Miteinander beten statt gegenseitig ins Schienbein treten

Johannes 4, 19-26 – 4.8.2013 Berlin Johannisthal

An einem Brunnen traf Jesus mit einer samaritanischen Frau zusammen. Es entwickelte sich ein Gespräch der beiden, in dem der Frau immer mehr die Bedeutung Jesu aufging. Gegen Ende des Gespräches heißt es dann bei Johannes im 4. Kapitel:

– Text –

Wenn in den Nachrichten von den Palästinensern die Rede ist, dann fällt nicht selten der Name der Stadt Nablus. Nablus ist das alte Sichem. Dort erheben sich die Berge Ebal und Garizim und dort auf dem Garizim hatte die Gemeinde der Samaritaner ihr Heiligtum. Das ist der Berg, auf den die Frau im Gespräch verweist. Zu den Samaritanern gehörte die Frau, die mit Jesus redet, zu jenen also, die Jesus meint, als er das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erzählt, zu jenen Samaritanern, mit denen sich die Juden so gar nicht vertragen.

Das Heiligtum auf dem Garizim ist heute längst zerstört, doch nach wie vor ist dieser Berg den noch immer im Lande wohnenden Samaritanern heilig. Sie feiern ihr Passah dort oben. Der Platz sieht für einen Außenstehenden allerdings nicht gleich wie ein Kultplatz aus: eine Betonfläche, umzäunt mit Maschendraht. Auffällig sind einzig die hohen Eisenpfähle mit Haken oben dran. Sie dienen zum Aufhängen der Passahlämmer, die bei den Samaritanern genauso wie bei den Juden und bei den Muslimen geschächtet werden, also ausbluten müssen. Es gibt viel Gemeinsames zwischen Juden und Samaritanern, nicht nur religiöse Feste, sondern vor allem haben sie die Thora, die fünf Bücher Mose, als Heilige Schrift gemeinsam. Aber leiden können sie sich deswegen trotzdem nicht, im Gegenteil! Das war früher so und ist heute nicht anders.

Es gibt auch viel Gemeinsames zwischen Juden und Muslimen, denn beide verbinden ihren Glauben mit Abraham. Beide verehren sie die Propheten und Könige des Alten Testaments. Aber kommen sie deswegen miteinander aus? Keineswegs! Gerade im Heiligen Land treffen die Gegensätze immer wieder in voller Härte aufeinander, aber durchaus nicht nur da.

Und wir Christen? Kommen wir etwa mit Juden und Muslimen gut aus? Doch keineswegs. Wir kommen doch noch nicht einmal untereinander klar! Da ist es auch kein Trost, dass das bei den Juden und Muslimen auch nicht anders ist. Und es erschreckt uns immer wieder, wenn wir hören, wie sich in arabischen Ländern Schiiten und Sunniten als die Hauptgruppen der Muslime gegenseitig in die Luft jagen.

Wird sich das jemals ändern? So fragen wir zuweilen mit großer Sorge.

Es gibt nicht wenige Leute, die sagen, die eigentlichen Probleme lägen nicht in den religiösen, sondern in den sozialen Widersprüchen. Man sorge für sozialen Ausgleich, dann erledigen sich die religiösen Spannungen von ganz allein, so das sehr vereinfachte Lösungsangebot. Es ist auch etwas dran an dieser Sicht der Dinge. Aber aufs Ganze gesehen, kommt so doch keine Lösung zustande. Es sind ja meistens gerade die sozial besser Gestellten und die besser Gebildeten, die die Revolutionen organisieren und auch die Bomben werfen. Denen ist mit einer Verbesserung der Verhältnisse nicht viel geholfen, denn ihnen persönlich geht es meistens gar nicht so schlecht. Es sollte daher niemand die Macht der Gedanken und die Triebkraft der Religionen unterschätzen.

Wenn wir also religiös fragen, dann lohnt es sich ja wohl, dass wir als Christen auf Jesus schauen. Ich habe den Eindruck, sein Verhalten im Gespräch mit der Samariterin erweist sich da als sehr hilfreich. Es lässt sich mit dem einfachen Satz beschreiben: Den eigenen Standpunkt klar vertreten und gleichzeitig dessen Vorläufigkeit einräumen.

Jesus sagt: Das Heil kommt von den Juden. Das ist eine klare Ansage. Und Jesus sagt dies als Jude. In den jüdischen Traditionen ist er aufgewachsen. Seine Predigten und seine Taten sind ohne diesen Hintergrund nicht denkbar und nicht zu verstehen. Spricht er vom Gottesreich, dann bilden die Hoffnungen der Juden den Hintergrund. Heilt er am Sabbat, dann geht es um das Gesetzesverständnis der Frommen, der Pharisäer. Lehrt er das Vaterunser, dann bildet das 18-Bitten-Gebet der Juden den Hintergrund. Redet er von Gott, dann ist das kein anderer als der, der in der Heiligen Schrift des Alten Testaments begegnet, in der Bibel der jüdischen Gemeinde. Das ist für Jesus die verbindliche, weil richtige Tradition.

Jesus vertritt eine klare Position, die den Standpunkt des Gegenübers in Frage stellt. Wir müssen das wörtlich nehmen. Da wird die andere Position weder madig gemacht noch verdammt. Es wird ernsthaft gefragt: Wo kommst du her? Was ist für dich das Richtige und warum?

Es wäre schon viel gewonnen im Verhältnis der Religionen untereinander, legten nur alle eine solche Fragehaltung an den Tag. Die anderen erscheinen dann fragwürdig im unmittelbaren Wortsinn, denn sie sind es wert, dass man nach ihren Glaubens- und Beweggründen fragt.

Als Christen orientieren wir uns an Jesus. Er ist der Garant unseres ewigen Heils und darum der Orientierungspunkt für unser Leben. Das sollten und brauchen wir vor niemandem zu verstecken, so wie Jesus klar sagte: Das Heil kommt von den Juden. Aber wenn wir Jesus folgen, dann werden auch wir nicht nur ihn als unseren Heiland bezeugen, sondern zugleich die anderen, die anders Glaubenden und die gar nicht Glaubenden, mit Interesse nach ihren Beweggründen und ihren Hoffnungen befragen. Zweifellos gibt es da viel Gemeinsames zu entdecken.

Aber Jesus bleibt bei der klaren Position und der interessierten Fragehaltung nicht stehen, er lenkt den Blick weiter in die Zukunft. „Glaube mir“, sagt er zu der Frau, „es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.“

Das klingt, nimmt man den Satz für sich allein, beinahe nach Überwindung der Religion, aber eben nur beinahe. Es geht hier lediglich um die Form, um das äußere Erscheinungsbild von Religion. Das kann sich ändern, das kann unter Umständen auch entfallen. Entscheidend sind der Geist, in dem alles geschieht, und die damit verbundene Suche nach Wahrheit. Oder wie Jesus es hier sagt: „Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Damit das geschieht, sind viele Orte möglich: Dom oder bescheidener Gemeindesaal, Synagoge oder Moschee, Hindutempel oder Fußballstadion.

Wir werden es theologisch nicht klar bekommen, ob an diesen Orten in jedem Falle zu demselben Gott gebetet wird. Wohl eher nicht. Aber das gehört dann zu der letzten großen Wahrheit, die uns erst am Ende der Tage offenbar werden wird. Bis dahin haben wir das Zeugnis Jesu: „Ich bin’s.“ Und wir haben sein Vorbild: die anderen ernst nehmen und sie unserer Fragen und unseres Interesses würdigen, ihnen darin wahrhaftig begegnen. Wo Glaubende so aufeinandertreffen, da wird es immer noch Differenzen und auch Streit geben. Man muss sich aber nicht bekämpfen. Menschen, mit denen man gemeinsam betet, denen tritt man nicht ins Schienbein. Wo es so läuft, würde Jesus sagen: „Es ist schon jetzt.“ Und, Gott sei es gedankt, wir erleben es auch immer wieder.

Wo aber Juden verspottet oder Muslime verteufelt oder Christen verfolgt werden, wo Hindus auf Andersgläubige losgehen und Buddhisten den Weg des Friedens verlassen, da wird ganz sicher das Gebet vergessen, von dem Jesus spricht. Was können wir dagegen tun? Oft genug nur wenig, aber trotzdem immer wieder dies: Selber treu beten. Offen bleiben für die anderen, ihnen wahrhaftig begegnen, ihr Schicksal teilen, soweit das möglich ist, so wie die christliche Kirche schon seit langer Zeit, bei uns am 10. Sonntag nach Trinitatis, mit den Juden über die Zerstörung des Tempels von Jerusalem trauert und sich dieses Ereignis selber zur Mahnung sein lässt. So bleiben wir auf der Spur Jesu. Amen.

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