geschichte das Thema „Religion“ sozusagen auf den Markt. Da ist kein Tempel, keine Kirche, kein Gemeindesaal, kein Raum, in dem wir für gewöhnlich unseren Glauben wohnen lassen und ihm Gestalt geben.

„Früher war das hier eine heilige Stätte“, sagt die Frau zwar. Aber Jesus antwortet:
„Es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.“, und er fügt hinzu: „Ihr wisst nicht, was ihr anbetet“.

Sätze, die wir ohne Abstriche in unsere Zeit hinüber holen können.

Zeit, sich endlich einmal im Laden umzuschauen.
Wie viel Religionen und Konfessionen sind mit uns gleichzeitig im Laden?

Evangelische, Katholische, Freikirchler, Konfessionslose, Islamis, Buddhisten, Atheisten.

Wir wissen es nicht. Aber immerhin kann man durchaus feststellen:

ALDI führt die Menschen zusammen. Unsere Religionen trennen uns. Das ist kein Vorwurf. Nur ein Denkanstoß. Der ist – wenn wir auf den weiteren Zusammenhang unserer Geschichte im Johannes-Evangelium schauen – darin angelegt. Dort folgen drei Gespräche aufeinander. Zuerst spricht Jesus mit dem jüdischen Gelehrten Nikodemus über die Frage geistiger Neuorientierung im Alter. Danach folgt unser Gespräch mit der Frau, die einer anderen Religion angehört. Und es schließt sich ein Gespräch mit einem römischen Hauptmann, dessen Sohn Jesus heilt, an.

Jesus begegnet diesen Menschen mit Respekt. Er belehrt sie nicht. Er tritt mit ihnen ins Gespräch. Nicht absichtslos. Er will ihre Augen, ihren Sinne, ihr Herz für Gott öffnen. In Liebe. Ohne Herrschsucht. Ohne Bevormundung. In Freiheit.

In unserer Geschichte heißt es: Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Das kann nur in Freiheit, in Liebe und mit Respekt geschehen. Davon handelt die Begegnung Jesu mit der namenlosen Frau am Jakobsbrunnen beim Einkaufen des Wassers.

Es gelingt, wenn wir Glauben und Leben dort zusammen bringen, wo wir sind. ALDI ist ja nur ein Beispiel für viele Räume, in denen wir uns angewöhnt haben, Religion draußen zu lassen, obwohl sie gegenwärtig ist. Aber wollen wir das sehen?

Es wird Zeit, den Laden wieder zu verlassen. Es ist ja schon ziemlich lange her, dass wir uns vor dem Süßigkeiten-Regal die ersten Fragen haben stellen lassen.

Aber ehe wir hinausgelangen, müssen wir an der Kasse vorbei. Das ist wie beim „Jüngsten Gericht“. Jetzt wird alles offenbar, was wir durch den Lebensmittel-Laden geschoben haben. Stück um Stück dessen, was wir auf das Band legen, erzählt von uns: Was wir brauchen, genießen, verschlingen.

Zur Rechten und Linken teilt man sich auf. Wie beim „Jüngsten Gericht“. Man spekuliert noch, ob man strategisch so günstig steht, dass man die vielleicht bald sich öffnende Kasse vor den anderen erreicht. Allein das sagt viel über uns aus.

Und dann liegt alles auf dem Band. Wird notiert. Festgehalten. Berechnet. Ob das beim Jüngsten Gericht ähnlich sein wird: Alles liegt auf dem Band. Und man kriegt die Rechnung.

Vor einer Weile konnte ich dies an einer Kasse beobachten. Eine sehr junge Frau, deren Kleidung und unsichere Haltung in etwa ihren Seelenzustand ahnen ließen, hatte zu viel eingekauft. Es fehlten ihr gut zwanzig Euro. Kein Kreditinstitut hatte ihr eine Plastikkarte ausstellen wollen. Planlos griff sie einzelne Stücke aus dem Einkaufswagen heraus und legte sie mit hochrotem Kopf auf das Band zurück. Da aber zog der hinter ihr stehende Mann sein Portemonnaie hervor. „Ich zahle das für sie“, sagte er.

Diese einfache Szene sagt mehr aus über das, was Jesus im Jüngsten Gericht für uns tun wird als tausend Seiten kluge Dogmatik.

Glaube entsteht, wenn wir hinter die Oberfläche der alltäglichen Dinge schauen und sie auf diese Weise mit Gottes Wort ins Gespräch bringen.

Das ist ein Blick, ein Tiefenblick, den wir kaum noch üben. Heute wollte ich sie dazu animieren: Nehmen sie einfach irgendetwas, was ihnen wichtig ist in die Hand. Versuchen sie, unter die Oberfläche zu schauen. Es kann sein, dass sie sehr schnell bei ganz wichtigen Lebensthemen ankommen. Das tut dem Geist gut und verhindert, dass wir innerlich austrocknen.

Die Frau, der Jesus begegnet war, hat danach ihr ganzes Dorf bekehrt.

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