Schalten ist kein Geheimnis (das kann ruhig jeder hören!)

Am Ende sind sich Almosen geben und Autofahren näher als gedacht! Beide Dinge, das Geben und das Autofahren, sind sicher nicht ganz einfach, wenn auch die Schwierigkeiten jeweils anders verteilt sind. Eine Sache haben beide gemeinsam:„Schalten ist kein Geheimnis. Das kann jeder hören!“ das war ein Satz, den ich in meinen ersten Fahrstunden des Öfteren gehört habe. Immer dann, wenn ich mich verschaltet hatte. Das Knarzen der Schaltung war ein lauter Hinweis darauf, dass bei meinem Schaltvorgang etwas nicht richtig funktioniert hat. Ebenso ist es beim Almosen geben: Geschieht das laut oder gar zu laut, läuft irgendetwas nicht richtig! Es geht also in beiden Fällen um das Erlernen eines Automatismus.

Nun: Die Sache mit den Almosen ist schwierig! Nicht nur, weil das Wort alt und verstaubt und überhaupt nicht modern klingt. Auch weil das Wort in unseren Tagen keinen allzu guten Klang hat: „Almosen geben“ ist ein herabsetzender Begriff, allzumal die Person, die diese Art der Zuwendung erhält damit in unserem gesellschaftlichen Gefüge ganz bestimmt nicht aufgewertet wird. Eher wird der, der ein Almosen empfängt zugleich damit abgespeist. Die Grenze zur Demütigung ist fließend.

Dabei war ein Almosen geben einmal eine gute Sache. Nichts, was den anderen Menschen herabgesetzt hätte. Luther hatte das Wort „Almosen“ mit „Wohltat“ übersetzt. Ganz so, „wie uns Gott wohltut und wir wiederum auch einer dem anderen tun sollen.“ (Vgl.: E. Steggemann, in: Predigtstudien V, Stuttgart 1989, S. 173). Luthers Analyse, so schön sie klingt – das ist lange her!

Und es kommt noch schlimmer. Nicht nur, dass die empfangende Person nicht wohl geschätzt ist, nein, auch ändert das Almosen nichts an der vorfindlichen Realität und der Lage der Empfänger. Altbischof Huber weist darauf hin, dass „kein Almosen etwas daran ändert, dass in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich größer wird. Der Gegensatz zwischen denen, die unter den Bedingungen von Hartz IV ihre monatlichen Ausgaben planen müssen, und denen, die Gehälter beziehen, bei deren Höhe vielen schwindlig wird – dieser Gegensatz wird immer krasser. […] Die neue Armut in unserem Land hat viele Gesichter. Und skandalöse Ausmaße.“ (Vgl.: Wolfgang Huber: Predigt im Gottesdienst in St. Marien zu Berlin über Matthäus 6,1-4, 2. September 2007).
Das Almosen gerät also zunehmend unter Druck und das nicht bloß, weil es in Misskredit steht. Das „Almosen geben“ selbst hat allerdings noch einen anderen – viel mächtigeren – Feind als den herabwürdigenden Gebrauch innerhalb der deutschen Sprache. Jede Gemeinde, jedes Hilfswerk, jedwede diakonische Einrichtung, die Kirche selbst – sie alle teilen sich den Heilandsruf der modernen Öffentlichkeitsarbeit: „Tue Gutes und rede darüber!“ Oder anders gefragt: Was wäre die Alternative, würde die Kirche nicht mehr in aller Öffentlichkeit erzählen, was sie mit den ihr anvertrauten Kirchensteuern macht? Und heißt es nicht auch an anderer Stelle der Bergpredigt, dass man schließlich auch „kein Licht anzündet und stülpt dann ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter. Dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." (Mt 5, 15)

Kirche sucht und braucht die Öffentlichkeit und das zu Recht. Aber: Jesus spricht "von drei Verhaltensweisen des Glaubens: Beten, Fasten und Almosen geben. Beten und Fasten dienen der Rückversicherung an Gott und bringt die nötige Erdung ins Spiel zurück, wenn man Gefahr läuft, vor lauter Angeboten und Möglichkeiten den Boden unter den Füßen zu verlieren droht. Die Aufgabe des Almosen Gebens liegt dann darin, dass der unsichtbare Gott "uns den Weg zeigt, das Verhältnis zu Gott, zu uns selbst und zu den Mitmenschen in der Balance zu halten.“ (Vgl.: Wolfgang Huber: Predigt im Gottesdienst in St. Marien zu Berlin über Matthäus 6,1-4, 2. September 2007)

Dieser Dreiklang erklärt, löst aber das Dilemma vom Licht auf dem Leuchter und dem stillen Almosen geben nicht auf. Ist damit also schlicht zum wiederholten Male der Beweis erbracht, dass die radikalen Forderungen des Mannes aus Nazareth nicht funktionieren? Damals nicht und heute erst recht nicht? Die Sache mit den Almosen bleibt schwierig. „Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden.“

Ein kurzer Blick auf die damalige Zeit mag helfen: Aufhänger für die klaren Worte Jesu war die Situation vor vielen Synagogen in Israel. Das Judentum kannte natürlich eine öffentliche Armenfürsorge, aber, wie das so ist mit sozialen Systemen und Netzen, nicht alle Menschen konnten in darin landen. Sie waren darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt durch betteln zu verdienen. Wichtig war darum ein guter, öffentlicher und gut frequentierter Platz, an dem sich viele Menschen trafen und zusammen kamen. Unter diesem Setting kam es zu einem sehr einseitigen „joint venture“, denn der Schwache wurde jetzt auch noch benutzt: Zwar konnte der Bettler davon ausgehen, dass sein Flehen auch finanziell erhört wurde, aber am Ende war er doch nur Mittel zum Zweck. Der Gebende hatte ihn benutzt. Denn er konnte sicher sein, dass auch viele andere Zeitgenossen ihm dabei zusehen konnten, wie er dem Bittenden ein Almosen zusteckte; wie er sowohl wohltätig, als auch barmherzig war.

Genau dieses Verhalten, das besondere Zusammenspiel von „sehen-und gesehen-werden“ ist Jesus ein Dorn im Auge. Darum entlarvt er dieses inszenierte Schauspiel mithilfe der damaligen Theatersprache: „Heuchler“ nennt er die Menschen, die so verfahren. Immerhin geht es diesen Leuten nicht um das Tun im Verborgenen, sondern nur um die öffentliche zur Schaustellung ihrer Wohltätigkeit. Am Ende einer solchen Handlungskette standen für den Geber Ruhm und Ansehen und ein Ehrenplatz im Gotteshaus. (Vgl.: Walter Grundmann, das Evangelium nach Matthäus, Berlin 1968, S. 193.)

Nun, „ein Schauspieler will gesehen werden. Seine ganze Kunst ist auf den Beifall der Zuschauer angelegt. Er braucht das Rampenlicht. […] Im Verborgenen würde er niemals seine Rolle spielen. Mit echter Anteilnahme, mit Erbarmen, ehrlichem Mitleid und aufrichtiger Hilfe hat so ein Verhalten dann absolut nichts zu tun. Dem öffentlichen .Wohltäter. geht es in erster Linie nicht um Zuwendung zu einem bedürftigen Menschen, sondern um seinen eigenen Vorteil.“ (Vgl.: Klaus Bergmann, Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis)

An dieser Stelle könnte man getrost einwenden, aber „klappern gehört doch zum Handwerk“. Dem ist nicht zu widersprechen. Die Frage ist nur, an welcher Stelle klappert man und wie laut? Schließlich gibt es Bereiche im Leben eines Christenmenschen, die verdienen eine sensible Betrachtung der Realität. Darum warnt Jesus: „Habt acht auf eure Frömmigkeit.“
Wer gibt, nur um dabei gesehen zu werden, der begeht eine Sünde, weiß Rabbi Eleazar und Jesus ergänzt, dass Wohltätigkeit, die unter diesem Eindruck getan wird, eben keinen Lohn von Gott empfangen wird! (Vgl.: Walter Grundmann, a.a.O., S. 194). Härter kann man ein solches Verhalten nicht verurteilen.

Sicher: Der Drang nach Aufmerksamkeit ist groß. Gerade in Zeiten, in denen die Anbieter mehr werden und der Markt immer kleiner wird. Und trotzdem! Beim Almosen geben und beim Autofahren geht es am Ende um ein und dieselbe Sache: Genauso wie beim Schalten während des Fahrens geht es beim Almosen um einen Automatismus: Beides soll so geschehen, das die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut. Es soll gerade nicht immer abgewogen und danach geschaut werden, was die andere Hand gerade tut. „Gute Werke machen nimmermehr einen guten, frommen Mann, sondern ein guter Mann macht gute, fromme Werke.“
Und darum geht’s: Wer ein Auto mit Schaltgetriebe fahren will, muss lernen, die Schaltung blind zu bedienen. Der stete Blick auf die Schaltung birgt Gefahr in sich. Natürlich muss das geübt werden. Genauso ist es mit dem Almosen geben. Es ist verlockend, die anderen daran teilhaben zu lassen, was für ein toller Mensch man ist. Sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen ist eine Unart, die leider vermehrt zu beobachten ist: „Die einen wollen immer mehr Geld. Die anderen wollen immer mehr Anerkennung. Die einen können nicht genug Geld bekommen. Die anderen sind unersättlich nach Anerkennung.“ Dieser Tendenz hält Jesus entgegen: „Menschlichkeit hängt auch daran, dass es generöse Menschen gibt, die […] ihr Tun nicht ausschließlich unter dem Aspekt des Tauschwerts sehen. […] Wir alle können dazu beitragen, dass Tugenden wie Edelmut, Großzügigkeit, Freigiebigkeit, Noblesse und Weitherzigkeit unser Leben prägen.“ (Vgl.: Wolfgang Huber: Predigt im Gottesdienst in St. Marien zu Berlin über Matthäus 6,1-4, 2. September 2007)

Im Sinne Jesu könnte das dann so aussehen, dass der, der hat dem der braucht etwas abgibt. Einfach so. Ohne viel Tamtam. „Gib von deinem Geld, von deiner Kraft oder von deiner Zeit. […] Großes Gerede und Getue sind dabei nicht gefragt: Das sprichwörtliche „Ausposaunen“ muss nicht sein, aber zugleich muss das Licht nicht unter dem Scheffel stehen. Doch die Linke braucht nicht zu wissen, was die Rechte tut. Schau nicht auf das, was du zurückbekommst, sondern tu einfach, was dein Herz dir sagt. Probier es aus, wie es ist, gut Mensch zu sein: nobel und spendabel.“ (Vgl.: Wolfgang Huber: Predigt im Gottesdienst in St. Marien zu Berlin über Matthäus 6,1-4, 2. September 2007)

„Gute Werke machen nimmermehr einen guten, frommen Mann, sondern ein guter Mann macht gute, fromme Werke.“ Almosen geben ist wie Autofahren mit Schaltung – ein einfacher und – richtig getan – ein stiller Automatismus.
AMEN

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