Warum? Wieso? Wozu das alles?

„Warum gerade mir?
Was habe ich getan, dass ich so bestraft werde?“
Eben noch hatte sie lauter Pläne für ihre Zukunft gemacht, wollte sich beruflich verändern, in eine andere Stadt ziehen, neu anfangen, endlich spüren: das Leben ist schön…
Und jetzt zerstört die Diagnose alle Pläne: unheilbar krank alle Zukunftshoffnung.

Warum?
Wieso?
Wozu das alles?

Das fragten sich auch die Eltern, die so voller freudiger Erwartung auf ihr Kind waren. Eigentlich hatten die Ärzte ihnen schon keine Hoffnung mehr gemacht. Dann die wunderbaren Monaten des heranwachsenden Lebens und am Ende legte sich unter der Geburt die Nabelschnur um den Hals und keiner hatte es gemerkt.

Warum?
Wieso?
Wozu das alles?

Keine Frage geht so unter die Haut, weil sie an die Substanz geht.
Mit ihr steht und fällt vieles, wenn nicht gar alles:
ob es im Leben einen Sinn gibt und hinter allem etwas sinnvolles steht;
ob ich meines Glückes oder meines Unglückes eigener Schmied bin;
ob in allem und über allem ein gütiger, gnädiger oder etwa nur hilfloser, oder noch schlimmer ein nur erdachter, erträumter, bestenfalls erhoffter Gott wohnt!
Warum?
Wieso?
Wozu das alles?

Schlimmer allerdings als alles bohrende Fragen, Zweifeln, ja Verzweifeln am Leben sind die voreiligen, manchmal gutgemeinten, aber oft nur niederschmetternden, weil bestenfalls hilflosen Antworten der lieben Mitmenschen:

Wer weiß, wozu das gut ist!
Jetzt musst du lernen, aus der Zeit das beste zu machen…
Ihr seid noch jung, vielleicht bekommt ihr noch einmal ein Kind…
Hinter jeder Krankheit steht ein Sinn und eine Aufgabe, die musst du nur entdecken…
Gott will dir etwas damit sagen. Vielleicht gibt es ja in deinem Leben einen wunden Punkt, über den du endlich nachdenken musst, damit du deinen Frieden mit ihm und mit dir machen kannst…

Vielleicht, liebe Gemeinde, ist das alles so.
Vielleicht ist das alles sogar richtig und an der Zeit.
Und doch sind es irgendwie strafende, harte, sogar unbarmherzige Antworten.
Ahnen wir eigentlich, was wir den Adressaten dieser Antworten, den Verzweifelten, Trauernden und Enttäuschten und auch den Nachkommenden damit zumuten?
Ja, es gibt Leid, Krankheit, Sinnlosigkeit in dieser Welt, es gibt Schuld, Versagen und Enttäuschung im Leben aller Menschen und manchmal hängt alles auch irgendwie miteinander zusammen, kommt im Leben nicht wirklich alles wie aus heiterem Himmel, sondern hat mit meinem Leben, meinem Verhalten, meinem Umgang, meinen Einstellungen, ja auch mit meinen Taten zu tun.
Und manchmal verändern mich solche Erfahrungen, wachse ich an ihnen, lerne anders, bewusster, klarer zu leben, womöglich sogar in verkürzter Zeit, weil der drohende Tod sich nicht mehr leugnen, verdrängen und aufschieben lässt und finde mich am Ende getröstet ganz nah bei Gott, in seiner Hand oder in seinem Schoß wieder.
Aber eben nur manchmal.
Ein anderes Mal bleiben Verzweiflung, Ratlosigkeit und die totale Infragestellung der Güte Gottes, bleiben ein unbeantwortetes „Warum-Wieso-Wozu das alles?“
Deswegen ist doch aber nicht der eine besser und der andere schlechter, der eine gerechter und auf dem richtigen Weg und der andere auf einem Irrweg, deswegen ist doch aber nicht Gottes Liebe bei dem einen größer und dem anderen kleiner.
So einfach wünschen wir uns zwar oft die Welt und das Leben, aber so einfach sind sie eben nicht.
Jesus demonstriert das seinen Jüngern und Zeitgenossen nicht zum ersten Mal.
Da begegnet ihnen ein Blindgeborener und sofort ist die Frage nach der Ursache, schlimmer noch nach der Verantwortung oder Schuld präsent: es geht nur noch darum, ob er oder seine Eltern die Verantwortung für diese Situation tragen: wohlgemerkt bei einem Blindgeborenen….
Wo sollte denn seine Schuld liegen?
Natürlich fragen sich Eltern: haben wir etwas falsch gemacht?
Hätten wir ihm dieses Schicksal, ohne Augenlicht sich in einer Welt zurechtfinden zu müssen, die noch keine Behindertenhilfe und erst recht keine Inklusion kannte, sondern ganz im Gegenteil mit Ausschluss und in manchen teilen der Welt sogar mit der Auslieferung an den Tod reagierte, ersparen können?
Jeder, der liebt, will Schicksalsschläge ohne Wenn und Aber ersparen !
Aber das Leben bleibt für jeden nur in unterschiedlichem Maße ein Auf und Ab, ein Weg zwischen Licht und Schatten,Höhen und Tiefen, Freude und Leid, Lachen und Weinen.
Und in dem Maß und Wechsel der Fälle im Leben werden wir kein Muster erkennen und müssten verzweifeln, wenn wir es verstehen wollen
– oder uns schuldig machen an anderen, wenn wir uns anmaßen ihr Leben zu deuten, besser zu verstehen als sie selbst!
Deswegen kommt Jesu Antwort prompt und bei aller Bildhaftigkeit eigentlich auch klar: ein eindeutiges weder er noch seine Eltern haben Schuld.
Krankheit, Einschränkungen, Handicaps sind keine Frage von persönlicher Schuld und persönlicher Strafe!
Was für ein Gottesbild verbirgt sich denn bitte in solch einer Vorstellung.
Natürlich sind alles Leid, alle Ungerechtigkeit, die manchmal ganz fern von mir geschehen und mich deshalb auch unberührt lassen können, die manchmal aber auch direkt mir widerfahren können, Ausdruck einer Welt, die noch nicht oder nicht mehr so ist, wie sie sein sollte oder sein könnte. Wir leben in einer unerlösten Welt, in der biblisch gesprochen gefallenen Schöpfung, wir leben in der Erwartung, aber noch nicht in der Vollendung des Reiches Gottes. Wir ahnen, ersehnen das Licht, wir entdecken uns ins seinem Schein, finden uns im nächsten Augenblick aber wieder im Dunkel des Lebens und hoffen, dass das noch nicht alles ist.
Aber gerade deshalb will Jesus uns vor einfachen Antworten und einfachen Welt- und Gottesbildern bewahren…
Will uns davor schützen, schon für andere und von anderen zu wissen, was es mit ihrem Leben auf sich hat. Er lebt vor, bei anderen zu bleiben, um mit ihnen zusammen auch die Schatten des Lebens auszuhalten und vielleicht als stummer aber anteilnehmender Begleiter zu erleben, wie sie für sich ihrem Weg und ihrem Leben etwas abgewinnen können.
Denn natürlich kann mit auch in meinem Leid, in meiner Krankheit, in meinem Scheitern Gott begegnen und zu mir sprechen, aber dann ist es meine Aufgabe nach ihm zu fragen, auf ihn zu hören, mein Leben in einem anderen , in seinem Licht zu sehen.
Und er versucht zu tun, was getan werden kann, um ihre ausweglose Situation zu verbessern.
Er heilt.
Er heilt nicht nur kranke Seelen, lindert Verzweiflung, stiftet Sinn, nein: er heilt auch körperliche Gebrechen. Er lebt vor und macht erfahrbar, dass Reich Gottes eine Welt ohne Leid an Körper, Seele und Geist sein will.
Es geht nicht nur darum, auch dem Leid gegenüber die Augen des Herzens zu öffnen, weil wir nur mit diesen wahrhaft sehen können.
Es geht nicht nur darum, dass in Gottes Licht anders als in unserer Wirklichkeit nicht mehr Schein, sondern endlich Sein zählt.
Es geht auch darum, dass Menschen mit Krankheit und Handicaps mit offenen Augen gesehen werden und einen Platz in unserer Mitte und nicht nur am Rande – entsorgt und versorgt – finden, sondern in die Mitte gestellt werden und dort mitten unter uns bleiben und leben können, dass wir ihre Gegenwart spüren, zulassen, aushalten, ihr begegnen, sie berühren und heilen, wo es uns möglich ist.
Denn für viele, für immer mehr, Gott sei Dank, aber leider noch nicht für alle gilt doch mittlerweile: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören…
Selbst so mancher eigentlich schon dem Tod Verfallene kann und darf noch einmal zum Leben aufstehen.
Manchmal bedarf es dazu keiner großen Hilfe…
Vielleicht kennen sie die eindringliche Spendenwerbung der CBM:
wenige Cent reichen für eine Medikament, dass das Augenlicht rettet und manche StarOP kostet in der dritten und vierten Welt oft nur wenige Euro und schon kann einem Menschen mit Namen und Gesicht zum Leben geholfen werden.
Das können wichtige Antworten auf alles Fragen nach dem „Warum,Wieso und Wozu“ das alles sein.
Und sie lassen konkret werden, was ich für mich – und nur dafür spreche ich jetzt – auf allen Wegen meines Lebens erfahren habe: ich bin nicht allein unterwegs, Gottes Hand hält und trägt mich und nichts kann mich von dieser Liebe, die mit Jesus ein Gesicht und eine Stimme bekommen hat, trennen.
Amen

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