Vom Schatzblick und den Schätzen im Leben

Einen Schatz finden. Das ist der Traum aller Kinder. In einer staubigen Truhe auf dem Dachboden. In einer verlassenen Hütte im Wald. Oder eine Kiste voller Goldstücke, vor langer Zeit in der Erde vergraben wie die Himmelsscheibe von Nebra.
Manchmal findet jemand tatsächlich etwas. Beim Umbauen etwa. Oder in einem unscheinbaren Koffer tauchen vergessene Familiendokumente auf. In Weißenfels entdeckte ein Musikwissenschaftler jüngst eine unbekannte Notenhandschrift von Bach (Bach fertigte eine Abschrift einer italienischen Messe für die Aufführung in Leipzig an).

So abenteuerlich ist die Geschichte unseres Leuchters. Eines Tages rief ein Mann bei mir an und erklärte, er habe einen alten Leuchter aus der Jacobikirche. Nach dem 2. Weltkrieg, als geplündert wurde, hätten die Einzelteile zweier Leuchter vor der Kirche gelegen. Leute hätten sie mitgenommen und bei sich aufbewahrt. Irgendwann hätten sie sie über Dritte ihm übergeben. Die Teile der 2. Leuchters wären unrettbar verbogen gewesen.
Auch die ältesten Leute konnten sich nicht an alte Leuchter erinnern oder daran, daß etwas aus der Kirche abhanden gekommen sein sollte. Ich brachte den Leuchter zum Goldschmied. Der besah ihn sich lange von oben bis unten, kratzte etwas herum, war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt aus Silber ist, zuckte mit den Schultern und schenkte mir ein Silberputztuch.
Doch da war das dreimal verschlungene C mit einer Krone. Gewöhnliche Leuchter tragen keine Kronen. Wir holten unsere anderen silbernen Gegenstände hervor, die Vasa Sacra. Als wir die Kelche, Vasen, Patenen, die Taufkanne genauer betrachteten, entdeckten wir auch hier das C. Erst jetzt dämmerte uns, welche Kostbarkeiten wir hüten. Sie stammen von Herzog Christian von Sachsen-Weißenfels. Der Goldschmied Jens Fischer begutachtete die Stücke und stellte sogar die Werkstätten fest.
Wir haben einen Schatz gefunden, zufällig, ohne daß wir gesucht hätten, so ähnlich wie in der Geschichte von Jesus. Ja wir haben anfangs gar nicht gewußt, worauf wir gestoßen sind.

[Predigttext]

Etwas finden, das ist faszinierend. Finden, das heißt: entdecken, überrascht sein, staunen, sich freuen, merken: ich bin reich, ich habe etwas. Wenn Kinder das feststellen, dann klatschen sie in die Hände, springen umher, und ihre Augen leuchten. So ein Erlebnis macht glücklich. Deshalb vergleicht Jesus es auch mit dem Himmelreich.
Ich bin reich, ich habe etwas. Da stecken bunte Murmeln in der Hosentasche, die Muscheln von der Ostsee werden vorgezeigt. Die Großen hüten den Brief von der Liebsten, streichen über die ersten Haarlocken der Kinder oder freuen sich über einen warmen Geldsegen auf dem Bankkonto.
Ich bin reich, ich habe etwas. Es ist gut, wenn jemand Schätze hat. Oder noch besser: wenn wir sie entdecken können. Es ist gut, wenn jemand den Schatzblick hat und aus all dem, was wir erleben, das Überraschende, das Aufbauende herausfiltern kann.
Es geht also weniger darum, was ich besitze, sondern darum, wie ich daran herangehe und was ich daraus mache. Kindern gelingt das völlig mühelos. In der Hütte sehen sie den Palast, im Stuhl den Thron, im Stöckchen finden sie den Schlüssel zum Glück.

Läßt sich der Schatzblick üben? Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand, einem Kaufmann, der gute Perlen suchte und eine kostbare fand. Das hört sich so einfach an. Doch wer schafft das schon: mitten auf dem Acker auf die eine Scholle stoßen, die genauso staubig und verkrustet ist wie all die anderen Erdklumpen drumherum und die doch einen Schatz birgt. Es gehört viel Erfahrung dazu, in einem Haufen Ramsch und Trödel, in einer Kiste voller Klunker, Glitzer, zwischen angelaufenen Steinen und aufpoliertem Schmuck die eine echte Perle auszumachen.

Der Schatz liegt offen und zugleich verborgen. Das können auch wir jeden Tag feststellen, wenn alles Mögliche auf uns einstürmt: Schrott und belangloses Gerede, das uns die Ohren verstopft und unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Gelingt es uns, das Körnchen Wahrheit zwischen all dem Wort- und Werbungsmüll herauszupicken, die versteckte Botschaft herauszuhören, die verschämte Frage, das Fünkchen Weisheit, das Fitzelchen Sinn?
Gerade wenn es uns schlecht geht und wir Tiefschläge einstecken müssen, kann ein solcher Schatzblick weiterhelfen und die Situation verändern. Inmitten aller Widrigkeiten lasse ich mich nicht auf das Negative fixieren. Im Gestrüpp sehe ich nicht nur die Dornen wuchern, sondern auch die kleine Rose blühen. Hinter dem Unrecht entdecke ich die Notwendigkeit zur Veränderung, aus der Wut erwächst Mut, die Niederlage bringt eine unerwartete Wendung. So etwas entdecken können ist ein Geschenk, eine Gabe – aber vielleicht läßt sie sich wirklich trainieren. Und reich werde ich nicht, wenn ich vieles besitze, sondern wenn ich viel in mir trage. Der wirkliche Reichtum liegt nicht in Gegenständen, die ich habe, sondern in mir selbst.

Das Gleichnis von Jesus regt an zu fragen: Was ist der Schatz in meinem Leben? Was ist die tiefe Wahrheit, die in meinem Leben verborgen ist? Was sind die Schätze, die ich bisher übersehen habe und die es noch zu entdecken gilt? Was liegt da noch alles unter der Oberfläche und wartet darauf, ausgegraben zu werden?
Schätze – das sind meine Fähigkeiten und Gaben, meine Lebenskraft. Es sind meine Träume, meine Gefühle und Sehnsüchte, meine Beziehungen und Erinnerungen. Bin ich da reich oder bin ich mit der Zeit verkümmert? Wohl die wichtigsten Schätze sind Menschen.

Du bist mein Schatz. Das ist einer der schönsten Sätze für einen Menschen. Wenn ein Kind ihn niemals hört, wird sein Leben möglicherweise für immer stumpf bleiben und ohne Glanz. Du bist mein Schatz. Wenn uns das jemand sagt, beginnen nicht nur unsere Augen zu strahlen, sondern unser ganzes Leben. Es ist die Botschaft, die wir Kindern und Erwachsenen bei der Taufe mitgeben.
Schätze zu entdecken, zu heben, zu vermehren, dazu will Jesus unsere Augen öffnen. Wenn wir sie finden, ist es wie im Himmelreich.

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