Wer hat Schuld?

Wie oft habe ich schnelle Antworten auf Fragen, die eigentlich niemand gestellt hat? Wie oft meine ich, alles kommentieren zu sollen? Von dieser menschlichen Eigenart sind auch die Jünger Jesu betroffen:

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Wie oft sind wir eigentlich nur auf der Suche nach Ursachen und Schuldigen und nicht auf der Suche nach Opfern und wie denen geholfen werden kann?

Die Geschichte beginnt, indem Einer nicht nur redet, sondern genau hinsieht. Christus nimmt den Blinden wahr. Auch die Jünger nehmen ihn wahr, aber eher als Gegenstand einer Diskussion und nicht als Menschen, der Zuwendung braucht. Jesus sieht den Menschen und das, was er braucht.

Und für den ist er sich auch nicht zu schade, den Straßenstaub mit seiner Spucke zu vermengen, und diesen Brei dem Anderen auf die Augen zu streichen. Erst über diesem Umweg öffnet er dem Blinden die Augen – und den Umstehenden auch!

Er hat für ihre Diskussion auch keine direkte Antwort. Die Blindheit ist weder Folge eines Versagens, noch dient sie einem Zweck, auch nicht dem, dass Jesus verherrlicht würde. Sie ist nur eine Aktion, die diesem Menschen in dieser Situation weiterhilft. Und Jesus sieht den Menschen. Und gibt damit auch die Antwort auf die Anfrage seiner Jünger.

Er kann nicht sagen, warum dieser Mensch sehbehindert ist, warum andere körperbehindert, geistig behindert sind oder an Krebs, Aids oder am Schlaganfall erkranken. Aber er kann sagen woran diese Menschen auch leiden: Dass sie Gegenstand von Gesprächen sind, aber nicht wirklich Gesprächspartner. Und daran leiden heute noch Menschen mitten unter uns: Dass wir über sie reden, statt mit ihnen. Und dafür braucht man keine Behinderung. Aber mit Behinderung ist es besonders auffällig: Wenn zwei erwachsene Menschen einem entgegenkommen und es sprechen zwei über den Dritten – und der sitzt im Rollstuhl oder ist blind.

Da geht es den Jüngern nicht anders. Sie sehen den Menschen mit seiner Behinderung und reden. Es ist eine Geschichte im Vorübergehen. Ein Blinder erregt Anstoß – Denkanstoß, kein Mitleid. Er regt an zum Meditieren über die Schuld, über die Frage, woher diese Krankheit kommt.

Jesus dagegen regt an zum Hinsehen. Jesus sieht den Menschen an. Er nimmt ihn ernst als Wesen mit Gefühlen, als Menschen, den Gott geschaffen hat, als seinen Bruder, als ein Bild Gottes.

Die Frage nach der Schuld des blinden Menschen hält den Fragenden einen Spiegel vor, weil er von ihrer Schuld spricht. Sie sehen den blinden Menschen an – mit ihren Vorurteilen. Dieser ist von Geburt an blind. Das muss doch Gründe haben? Heute meditieren wir an der Stelle gerne über Drogen oder Medikamentenmissbrauch der Eltern. Das war damals etwas Anders – und trotzdem: Irgendwer war Schuld – eine Strafe Gottes für ein Lotterleben der Eltern, so sehen das heute noch manche Menschen nicht nur bei Aids. Unterschwellig begegnet mir das heute noch bei Krankheiten. Betroffene selber aber auch Außenstehende fragen nach Schuld. Beginnend bei ‚viel geraucht‘, ‚zu viel gegessen und getrunken‘, steigert sich das zur Frage der Jünger. Oder auch zu der selbstzerstörerischen Frage: ‚Womit habe ich das verdient?‘

Was haben wir eigentlich für ein Bild von Gott, der Menschen straft mit schweren Krankheiten und Behinderungen und der sogar Kinder behaftet für die Schuld ihrer Eltern. Und was haben wir für ein Bild von Menschen, wenn wir versuchen alles Leid auf irgendeine selbst gemachte Ursache zurückzuführen. Wollen wir damit – unterbewusst – nur erreichen, dass wir das Leid und Elend nicht an uns ranlassen wollen. ‚Selber Schuld‘ also müssen wir nichts tun. Also müssen wir nicht solidarisch sein mit denen, die leiden, die Probleme haben, die einfach nur einen Menschen brauchen.

Jesus sieht den Blinden und heilt ihn ohne dass der ihn bittet, allein aus dieser unwürdigen Diskussion heraus, die nur nach Messen und Beurteilen fragt. Diese Heilung provoziert die Frage: was nun? – Meint ihr jetzt wären seine Eltern von Schuld befreit? Damit wird die Hohlheit dieser Fragen offensichtlich.

Die Frage lohnt nicht zu stellen: ‚Wer hat Schuld?‘ wenn der Fragende nicht wirklich bereit ist, an dem konkreten Schicksal etwas zu tun: dem Leidenden zu helfen.

Die entscheidende Frage muss ich mir selber stellen: was hat Gott mit mir in meinem Leben, mit meinen Möglichkeiten vor?

Das Leiden, mit dem ich konfrontiert werde, berührt mich. Das wäre ein erster Schritt: Wie Jesus sich berühren lassen, das Leid an sich selbst persönlich heranlassen und mit seine Möglichkeiten antworten. Wenn ich Leid spüre, dann bin ich auf einem guten Wege, dem Weg, auf dem ich meine Mitmenschen wahrnehme und ihnen helfe, mit ihren Lasten klar zu kommen.

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