Unendlicher Markt!

Liebe Gemeinde,
auf den ersten Blick und vor allem auf das erste Hören hin, könnte man bei dem heutigen Predigttext meinen: Okay, alles klar, mal wieder eine Wundererzählung über Jesus. Es ging halt ganz schön ab damals. Jesus hat so manches auf- und durchgemischt in jener Zeit, vor 2000 Jahren. Dinge getan zum sprachlos Werden und Augen Reiben. Die Band hat uns das mit dem einen Lied gerade wunderbar in den Fokus gerückt: „Was für ein Mensch, dem Wind und Wellen gehorchen, der auf dem Wasser geht, der Wasser in Wein verwandelt, der selbst den Tod bezwingt…
Und auch hier im Gottesdienst bekommen wir es bestätigt: Letzte Woche die Speisung der 5000, heute eine Blindenheilung. „The same procedure as last week” möchte man in Anlehnung an Dinner for one vielleicht sagen. – Und doch ist es heute etwas anders. Sicher heilt Jesus da einen Blinden – ganz am Schluss. Sicher verdient das ungezählte Superlative als Reaktion und Bewertung oder ließ die damals Anwesenden vielleicht vergeblich nach Worten ringen. Das ist ja alles keine Frage. Doch wenn wir genau hinschauen, dann stellen wir fest: Jesus war dabei, an dem blinden Menschen vorbeizugehen. Einzig die Frage der Jünger provoziert das weitere Geschehen. Aber diese Frage hat es in sich: „Meister“, fragen sie, „wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ Eigentlich hätten sie zu Jesus ja auch sagen können: „Meister, kannst Du diesem armen Kerl denn nicht im Vorbeigehen einfach rasch helfen, dass er sehen kann?“ Es ist ein bisschen so, wie wenn der Notarzt, der an die Unfallstelle mit dem übel zugerichteten Verletzten kommt, erst einmal sich erkundigt, ob der zu schnell gefahren ist oder wer wem die Vorfahrt genommen hat. Aber wie auch immer. Die Frage der Jünger verrät theologisches Interesse und sie liegt ganz unauffällig auf der Linie der damals im Judentum vorherrschenden Theologie. Jesus selbst bewegt sich genau vier Kapitel vorher auch auf dieser Linie, als er zu einem Geheilten abschließend sagt: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre!“ (5, 14).
Und nun hier: „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“ – Sie hätten auch fragen können: „Womit hat er das verdient?“ – Und, liebe Gemeinde, damit kommen wir irgendwie auch bei uns selbst an. Denn wir kennen diese Frage: „Womit habe ich das verdient?“: Die Behinderung von Geburt an, die frühe schwere Krankheit, die Kinderlosigkeit – endlos könnte man weitermachen. „Womit habe ich das verdient?“ – Aber man kann die Frage auch umgekehrt verstehen: Womit habe ich das große Glück verdient, das mir widerfahren ist: Dass ich bisher gesund geblieben bin, dass ich so viel Freude an meinen Kindern und Enkeln haben darf…
Beispiele für beide Richtungen finden sich in folgendem weltbekannten und insgesamt sehr tragischen Ereignis: In genau vier Tagen jährt es sich zum dreizehnten Mal, dass bei Paris eine Maschine des Überschallflugzeugs Concorde abgestürzt ist. Zwei hoben am 25.07.2000 von Paris nach New York ab. Die erste war schon weg und kam an. Die zweite wurde beim Start beschädigt, fing Feuer und stürzte ab. Alle 109 Insassen starben. Im ersten Flieger saß ein Ehepaar, das Tage vorher umgebucht hatte: Von der Unglücksmaschine auf die vorher startende Linienmaschine, die heil ankam. Womit hatten die 109 verdient, in der Unglücksmaschine den Tod zu finden und womit hatten die zwei verdient, ganz kurz vor knapp sozusagen dem Tod von der Schippe zu springen? Haben die einen derart viel auf dem Kerbholz und die anderen so uferlose Groß- und Wohltaten vollbracht, dass so ein Schicksal gerechtfertigt wäre?
Den Jüngern sagt Jesus: Vergesst das. Es ist ganz anders als ihr denkt. Dieser Mensch hat nichts getan. Aber Gottes Werke sollen an ihm deutlich werden. Gottes Wille zum Guten, zum Heil und zur Erlösung. An ihm und an Menschen wie ihm und an Problemen wie er sie hat, soll ablesbar werden, dass Gott, mein Vater einen sagenhaften, einen gänsehautguten Plan für die Menschen und die Erde hat. Ich und ihr und alle meine Jünger sind darin eingebunden – und zwar jetzt. Denn es muss umgesetzt und bekannt gemacht werden. Dieser Blinde da wartet darauf, die ganze Welt wartet darauf. Nutzt die wertvolle, kostbare und begrenzte Zeit.
Ein Schuhunternehmen in Australien wollte einmal seinen Markt ausweiten. Zu diesem Zweck beschloss die Geschäftsleitung, zwei Repräsentanten unabhängig voneinander loszuschicken. Jeder von ihnen sollte untersuchen, welche Möglichkeiten bestanden, Schuhe zu verkaufen. Die beiden Mitarbeiter der Firma reisten in unterschiedliche abgelegene Teile Australiens, um festzustellen, ob es dort einen Markt unter den Ureinwohnern des Landes gäbe. Einige Zeit später trafen zwei Telegramme ein. Im Ersten Telegramm hieß es: „Unmöglicher Markt. Alle gehen barfuß.“ Im zweiten Telegramm stand: „Unendlicher Markt! Alle gehen barfuß!“ (aus: C. Haverkamp (Hrsg.), Vom Duft der Rosenblüte, Gießen, 2012 (9.Aufl.))– Es kommt auf die Haltung an. An ihr entscheidet sich alles. Jesus möchte, dass seine Jünger, dass wir zu solchen Leuten werden wie jener zweite Repräsentant: Unendlicher Markt… Nicht weil alle anderen ungläubig sind. Das wäre sektiererisch, viel zu platt und einfach falsch. Aber dennoch: Unendlicher Markt – weil vieles nicht ist, wie es sein sollte und könnte: der Glaube ist in unserem Land schwer in der Defensive, die Kirche hat gesellschaftlich immer weniger Gewicht und ansonsten: Korruption, soziale Ungerechtigkeit, ökologische Krise, Werteverfall… es gibt so viele Baustellen überall. Darum: Unendlicher Markt… Und darum mit den Worten Jesu: Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat…
Und nach diesem Satz heilt er den Blinden und zeigt damit den Jüngern wie er sich das vorstellt: Licht sein in der Welt. Licht bringen zu Blinden, Licht dahin bringen, wo Menschen vor allem auch im übertragenen Sinn im Dunkeln sind, auf der Schattenseite, bei den immer Benachteiligten. Aber auch dass wir einander Licht werden und Licht bringen. Wie viele Reibungsverluste und Konflikte, wie viel Lieblosigkeit und Gehässigkeit gibt es gerade auch in der Kirche. Da ist dann oft das Licht, von dem Jesus hier spricht und das er selbst ist, leider ganz weit weg.
Ich möchte schließen mit einer kleinen Geschichte, die uns zeigt, wie es gehen kann, Liebe zu leben, einander und anderen zum Licht zu werden und alles in allem Gott zu bezeugen und zu verherrlichen:
Zwei Brüder wohnten und arbeiteten einst miteinander. Der Jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der Ältere war unverheiratet und allein. Die beiden Brüder betrieben zusammen eine Landwirtschaft. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Stöße. Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der Ältere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: „Mein Bruder hat eine Familie. Ich bin dagegen allein und ohne Kinder, doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht.“ Er stand auf, nahm von seinen Garben und schichtete sie heimlich und leise zu den Garben seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein. In derselben Nacht, aber geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und sprach im Herzen: „Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?“ Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise hinüber zum Stoß des Älteren. Als es Tag wurde, erhoben sich die Brüder. Beide waren höchst erstaunt, dass ihre Garbenstöße gleich groß waren wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte etwas. In der zweiten Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm wieder von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie die Garben fallen und umarmten einander in brüderlicher Liebe. Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach: „Heilig sei mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen.“ (s.o. S. 48f)
Liebe Gemeinde, wo das geschieht, ist Christus da, mitten unter uns. Solange das geschieht, ist und bleibt es hell bei uns, weil das Licht dieser Welt sich ausbreitet.

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